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Der „Bremer Dollar“

Bis 2. Juni: Experiment Moderne im Focke Museum

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Der Bremer Dollar. Foto: Focke-Museum

 

Von Jan Werquet, Kurator der Ausstellung

 

„Gutschein über Fünfzig Milliarden Mark“ ist auf dem kleinen, ausgeblichenen Blatt zu lesen. Und weiter: „Dieser Gutschein wird in der Stadt Bremen von allen bremischen Staatskassen in Zahlung genommen / Er verliert seine Gültigkeit zwei Wochen nach erfolgter Aufkündigung in den Bremer Tageszeitungen.“ Geld war ein flüchtiges Gut in jenen Oktobertagen des Jahres 1923. Die Reichsdruckerei in Berlin arbeitete auf Hochtouren und konnte dennoch den Bedarf an Banknoten kaum decken. An vielen Orten musste „Notgeld“ ausgegeben werden. Doch die astronomischen Zahlen auf den Geldscheinen entsprachen kaum noch realen Werten. Seit dem Frühjahr hatte eine galoppierende Inflation die deutsche Währung erfasst. Betrug der Preis für eine Straßenbahnfahrkarte im März schon stolze 200 Mark, so stieg er bis Anfang November auf 60 Milliarden Mark – um sich bis Mitte des Monats noch einmal zu versechsfachen. Ähnlich verteuerten sich auch die Lebensmittel: Ein Pfund Fleisch kostete zu diesem Zeitpunkt 900 Milliarden Mark, ein Glas Bier 52 Milliarden. Die Deutschen waren ein Volk von Multimillionären geworden – und dennoch meist bitterarm. Glücklich waren diejenigen, die über Sachgüter und Produktionsmittel wie Fabrikanlagen und Ländereien verfügten. Sie konnten ihren Besitz oft noch vermehren, indem sie Kredite aufnahmen und diese mit dann wertlos gewordenem Geld zurückzahlten. Für Lohnabhängige war die Lage jedoch katastrophal; sie konnten ihren Lebensunterhalt kaum noch bestreiten.

Das Desaster hatte sich seit Langem angebahnt. Bereits während des Ersten Weltkrieges waren die erhöhten Staatsausgaben durch immer neue Kredite finanziert worden. Die politische Entwicklung der Nachkriegszeit tat ein Übriges. Die immensen Entschädigungssummen, die Deutschland nach seiner Niederlage zu zahlen hatte, trieben die Staatsverschuldung weiter in die Höhe. Schließlich waren enorme Geldmengen in Umlauf, die durch Sachwerte kaum noch gedeckt waren. Als dann im Januar 1923 alliierte Truppen das Ruhrgebiet besetzten, um die Begleichung ausstehender Reparationsleistungen zu erzwingen, gab es kein Halten mehr: Streiks und Produktionsausfälle heizten die Inflation weiter an, sodass die deutsche Währung Ende November faktisch wertlos war.

Dass in Bremen dennoch ein – sehr eingeschränkter – Zahlungsverkehr mit wertbeständigem Papiergeld aufrechterhalten werden konnte, war einer Maßnahme der hiesigen Finanzdeputation zu verdanken. Im Oktober 1923 gab sie „Anteilsscheine“ auf den US-Dollar heraus, die von Devisenbeständen Bremer Firmen gedeckt waren – den „Bremer Dollar“. Zugriff auf diese Devisen hatte jedoch nur ein kleiner Kreis der Bevölkerung. Für die meisten dauerte es bis Ende November, bis sie mit der Einführung einer neuen Währung, der „Rentenmark“, wieder ein taugliches Zahlungsmittel in den Händen hielten.

„Experiment Moderne. Bremen nach 1918“: Bis 2. Juni 2019 im Focke-Museum.
In einer breit angelegten Epochenausstellung beleuchtet das Museum die Zeit zwischen der Novemberrevolution von 1918 und dem Ende der Weimarer Republik.