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„Lügen sind zum Zeitgeist geworden“

Comedian Atze Schröder im Interview über sein neues Bühnenprogramm

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Atze Schröder ist seit 1995 im Comedygeschäft. Foto: Boris Broier

Fake News, gefilterte Selfies, alternative Fakten oder gefälschte Software – Comedian Atze Schröder ist zu einer besorgniserregenden Erkenntnis gekommen: Nichts ist mehr echt. Unter dem Titel „Echte Gefühle“ gibt der bekannte Lockenkopf daher in seinem neuen Programm sein Debüt als humorvoller Prediger für wahre Liebe, richtige Freundschaft und ehrliches Lachen. Das STADTMAGAZIN Bremen hat Atze Schröder vor seinem Auftritt in der Hansestadt zum Interview getroffen. Im Gespräch liefert der Künstler unter anderem Einblicke in sein Notizbuch, sprach sich für Authentizität aus und verrät, was seiner Meinung nach „falsche“ Gefühle sind.

Herr Schröder, Ihr neues Bühnenprogramm heißt „Echte Gefühle“, gibt es auch falsche?
Atze Schröder: Oh ja, und zwar eine Menge. Ich glaube, dass wir den ganzen Tag über mit unechten Gefühlen und Lügen an der Nase herumgeführt werden.

Wie kam die Idee zum Programm?
Das war ganz zufällig. Ich war in einem Drogeriemarkt und hielt ein Shampoo in der Hand. Das Werbeversprechen: langes und verführerisches Haar. Natürlich wissen wir alle, dass es sich dabei um eine Lüge handelt. Allerdings haben wir uns schon so daran gewöhnt, dass wir es einfach so hinnehmen. Lügen sind zum Zeitgeist geworden. Da dachte ich mir: Aus dieser Erkenntnis könntest du ein Programm entwickeln.

Dann erzählen Sie doch mal …
Nehmen wir den Slogan einer bekannten Online-Dating-Plattform als Beispiel: „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single“. Das ist natürlich völliger Quatsch. Was ich damit sagen will ist, dass nichts mehr echt ist. Dabei sollten doch wenigstens die Gefühle in unserem Leben aufrichtig sein. Ich denke, in Zeiten der Option, gerade bei Pärchen, gelingt es immer schwerer, sich voll zu verbinden. Dabei ist es so wichtig, sich auf echte Gefühle und Freundschaften einzulassen. Wir müssen auf das Echte gehen! Darum geht es im Programm.

Können Sie sich selbst denn von der „Mehr Schein als Sein“-Mentalität freisprechen?
Nein. Ohne Lügen, kann man sozial ja gar nicht existieren (lacht). Ich kann mich natürlich nicht davon freisprechen, deswegen bin ich ja unter anderem auf dieses Thema gestoßen. Vielleicht muss ich mich auch wieder mehr auf das Echte besinnen, mal einen Brief schreiben, statt eine Nachricht zu tippen, Freunde vermehrt im echten Leben treffen und das Handy einfach mal zu Hause lassen.

Ist man nicht als Comedian und Kunstfigur immer dem Schein unterworfen?
Sicher, auf der Bühne geht es ja auch darum, das zu verdichten. Wer mich bei einem meiner Auftritte sieht, mag denken, dass ich in jeder Situation einen schlagfertigen Spruch parat habe. Dabei weiß auch ich in Alltagssituationen oft nicht, was ich sagen soll, zum Beispiel wenn sich an der Supermarktkasse jemand vordrängelt oder man mir einen Parkplatz vor der Nase wegschnappt.

Was können wir tun, um wieder mehr „echte Gefühle“ zu haben?
Typisch alter Mann, jetzt muss ich einen großen Philosophen zitieren. Nietzsche forderte einst: Werde, der du bist. Wann ist ein Mensch authentisch? Wenn er auf dem Sofa liegt, schläft und furzt (lacht). Echt und bei sich zu sein, war schon immer ein großes Thema.

Wo und wie finden Sie generell Inspiration für Ihre Bühnenprogramme?
Meistens sind es konkrete Erlebnisse, die dazu führen, dass ich mich mit einem Thema intensiver auseinandersetze. Dann trage ich nach und nach meine Gedanken und Ideen in einem Notizbuch zusammen. Daraus kann man dann was machen. Entweder landet der jeweilige Punkt dann im Programm oder man verwirft ihn wieder.

Und was steht in Ihrem Notizbuch für „echte Gefühle“?
Ich habe für das aktuelle Programm rund 1000 Notizen festgehalten. Darunter befinden sich teilweise Stichworte wie „Völkerball“ oder „Kinder, die schon früh sehr schlaue Sachen sagen“. Ein anderes Beispiel, das vermutlich jeder kennt: „Pärchen, die sich vor anderen schlecht machen“. Diese Notiz habe ich mir während einer Party, wo ich mit einem Paar zu tun hatte, auf der Toilette gemacht (lacht).

Wie viel Spontanität erlauben Sie sich auf der Bühne, nachdem alle Geschichten und Gags in Form gegossen sind?
Wenn man viel auf der Bühne steht, spielt sich natürlich viel ein. Tatsächlich ist aber jeder Abend anders. Ich denke, das ist das Wesen von Stand-up-Comedy. Man nimmt sich die Freiheit, über alles Mögliche zu sprechen. Wenn ich tagsüber etwas Lustiges erlebe, teile ich es abends auf der Bühne.

Zu guter Letzt: Warum sollte man Ihre neue Show „echte Gefühle“ besuchen?
Naja, nach 25 Jahren sitzt dann endlich mal alles und ich weiß, wie es geht (lacht). Spaß beiseite: „Echte Gefühle“ ist wirklich ein Thema, das sehr viel hergibt. Wer mich seit Beginn meiner Karriere kennt, weiß, dass man am nächsten Tag tatsächlich Bauchmuskelkater hat. Das wird bei meinem neuen Programm nicht anders.

Atze Schröder gastiert am Donnerstag, 20. Februar, 20 Uhr, mit
„Echte Gefühle“ in der ÖVB-Arena.