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„Linkssein als Generationskonflikt“

Armin Petras inszeniert „Milchwald“ im Kleinen Haus / Premiere am 25. September

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Armin Petras Foto: J. Landsberg

Was bedeutet es eigentlich heutzutage sich als politisch links zu verorten – und wie unterscheidet sich das zu älteren Generationen? Diesen Fragen stellt sich Hausregisseur Armin Petras in dem von seinem Alter-Ego Fritz Kater verfassten Stück „Milchwald“, in dem er vier unterschiedlich sozialisierte Protagonisten auf einen Roadtrip nach Polesien und einer Reise zu sich selbst schickt. Im Interview erklärt der Regisseur und Autor, wie die Idee zum Stück entstand und warum es ihm wichtig ist, Widersprüche herzustellen.

Wie ist die Idee zm Stück entstanden?
Das Stück ist ja gar nicht von mir, sondern stammt von Fritz Kater (lacht). Ich kenne ihn aber gut. Ich bin die dritte Spielzeit in Bremen. Zuvor war ich in vielen anderen Städten der Bundesrepublik tätig – Stuttgart, Berlin, Hamburg, München, Leipzig und noch einige mehr. Ich habe aber noch nie eine Stadt erlebt, die von ihrem Selbstverständnis und ihrer gesamten Prägung so links wie Bremen ist. Und das, obwohl bei der letzten Wahl mit der CDU eine konservative Partei die meisten Stimmen bekommen hat. Dennoch kommt es mir so vor, als ob die meisten Menschen in dieser Stadt das Selbstverständnis haben, links zu sein, eine eher linke Biografie haben und dass man in Bremen bis in die späten 90er-Jahre hinein relativ gut abgesichert ein linkes Leben führen konnte. Das haben mir zumindest viele Gespräche bestätigt. Das eigene Bewusstsein an der linken Geschichte ist sehr stark in Bremen. Da es heutzutage aber etwas anderes bedeutet, links zu sein als noch vor 20 oder 50 Jahren, lasse ich in dem Stück verschiedenen linke Generationen aufeinandertreffen.

Welche sind das?
Da ist zum einen Frau Niebuhr. Sie hat Anfang der 70er Jahre unter Hans Kresnik Stücke gegen den Vietnam-Krieg auf der Bühne des Theaters am Goetheplatz getanzt. Die zweite Generation ist in den 80er-Jahren sozialisiert worden, war auf Anti-Reagan-Demos und hat sich aktiv gegen Castortransporte gewehrt. Die dritte Generation ist wesentlich jünger und viel radikaler. Bei ihr ist eine gewisse politische Korrektheit viel wichtiger als beispielsweise noch vor 20 Jahren. Und diese Generation hat aus meiner Sicht auch in manchen Situationen den Kontakt zur Arbeiterklasse ein wenig verloren. Linkssein als Generationskonflikt, sozusagen.

Wie finden sich diese drei Generationen im Stück wieder?
Es geht zum Beispiel um Sylvester, benannt nach Sylvester Stallone, ein linker Bodybuilder, der bei Straßenkämpfen in Connewitz ein Ohr verloren hat. Er sagt in dem Stück zu den jungen, gerade von der Uni kommenden Linken einen der elementarsten Sätze des Stückes: „Euer wichtigstes Wort ist Diversität, unser wichtigstes Wort ist Euro.“ Wir lassen diese Generationen sich in dem Stück begegnen und austauschen. Wenn man sich die Gesellschaft heutzutage anguckt, gibt es weiterhin übergreifende linke Themen wie soziale Kämpfe und Armut, die eine große Rolle spielen. Aber es gibt meiner Meinung nach heutzutage in Arbeiterstadtteilen mit einem großen Anteil migrantischer Bevölkerung ein anderes linkes Verständnis als im Viertel oder in der Neustadt. Es geht mir aber nicht darum, dass gegeneinander auszuspielen. Ich sehe vielmehr meine Aufgabe als Dramatiker und Regisseur darin, Widersprüche herzustellen. Daher ist es aus meiner Sicht auch gut, innerhalb der Linken immer wieder zu einem Diskurs zu kommen.

Warum der Titel „Milchwald“?
Letztendlich gibt es die vier linken Protagonisten, die sich von Bremen aus auf den Weg nach Polesien machen, um die abgeschobene Migrantin Laila und ihre Kinder zurückzuholen. Die Hälfte der Geschichte spielt praktisch in einem Wald an der Grenze zu Belarus. Dieser Wald erscheint undurchdringlich, ein wenig wie der Wald in einem jedem selbst. Deshalb „Milchwald“.

Was erwartet die Zuschauer?
Ein Roadmovie. Vier sich selbst als links verstehende Menschen aus unterschiedlichen Generationen begeben sich auf eine Reise. Auf diesem Trip gibt es Auseinandersetzungen darüber, wie diese Menschen leben und welche Werte sie haben. Und es gibt viel Musik.

Das Interview führte Martin Märtens.

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