Start Veranstaltungen Julia Engelmann: „Für mich ist Poesie eine Weltanschauung“

Julia Engelmann: „Für mich ist Poesie eine Weltanschauung“

Das STADTMAGAZIN Bremen präsentiert Wortpoetin und Slammerin im Metropol Theater

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Julia Engelmann schreibt Texte: Wurde sie als Poetry Slammerin bekannt, ist sie nun auch als Musikerin auf den Bühnen zuhause. Foto: Martha Urbanelis

Eines Tages, Baby, da werden wir alt sein. Oh Baby, da werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Als Julia Engelmann diese nachdenklichen Zeilen beim „Bielefelder Hörsaalslam“ 2013 vortrug, ahnte sie noch nicht, dass dies der Anfang von etwas ganz Großem sein sollte. So ist die ehemalige Psychologie-Studentin mittlerweile unbestreitbar das Gesicht der deutschen Poetry-Slam-Szene, hat vier Bücher veröffentlicht, tourte mit „Jetzt Baby! – Poesie und Musik“ durch die Bundesrepublik und stellt mit ihrem Debüt-Album „Poesiealbum“ aktuell unter Beweis, dass sie nicht nur zum Sprechen ans Mikrofon tritt. Im Interview mit dem STADTMAGAZIN reflektiert die 26-Jährige ihren Werdegang, spricht über aktuelle Projekte und zeigt auf, warum wir uns alle ähnlicher sind als geglaubt.

Frau Engelmann, wir mussten feststellen, dass Sie nicht mehr in Bremen wohnen. Warum haben Sie unserer schönen Hansestadt den Rücken gekehrt?
Julia Engelmann: Das ist richtig. Ich bin vor anderthalb Jahren aus verschiedenen Gründen nach Berlin gezogen. Zum einen hatte ich schon immer einen Freundeskreis dort und zum anderen hat es für mich beruflich einfach Sinn gemacht. Ich erinnere mich an einen Monat, in dem ich sieben Mal nach Berlin pendeln musste. Da habe ich gemerkt: Ich bin bereit für die Hauptstadt. Natürlich habe ich Bremen immer noch sehr lieb.

Besuchen Sie Ihre alte Heimat denn noch?
Auf jeden Fall, meine Eltern wohnen schließlich hier und viele meiner Freunde. Wenn ich die Gelegenheit finde, schlendere ich dann auch gerne durchs Viertel.

Geht das denn noch entspannt?
Ja, es gibt da keinen großen Hype. Oft bin ich sogar diejenige, die Leute anspricht, welche ich von früher kenne.

Sie gelten als Wortpoetin und eingefleischte Poesie-Liebhaberin. Wie und wo haben Sie Ihre Liebe zum Texten und Poetry-Slam entdeckt?
Den Poetry-Slam habe ich bei einem Besuch der Veranstaltung „Slammer Filet“ im Tower für mich entdeckt. Nach wenigen Minuten wusste ich: Das will ich auch machen. Also habe ich mich gleich für das Format einen Monat später angemeldet. Die Leidenschaft zum Texten und Schreiben generell hatte ich eigentlich schon immer in mir. Ich liebe es, über Dinge nachzudenken, Fragen zu stellen und meine Gedanken kreativ festzuhalten. Für mich ist Poesie eine Weltanschauung.

Vielen Menschen sind durch Ihren Auftritt mit dem Text „One Day“ beim „Bielefelder Hörsaalslam“ auf Sie aufmerksam geworden, der mittlerweile mehr als 11 Millionen YouTube-Klicks aufweist. Was hat sich nach diesem Auftritt für Sie verändert?
Eigentlich alles. Ich hätte nie gedacht, dass mein Auftritt so hohe Wellen schlagen würde. Rückblickend kann ich sagen, dass es der Startschuss und Urknall für alles war, was ich heute machen darf. Ich bin nun nicht mehr Studentin, sondern kann Dichterin sein – mit allem, was dazu gehört.

Sie rufen in Ihren Texten wiederholt dazu auf, seine Träume zu verwirklichen, bewusst zu leben und nicht auf irgendeinen richtigen Moment zu warten. Ein Appell, den Sie selbst auch beherzigen?
Ich versuche es. Dieser Appell ist etwas, mit dem ich mich inhaltlich schon sehr lange beschäftige. Seitdem ich aktiv darüber nachdenke und schreibe, kann ich auch feststellen, dass sich dadurch in meinem Leben wirklich etwas verändert. Das Leben kann Spaß machen und schön sein, wenn wir nur den Mut haben, es selbst in die Hand zu nehmen.

