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Produzent tänzerischer Reportagen

Auf den Spuren eines Ausnahme-Choreografen/ Zu Gast bei der Paul Taylor Dance Company in New York

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Als ehemaliger Tänzer und Choreograf schuf Paul Taylor (links) 147 Werke, darunter "Scudorama" (rechts). Fotos: Maxine Hicks, Paul B. Goode

Vom Tellerwäscher zum Millionär – dieser Traum ist es, der viele Menschen in US-amerikanische Metropolen treibt, um ganz groß rauszukommen. Allen voran New York City: eine Weltstadt, die als Heimat diverser Tanz- und Kulturinstitutionen gilt. Auch die Paul Taylor Dance Company (PTDC) ist hier zu Hause. Seit 1954 widmet sie sich amerikanischen Modern Dance aus der Feder des gleichnamigen Choreografen Paul Taylor. In diesem Jahr feiert die Company, die ihren Sitz im quirligen Manhattan hat, ihr 65-jähriges Bestehen und gastiert erstmals im Rahmen ihrer Historie in der Hansestadt. Das STADTMAGAZIN Bremen hat im Vorfeld den Nordatlantik überquert, um der Company in New York einen Besuch abzustatten und sich genauer mit ihrem Schaffen auseinanderzusetzen.

Laura Halzack. Foto: Whitney Browne

„Gut gemacht Laura.“ Anerkennend klatscht Choreograf Andy Lebeau in die Hände. „Danke“, sagt Laura kurz und knapp. Ein kurzes Lächeln huscht ihr über die Lippen, dann ist ihre Mine wieder ernst. Sie scheint nicht zufrieden. „Ich habe an einigen Stellen die Spannung in den Armen verloren“, gibt die junge Frau ihren Missmut zu verstehen. Es ist Dienstagmorgen in New York City, die erste Probe nach den Weihnachtsferien hat für die Tänzerinnen und Tänzer der Paul Taylor Dance Company begonnen. Die 37-jährige Laura Halzack ist eine von ihnen. An diesem Morgen tanzt sie einen Teil aus „Dust“,  eine von insgesamt 147 Choreografien, die Paul Taylor entwarf und mit denen er den amerikanischen Modern Dance nachhaltig prägte – bis zum vergangenen Jahr.

Vielfältige Inspirationsquellen

64 Jahre lang leitete Paul Taylor die Company als Art Director. 2018 starb er. Seither setzen die Mitarbeiter und Tänzer der Company alles daran, sein Schaffen weiterhin am Leben zu halten und den Künstler nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dafür spricht nicht nur das große Portrait von Paul Taylor, das Besucher im Eingangsbereich der Company empfängt. Man redet über ihn, sein Vorgehen, seine Arbeiten – aber auch über seine Persönlichkeit. „Paul war ein Eigenbrötler, ein nachdenklicher und äußerst produktiver Mensch“, erinnert sich Tim Petersen, Director of Tour Engagements der Company. Für seine Choreografien ließ sich Taylor von verschiedenen Dingen inspirieren. Literatur und Naturphänomene gehörten  ebenso dazu wie zufällige Alltagsbeobachtungen, Politik und gesellschaftliche Entwicklungen. Paul Taylor verstand sich selbst als Produzent tänzerischer Reportagen. Entsprechend bedienen seine Werke die gesamte Bandbreite an Emotionen. So schuf der verstorbene Art Director der Company sowohl sehr schwerfällige, düstere Werke aber auch solche, die von Leichtigkeit und Fröhlichkeit zeugen. „Worum genau es in seinen Arbeiten jeweils ging, behielt er oft für sich“, erzählt Laura, nachdem die Probe beendet ist. „Ich denke, er wollte uns Tänzern einen individuellen Interpretationsspielraum lassen“.  Taylor hatte ein Lebensziel: die künstlerische Vielfalt des amerikanischen Modern Dance aufzuzeigen. Ein Vorhaben, welches die Company nun in seinem Sinne weiterführen will und dabei auf seinen Erfahrungsschatz  zurückgreift, den Paul Taylor stets dokumentierte. So hielt der kreative Unternehmer seine Ideen und Anmerkungen  schriftlich in Notizbüchern fest. In kleiner, aber dennoch gut lesbarer Schrift, hier und da mit abstrakten Zeichnungen versehen. Diese umfangreichen Dokumentationen ermöglichen es den Tänzern und Verantwortlichen der Company, sein Lebenswerk zu erhalten.

