Start Veranstaltungen Theater „Es klingt wie Schiller auf LSD“

„Es klingt wie Schiller auf LSD“

„Attentat oder frische Blumen für Carl Ludwig“ am Theater Bremen / Regisseurin Pinar Karabulut im Interview

28
Foto: Julia Sang Nguyen

1815 bricht in Indonesien ein Vulkan aus. 1819 kommt es in Deutschland zum ersten rechtsmotivierten Attentat. 2067 mutiert Roboter Carla zur rechtsradikalen Systemgegnerin. Diese Inhalte und Motive prägen Mehdi Marapours Theaterstück „Attentat oder Frische Blumen für Carl Ludwig“, in dem Vergangenes die Gegenwart und Zukunft infiltriert. Als Uraufführung bringt Jungregisseurin Pinar Karabulut die Handlung auf die Bühne des Theater Bremen. Im Interview spricht die 32-Jährige über ihre Arbeit, die Besonderheiten des Stücks und erklärt, inwieweit das Genre Komödie trotz ernster Themen gerechtfertigt ist.

Frau Karabulut, Sie gehören mit 32 Jahren zu einer jungen Regie-Generation. Ist das eher untypisch?
Pinar Karabulut: Ich glaube, es gab da vor einigen Jahren einen Wandel. Man darf nicht vergessen, dass Mitglieder der alten Garde, also Regisseure, die seit vielen Jahren Regiearbeit leisten, auch irgendwann mal angefangen haben. Früher war es üblich, teilweise schon mit Anfang 30 als Intendant aufzutreten und ein Schauspielhaus zu leiten. Entsprechend inszenieren diese Leute natürlich auch heute noch auf den Bühnen. Fakt ist aber, der Nachwuchs ist da. Und ja, ich bin jung, aber das ist das Theater, das ich mache, auch. Ich denke, es ist ein gutes Alter, in dem man noch offen für die Welt ist. Man ist gefestigt, aber nicht eingefahren.

Als Regisseur erntet man nach der Premiere eines Stückes entweder die Lorbeeren oder die Kritik. Wie nervös waren Sie bei Ihrer ersten Inszenierung?
Ich kann mich noch gut daran erinnern. Meine erste Arbeit war „Invasion“ am Schauspiel Köln. Natürlich spielt Nervosität bei Premieren immer eine Rolle, aber in dem Fall habe ich diese Arbeit einfach so geliebt, dass mir etwaige Kritik egal war.

Arbeiten Sie lieber auf Basis bekannter Romanvorlagen oder mit neuen Stücken, die noch nie zuvor inszeniert wurden?
Tatsächlich habe ich noch nie eine Romanadaption inszeniert, obwohl mich das sehr reizen würde. Uraufführungen finde ich auch interessant, obwohl sie schwierig sind. Man ist so gesehen die erste Person, die eine Figur zusammen mit den Spielern zum Leben erschafft. Das macht die Sache schwierig, aber für mich auch interessanter. Ich will mich ja auch nicht langweilen (lacht). Bei häufig inszenierten Stücken wie zum Beispiel „Romeo und Julia“ ist die Schwierigkeit dann wieder eine andere. Generell arbeite ich sehr gerne mit Textbuchautoren zusammen.

Trifft das auch auf Ihre Inszenierung „Attentat oder Frische Blumen für Carl Ludwig“ zu?
Ja. In diesem Fall muss ich sogar von einem Glücksgriff reden. Mehdi Morapour habe ich Anfang der Spielzeit kennengelernt und mich mit ihm viel über den Text unterhalten. Der Text ist sehr komplex und konfus, aber wahnsinnig intelligent geschrieben. Es ist eine Mischung aus assoziativen aber auch sehr konkreten Inhalten. Um ihn wirklich zu verstehen, war der Austausch für mich wichtig.

Was ist so besonders an der Geschichte?
Das wird deutlich, wenn man einen Blick auf die Handlung wirft. Die Roboterfrau Carla emanzipiert sich von ihrem Roborterleben und wird durch einen Kurzschluss mit einem rechtsradikalen Programm bespielt. Anschließend geht sie hinaus in die Welt, wo man ihr Alkohol anbietet, und sie eine Fehlfunktion erleidet, die dazu führt, dass ihre Gedanken noch radikaler werden. Ihre gesprochenen Texte vermischen sich dabei auf der Bühne mit Zitaten, etwa von Alexander Gauland (Fraktionsvorsitzender der AFD, Anm. d. Red.). Das ist unheimlich interessant. Die poetische und bildliche Sprache des Autors trifft auf identitäre und populistische Sätze.

Klingt, als wäre die Sprache ein wichtiges Merkmal des Stücks.
Ja, Mehdi Marapour verändert die deutsche Grammatik und kombiniert seine Sprache mit politischen Zitaten. Es ist so konfus und gleichzeitig genial. Es klingt wie Schiller auf LSD.

Die Abläufe der Geschichte klingen ziemlich düster. Inwiefern ist das Genre Komödie gerechtfertigt?
Erzählen wir nicht die traurigsten Geschichten immer mit einem Lachen? Dass das Stück eine Komödie ist, macht sich vor allem an der Hilflosigkeit der Charaktere deutlich. Alle wollen irgendwie handeln, wissen aber nicht wie und geraten deswegen in irre Verstrickungen.

Premiere: Freitag, 13. September, Theater Bremen, 20 Uhr.