Start Bremen „Überwiegend pflanzliche Lebensmittel“

„Überwiegend pflanzliche Lebensmittel“

Johann Ockenga, Facharzt für Gastroenterologie und Ernährungsmedizin, im Interview

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Foto: Pixabay

Mehr als 50 Millionen Treffer ergibt die Internetrecherche mit der größten Suchmaschine weltweit, gibt man die Begriffe „gesunde Ernährung“ ins Suchfeld ein. Welche Nahrungsmittel als empfehlenswert deklariert werden, hängt nicht selten davon ab, ob eine Verkaufsabsicht besteht, oder nicht. Zum „Tag der gesunden Ernährung“ am 7. März haben wir mit einem erfahrenen Mediziner gesprochen. Im Interview erklärt Professor Dr. med. Johann Ockenga, Past Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e. V. und Facharzt für Innere Medizin sowie Gastroenterologie am Klinikum Bremen-Mitte, was auf dem Teller empfehlenswert ist.

Stichwort: Gesunde Ernährung – was ist das aus Ihrer Sicht?
Die wesentlichen Merkmale einer gesunden Ernährung sind abwechslungsreiche Bestandteile, den Fleischkonsum einzuschränken und dabei überwiegend pflanzliche Lebensmittel verzehren. Je bunter und abwechslungsreicher die Ernährung, desto gesünder ist diese und beugt dem Risiko von Mangelerscheinungen vor. Das, was wir allgemein unter mediterraner Ernährung verstehen, entspricht dem am ehesten. Optimal sind drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst am Tag, Fisch oder Fleisch etwa zwei mal pro Woche sowie pflanzliche Öle zum Backen und Braten. Zucker und Salz hingegen gilt es zu reduzieren.

Viele Nahrungsmittel, die wir konsumieren, sind industriell gefertigt. Welche Auswirkungen hat das auf die Gesundheit?
Prinzipiell unterliegt die Lebensmittelproduktion einer strengen Überwachung, um sichere Produkte herzustellen. Allerdings entspricht die Zusammensetzung der Nahrung und insbesondere von Fertiggerichten nicht immer der Empfehlung einer gesunden Ernährung. Darin finden sich häufig ein hoher Fettanteil, zu viel Salz oder auch vermehrte Kohlenhydrate in Form von Zucker und Fruktose. Bei langfristigem Konsum dieser Produkte besteht das Risiko einer Fehlernährung, die zum Beispiel Übergewicht, Herzkreislauferkrankungen oder der Entwicklung von Diabetes begünstigt.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Ernährungsgewohnheiten und Nahrungsmittelunverträglichkeiten?
Unbewusst wird jeder von uns die Lebensmittel meiden, die er nicht verträgt. Es ist auch zu unterscheiden zwischen Allergie und Nahrungsmittelunverträglichkeit. Bei Allergien reichen oftmals minimale Mengen, um Probleme wie Bauchkrämpfe auszulösen. Hier reagiert das körpereigene Immunsystem auf Bestandteile der Nahrung. Dies ist zum Beispiel bei der Milcheiweißallergie der Fall. Bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit ist die Menge an zugeführten bestimmten Lebensmitteln entscheidend. Am häufigsten tritt die Milchzuckerunverträglichkeit auf, die auch Laktoseintoleranz genannt wird.

Sie sind Direktor des Klinikums für Innere Medizin in Bremen-Mitte. Womit haben Sie besonders oft zu tun?

Professor Dr. med. Johann Ockenga, Direktor
der ­Medizinischen Klinik II am Klinikum ­Bremen-Mitte. Foto: FR

In unserer gastroenterologischen Schwerpunktklinik versorgen wir vor allem Patienten mit Magen-Darm-Problemen. Dieses beinhaltet sowohl gutartige als auch bösartige Erkrankungen. In vielen Fällen können wir minimalinvasiv die Probleme mit Hilfe eines Endoskopes erkennen oder behandeln. In anderen Fällen ist eine Therapie in einem interdisziplinären Team aus Gastroenterologen, Chirurgen und anderen Fachbereichen notwendig. Hierzu haben wir am Klinikum Bremen Mitte ein Viszeralmedizinisches Zentrum etabliert, um so eine optimale Versorgung unserer schwerkranken Patienten zu ermöglichen. Eine richtige Ernährung ist gerade bei Patienten mit Magen-Darm-Erkrankungen, Krebs und bei Patienten mit Stoffwechselproblemen ein wichtiger Baustein der Therapie.

Was halten Sie von Diäten wie Low-Carb, Low-Fat und anderen Diäten?
Jede Form von stark einschränkenden oder einseitigen Diäten hat das Risiko, bei langer Anwendung zu einer Fehlernährung zu führen. Wenn es um das Abnehmen geht, so haben große wissenschaftliche Studien gezeigt, dass eine längerfristige Verminderung der Kalorienaufnahme der einzige erfolgversprechende Schritt ist. Dabei gilt die Faustregel: etwa 500 Kalorien unter dem täglichen Bedarf. Hierbei gibt es keinen Vorteil ob Low-Carb oder Low-Fat. In diesen Fällen sollten vielmehr die Regeln der gesunden Ernährung beachtet, sowie insgesamt weniger gegessen werden. Häufig erreicht man schon viel, wenn man die vielen kleinen Snacks zwischendurch weglässt. Eine längere Phase am Tag ohne Nahrungsaufnahme scheint sich zusätzlich auch günstig auf den Stoffwechsel auszuwirken.

Können wir spüren, wenn wir bestimmte Nahrungsbausteine brauchen?
Prinzipiell gibt es Sensoren im Mund und Magen-Darm-Trakt, die die Zusammensetzung der Nahrung erfassen und an unser Gehirn melden. Ein echtes Gefühl dafür, dass wir etwas Bestimmtes essen sollen, gibt es wahrscheinlich nur bei Salz. Viele andere „Jieper auf etwas“ sind wohl eher antrainiert und Gewohnheit.