„Tracer“: Das fast vergessene Werk

Wie hilfreich Paul Taylors Aufzeichnungen jedoch wirklich sind, macht vor allem die Anekdote um das fast in Vergessenheit geratene Werk „Tracer“ klar, die Tim Petersen belustigt und zugleich stolz erzählt. So waren seine Erwartungen zunächst gering, als er eines Nachmittags der Einladung seines langjährigen Vorgesetzten Paul Taylors folgte, um in dessen Haus gemeinsam nach Dingen zu suchen, deren Verkauf sich als Finanzspritze für die Company erweisen könnten. Neben einer wertvollen Figur des Künstlers Rauschenberg, die auf Paul Taylors Regal zu verstauben drohte, erweckte vor allem ein altes Holzrad das Interesse von Petersen. Als Paul Taylor ihm erklärte, dass es sich dabei um ein Requisit aus seinem Werk „Tracer“ handle, war seine Neugier geweckt. Der Knackpunkt: Taylor konnte sich schlichtweg nicht mehr daran erinnern. Schließlich lag dessen Entstehung 1962 bereits Jahrzehnte zurück. Petersen setzte daraufhin gemeinsam mit den Tänzern und Mitarbeitern alles daran, „Tracer“ zu neuem Leben zu erwecken. Die einzigen Gedächtnisstützen: das Holzrad, die Original-Kostüme sowie alte Notizen aus der Feder Paul Taylors. Etwa zehn Monate später bekam Paul Taylor die Wiedergeburt von „Tracer“ erstmals zu sehnen, die ihm neben einem Lächeln nur folgende Sätze entlockte: „Ja, das ist es. Das ist Tracer.“

Michael Nowak als Nachfolger

Art Director Michael Nowak. Foto: Bill Wadman

So genau Paul Taylor seine Umwelt auch beobachtete und nach neuer Inspiration für den Tanz suchte – über sein Ableben machte sich der Künstler wenig Gedanken. „Ich werde die Company für immer leiten“, soll er oft gesagt haben. Ein Wunsch, der die Mitglieder der Company immer wieder zum Schmunzeln brachte und den Taylor dennoch mit so einer Überzeugung artikulierte, dass sie zeitweise daran glaubten. Im vergangenen Jahr dagegen schien auch Taylor zu begreifen, dass sich seine Zeit dem Ende neigte und kürte seinen Nachfolger. Seither bekleidet Michael Nowak, der selbst viele Jahre als Tänzer der PTDC angehörte, das Amt des Art Director. Eine Wahl, die den 37-Jährigen mit Stolz erfüllte, aber auch überraschte, wie er bei einem gemeinsamen Frühstück in Manhattan verrät. „Meine erste Frage lautete: Warum ich?“, erinnert sich Nowak, während er seine bestellten Eier Benedict mit einer Prise Salz verfeinert.  Entsprechend seinem Ruf, kein Mann der großen Worte zu sein, fiel Paul Taylors Begründung knapp aus. „Alles was Paul mir sagte war: Ich vertraue dir“, erzählt der amtierende Art Director. Knapp drei Monate lagen zwischen der personellen Entscheidung Paul Taylors und seinem Tod. „Ich hätte mir mehr Zeit mit ihm gewünscht, um von ihm zu lernen“, sagt Nowak. Noch heute erlebe er oft Situationen, in denen er seinen Mentor und Vorgänger gerne um Rat fragen würde. Dennoch sei er glücklich diesen Job machen zu dürfen. „Ich habe eine Menge Ideen, die ich gerne umsetzen möchte“ erzählt er. „Ich glaube fest daran, dass Modern Dance eine sehr kraftvolle, mächtige Kunst und immer noch hoch aktuell ist“, stellt Nowak klar und schiebt sich den letzten Bissen genussvoll in den Mund.

Programm in Bremen

Tänzer der PTDC in „Half Life“. Foto: Paul B. Goode

Im Rahmen ihres 65-jährigen Bestehens besuchte die Paul Taylor Dance Company mehr als 64 Ländern und trat in über 500 Städten weltweit auf. Nun zieht es die Tänzer unter der Leitung Michael Nowaks erstmals nach Bremen. „Ich freue mich sehr, dem Bremer Publikum unsere Form von Modern Dance präsentieren zu können“, sagt Nowak bereits im Vorfeld. „Scudorama“, „Piazolla Caldera“ und „Half Life“, lauten die Titel der insgesamt drei Werke, welche die Company auf die Bühne des Metropol Theaters bringen wird.  Die ersten zwei stammen aus Paul Taylors Repertoire, letzteres ist eine Arbeit von Doug Varone. „Seit der Saison 2015/2016 haben auch andere Choreografen die Möglichkeit, mit der Company zu arbeiten“, erklärt Tim Petersen. Während „Piazolla Caldera“ vor allem das Temperament des Tangos unter Beweis stelle, widme sich „Scudorama“ tänzerisch den Ängsten vor einer nuklearen Katastrophe in den 60er-Jahren. „Tanz des Todes mit leichten Berührungen“ beschreibt Paul Taylor dieses Werk in seiner Autobiografie. Und auch „Half Life“ von Dough Varone, der von sich selbst behauptet, keine politischen Arbeiten zu schaffen, nimmt auf Themen des Alltags Bezug und zeigt auf, wie sich jedes Individuum von der Welt um sich herum beeinflusst sieht.

Donnerstag und Freitag, 14. und 15. März, Metropol Theater, 19.30 Uhr