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„Schokolade und Lakritz“

Santiano-Sänger Björn Both im Interview/ Nachholtermin steht fest

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Seit der Bandgründung 2011 sind Santiano auf Erfolgskurs: Axel Stosberg, Hans-Timm Hinrichsen, Andreas Fahnert, Björn Both und Peter David Sage (v.l.n.r.). Foto: Carsten Klick

+++ Das geplante Konzert von Santiano am 29. März findet nicht statt. Aufgrund der Erkrankung von Bandmitglied Peter David „Pete“ muss die Gruppe ihre geplante Tournee verschieben. Nachholtermin ist der 16. Oktober. +++

Diese Formation ist aus der deutschsprachigen Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken: Santiano feiert Erfolge, von denen andere nur träumen. Mit der Einladung von MTV folgte nun ein weiterer Ritterschlag. Wir haben mit Sänger und Multiinstrumentalist Björn Both über das „Santiano – MTV Unplugged“-Album und die gleichnamige Tour gesprochen.

Guten Tag Herr Both. Seit der Bandgründung im Jahr 2011 haben Sie fast vier Millionen Tonträger verkauft. Damit ist ­Santiano die erfolgreichste deutschsprachige Band des vergangenen Jahrzehnts. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
(Lacht) Ach, es ist müßig, darüber nachzudenken. Wir wurden von Anfang an gefragt: Wie kann dieses Album so erfolgreich sein? Dann kam das zweite und es hieß: Warum seid ihr denn immer noch da? Eine eindeutige Antwort darauf zu finden, ist sehr schwierig. Irgendwann haben wir beschlossen, dass wir das gar nicht mehr rauskriegen wollen.

Die Fans geben doch bestimmt Hinweise darauf, weshalb sie die Musik so abfeiern …
Sicherlich wecken wir Sehnsüchte nach einem Leben auf dem Schiff. Unsere Texte beschreiben das Leben aus der Sicht eines Menschen, der nicht genau weiß, was morgen ist, der sich den Regeln an Bord unterwirft, wo es noch so etwas wie Gerechtigkeit gibt. In diesem Kosmos setzt sich der Stärkere für den Schwächeren ein und die Gruppe begreift sich als Mannschaft. Im echten Leben sehnt sich vielleicht so mancher nach diesem überschaubaren Gefüge, weil das eigentliche Leben sehr kompliziert geworden ist.

Die Musik als Realitätsflucht?
Genau. Denn es ist schwierig, ein Leben zu führen, in dem man sich ein Herz fasst, seine sieben Sachen packt und in Richtung Horizont aufbricht. Darüber hinaus haben wir so viele Fans, weil wir unglaublich nette, sympathische Kerle sind (lacht).

Wie ist der Kontakt zu den Fans?
Wir pflegen einen guten Austausch mit unseren Fans. Wir geben immer alles und jedes Konzert ist uns wichtig. Wir versuchen so wenig wie möglich in den Zustand zu geraten, den Honigtopf, in den wir gefallen sind, für selbstverständlich zu nehmen.
Höre ich da die typisch norddeutsche ­Bescheidenheit heraus?
Bescheidenheit würde ich es nicht nennen, denn wir wissen schon, was wir tun. Trotzdem ist der Erfolg immer noch unfassbar. Wir dachten, wir machen Nischenmusik, und unser Stil ist ja auch kein Mainstream.

Dennoch ist Ihre Musik offenbar sehr ­anschlussfähig.
Ja, und das ist toll! Im Publikum tummeln sich Metal-Freaks, gepiercte Mittelalter-Fans, Punks, aber auch ganz normale Familien samt Oma. Und dann ist da noch normales Partyvolk. Unsere Fans sind so vielfältig, wie unsere Musik. Wer auf maritime Musik mit Irish Folk und eine Prise derben Rock steht, der kommt an uns einfach nicht vorbei.

Im Spätsommer vergangenen Jahres ist das „MTV Unplugged“-Album erschienen. Wie kam die Songauswahl dafür zustande?
Bei unseren 70 bis 80 Titeln mussten wir gemeinsam ausbaldowern, was unplugged funktioniert. Präsentieren wir uns als Irish-Folk-Band oder wollen wir unsere orchestrale Seite zeigen? Wir haben uns schließlich auf beides geeinigt. Bei uns stellt sich die Frage nicht nach dem Entweder-oder, sondern wir gucken, wie wir beides hinkriegen, Schokolade und Lakritz.

Läuft so ein Entscheidungsprozess reibungslos ab?
Wir pflegen eine schöne Streitkultur. Klar, wir sind fünf Leute, die auch mal das Geweih einsetzen. Bei uns gibt es keine Mehrheitsentscheide – und das aus folgendem Grund: Wenn von fünf Personen drei etwas gut finden und zwei nicht, ist das ein unglückliches Verhältnis. Also suchen wir so lange nach einer Lösung, bis wir fünf sagen: „Jep, das ­isses!“ In unserem Demokratieverständnis geht es nicht darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, sondern den größten.

Wie aufwendig war die Aufzeichnung?
Santiano darf „MTV Unplugged“ spielen – da ist der Anspruch natürlich hoch! Das machst du nicht mit „Hacke, Spitze, Tor!“ Bis wir die Arrangements zusammengestellt hatten, waren bereits zwei Monate rum. Unterstützung hatten wir von unseren Produzenten und einem 36-köpfigen Orchester. Außerdem haben wir die Band um einige tolle ­Musiker erweitert.

Auf das „MTV Unplugged“-Album folgt nun die gleichnamige Konzertreihe. Stimmt es, dass der Rapper Aligatoah mit dabei ist?
Ja, wir haben einige Gäste, darunter Angelo Kelly, Oonagh, Jennifer von Beyond the Black und eben Aligatoah, den wir super nett finden. Er ist wirklich ein feiner Kerl und total wach und neugierig unterwegs.

Deutsch-Rap und Santiano-Sound, wie geht das zusammen?
Eigentlich gar nicht. Wir machen aber gern, was man auf den ersten Blick nicht von uns erwartet. Das einzige Kriterium lautet: Es muss sich eine Geschichte ergeben, die wir zusammen erzählen können. Wenn Santiano mit einem Wort beschrieben werden müsste, wäre es „verbinden“.

Apropos verbinden: Welchen Bezug ­haben Sie zu Bremen?
Bremen zählt für uns Schleswig-Holsteiner absolut zum Norden. Wir können Plattdeutsch schnacken, ohne übersetzen zu müssen.

Sonntag, 29. März, ÖVB-Arena, 19 Uhr