Start Veranstaltungen Ausstellung „Gegen das Spießige“

„Gegen das Spießige“

Bürgerschaftspräsident Christian Weber im Interview / Dialog im Focke-Museum

632
Sieht vor allem den politischen Mehrwert der 68er-Bewegung: Bürgerschaftspräsident Christian Weber. Foto: FR

Wirtschaftliche Umbrüche, studentische Protestbewegungen – die Zeit um 1968 war geprägt von Aufruhr und Aktivismus. Die Reaktionen auf die Schließung der Großwerft AG Weser sowie die „Bremer Straßenbahnunruhen“ zeigten beispielhaft, wie geladen die politische Stimmung in der Hansestadt war. Mit der Sonderausstellung „Protest + Neuanfang. Bremen nach 1968“ bietet das Focke-Museum die Möglichkeit, sich diese historische Periode ins Gedächtnis zu rufen. Im Mai wird Bürgerschaftspräsident Christian Weber, der diese Zeit selbst erlebt hat, den Dialog mit den Museumsbesuchern suchen. Im Interview mit dem STADTMAGAZIN blickt er auf die Geschehnisse der 68er-Bewegung zurück.

Es gibt zahlreiche Entwicklungen und Ereignisse, welche die 68er-Bewegung prägten. Welches Thema war für Sie damals am zentralsten?
Christian Weber: Prägend für mich waren Ereignisse wie das Attentat auf Rudi Dutschke oder der Tod von Benno Ohnesorg. Es war die Zeit der ersten Großen Koalition – damals eine politische Sensation und für viele eine Gefährdung der parlamentarischen Demokratie. Ich erinnere mich noch gut an den Protest gegen die Notstandsgesetze.

Haben Sie die Ereignisse als junger Mensch eher passiv verfolgt oder waren Sie unter den Aktivisten?
Ich habe an Demonstrationen teilgenommen, war aber nicht Teil der Aktivistenszene. Das war auch schlecht möglich. Ich habe damals gerade meinen Wehrdienst geleistet und danach eine Banklehre gemacht.

Sie haben unter anderem in Bremen studiert. Waren politischer Protest und Wandel an der Universität präsent?
Es gab permanente Konflikte mit den Professoren, die leider nicht unbedingt konstruktiv waren. Damals dominierten an den Unis die K-Gruppen, es war eine hochpolitische Zeit.

Wenn Sie heute als Politiker zurückblicken: Welchen Mehrwert hat die 68er-Bewegung Ihrer Meinung nach erzeugt?
Die 68er haben mit ihren Protesten für sich und die nachfolgenden Generationen Bewegungsfreiheit geschaffen, sowohl geistig als auch politisch: Zum ersten Mal gab es eine ehrliche Aufarbeitung der eigenen Geschichte, die Nazi-Zeit wurde nicht länger totgeschwiegen.

„Protest und Neuanfang“ lautet der Name der Ausstellung im Focke-Museum. Inwiefern hat sich mit der 68er-Bewegung tatsächlich ein Neuanfang eingestellt?
Der Kampf der 68er richtete sich gegen den Mief der Elterngeneration, gegen das
Spießige, die Enge und das Biedere dieser Zeit. Es gab einen Neuanfang beim Umgang mit der eigenen Geschichte und der Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen, wie beispielsweise mit dem „Abtreibungs-Paragrafen“, gewann an Fahrt.

Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, sich die Ereignisse dieser Zeit im Rahmen der Ausstellung erneut zu vergegenwärtigen?
Wir müssen eine erneute Erstarrung vermeiden. Es gibt eine gefährliche Entpolitisierung in großen Teilen der Gesellschaft, der wir durch mehr Teilhabe entgegenwirken müssen. Ein Auftritt in einer Talkshow ist kein Ersatz für demokratisches Handeln. Oft scheint es mir, als würde uns im Klein-Klein des Alltags die Fähigkeit für große politische Visionen verloren gehen. Diesen Geist müssen wir wiedererwecken!

Info: Der Dialog mit Christian Weber zur 68er-Bewegung findet am Sonntag, 6. Mai, um 11.30 Uhr im Focke-Museum statt. Die erforderliche Anmeldung ist telefonisch möglich unter 699 600 50.