Sie wurden öffentlich wiederholt als „Stimme einer Generation“ bezeichnet. Was sind die typischen Hürden und Themen, mit denen sich Menschen in ihren Zwanzigern konfrontiert sehen?
Wenn ich mit den Menschen spreche, die zu meinen Auftritten kommen, merke ich vielmehr, dass es bestimmte Fragen und Themen gibt, die in jedem Alter eine Rolle spielen. Vielleicht sind sie in bestimmten Lebensphasen besonders präsent und an bestimmte Rahmenbedingungen geknüpft. Allerdings sind persönliche Ängste, Wünsche und Sehnsüchte Dinge, die jeden beschäftigen und zeigen, dass wir uns alle, ähnlicher sind als wir denken.

In Ihrem Song „Modelmädchen“ sprechen Sie von Selbstzweifeln und Abweichungen vom klassischen Schönheitsideal. Ein Thema, das sie selbst beschäftigt?
Ja, ich kann mich davon definitiv nicht freisprechen. Äußerlichkeiten sind immer noch ein Riesenthema, wie man an der boomenden Beauty-Branche erkennen kann. Natürlich ist es auch möglich, über Dinge zu sprechen, ohne sie selbst zu leben. Der Wunsch, schöner zu sein, und der Gedanke, dass dies etwas in meinem Leben ändern würde, ist in mir. Obwohl ich weiß, dass es Quatsch ist, ertappe ich mich manchmal selbst dabei. Daher finde ich es umso wichtiger, über dieses Thema zu schreiben.

Apropos schreiben: Einige Künstler verkriechen sich, um kreative Gedanken zu formulieren, während andere bewusst den Austausch mit Menschen suchen. Wie sieht Ihr typischer Schreibprozess aus?
Ich habe festgestellt, dass beides sehr inspirierend sein kann. Natürlich ist Disziplin wichtig und die Arbeit am Schreibtisch erledigt sich nicht durch den Kontakt zu anderen Menschen. An ganz strikte Abläufe glaube ich jedoch nicht. Poesie entsteht dadurch, offen und jederzeit sensibel für potenzielle Themen zu sein. Ansonsten höre ich beim Schreiben oft Musik, das hilft mir auch.

„Poesiealbum“ ist Ihr erstes rein musikalisches Werk. Hatten Sie schon immer den Wunsch, Ihre Texte gesanglich aufzubereiten?
Ich habe eigentlich schon immer auf der Bühne Musik integriert. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Lesung in einer Buchhandlung, wo ich im Vorfeld gefragt habe, ob ich auch Gitarre spielen dürfte. Insofern hat es sich quasi organisch entwickelt und angekündigt. Für Außenstehende ist es wahrscheinlich überraschender, als für mich selbst.

Bald kann man Sie auch erstmals im Kino bewundern …
Das stimmt. Ich spiele in Detlev Bucks neuem Film „Asphaltgorillas“ mit, in dem es kurz gesagt um Gangster geht. Warum man dabei ausgerechnet an mich gedacht hat, weiß ich auch nicht.

Wir hätten Sie im Trailer fast nicht erkannt!
Das geht nicht nur Ihnen so. Auf der Premiere haben mich viele Menschen, die mich eigentlich gut kennen, nicht gegrüßt, weil ich ihnen im Film schlichtweg nicht aufgefallen bin. Das war sehr amüsant.

Könnten Sie sich vorstellen, sich zukünftig mehr der Schauspielerei zu widmen?
Früher war Schauspielerin mein absoluter Traumberuf, und auch meine Zeit als Cast-Mitglied der Serie „Alles was zählt“ hat mir viel Spaß gemacht. Auch heute bereitet mir die Schauspielerei noch Freude und ich bin gegenüber entsprechenden Angeboten immer offen. In den letzten Jahren habe ich jedoch gelernt, nicht langfristig zu planen und das Leben Stück für Stück so zu nehmen, wie es kommt. Ich mache einfach das, was sich richtig anfühlt.

Was erwartet Besucher bei Ihrem Auftritt im Metropol Theater?
Ich kann verraten, dass es ein sehr bunter Abend wird. Für mich fühlt es sich an, wie die Art von guten Silvesterpartys mit Freunden. Gemeinsam mit meiner Band setze ich Lieder aus dem Album um und präsentiere auch die eine oder andere musikalische Überraschung. Natürlich wird es auch eine breite Palette an Gedichten geben, von bekannten Texten bis hin zu unveröffentlichten Produktionen. Man kann mir Fragen stellen, ich signiere nach der Show Bücher, stehe für Fotos bereit – und worauf ich mich besonders freue: Ich werfe ganz viel mit Konfetti.

Freitag, 12., und Samstag, 13. Oktober, Metropol Theater, 20 Uhr

Wir verlosen 5×2 Eintrittskarten für den Auftritt von Julia Engelmann am 12. Oktober sowie eine handsignierte DVD. Schicken Sie uns bis zum 7. Oktober eine E-Mail mit dem Betreff „Engelmann“ und Ihren Kontaktdaten an verlosung@stadtmagazin-bremen.de. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.