Start Bremen Bremer Köpfe „Wir werden die Türen weit öffnen“

„Wir werden die Türen weit öffnen“

Interview mit Frank Hilbrich, der ab der kommenden Spielzeit leitender Regisseur des Musiktheaters wird

354
Foto: Carlos Anthonyo

Geboren in Bremen und aufgewachsen in Lilienthal, machte Frank Hilbrich schon als Jugendlicher prägende Bekanntschaft mit dem Theater Bremen. Nachdem er die vergangenen Jahre an verschiedenen Bühnen der Republik verbrachte und eine Professur in Berlin übernahm, kehrt Hilbrich ab der kommenden Spielzeit als leitender Regisseur an seine alte Wirkungsstätte zurück und übernimmt gemeinsam mit der leitenden Dramaturgin Brigitte Heusinger die künstlerische Leitung der Sparte Musiktheater. Im Gespräch erklärt der 53-Jährige, wie es dazu gekommen ist, was er für die Zukunft plant und wie er es ohne Studium zum Professor geschafft hat.

Wie sind Sie zum Theater gekommen?
Ehrlich gesagt über das Niederdeutsche Theater, das damals, in den 70er-Jahren, noch in Walle beheimatet war. Wie jedes Kind wurde ich mit der Schule ins Weihnachtsmärchen geschickt – was mich sofort wahnsinnig begeistert hat. Ich erinnere mich noch, dass ich damals „Schneeweißchen und Rosenrot“ gesehen habe und anschließend zu Hause sofort damit begonnen habe, die Figuren aus dem Stück nachzumalen und sie an Fäden aufzuhängen.

Selbst gebastelte Marionetten also?
Genau. Das fiel natürlich auch meinen Eltern auf. Sie schenkten mir dann Marionetten und mein Vater baute für mich ein Marionettentheater. Da konnte ich machen und spielen, was ich wollte. Nebenbei genoss ich noch eine musikalische Ausbildung und sang in diversen Chören. Und dann betrat ich im Alter von zehn Jahren erstmals das Theater am Goetheplatz und sah zum ersten Mal eine Oper: „Hänsel und Gretel“ …

… und es war vollends um Sie geschehen?
Das kann man so sagen. Ich war hin und weg, und wollte damals am liebsten sofort den Hänsel singen, habe meine Eltern gedrängt, mich in weitere Vorstellungen mitzunehmen. Nach dem Besuch von Alban Bergs „Lulu“ war dann klar, dass ich Regie machen will, nur hatte ich keine Idee, wie man das anstellt. Ich bin dann erstmal zum Betriebspraktikum in der Beleuchtung und danach im Jugendclub des Hauses beim Schauspiel gelandet.

Sie haben allerdings nie Musik studiert, gelten als Autodidakt.
Eigentlich wollte ich nach dem Zivildienst Regie studieren, bekam dann aber schon sehr früh Angebote für Regieassistenzen bei Produktionen in Hamburg und in Österreich. Der erste Festvertrag als Assistent war dann wieder am Theater Bremen. Ein Autodidakt bin ich nicht wirklich, da ich mir die Sachen ja nicht selbst beigebracht habe, sondern sie durch Anleitung gelernt habe. Man kann sagen, dass ich eigentlich auf dem traditionellsten Weg in die Regie gekommen bin. Wie ein Handwerker, der zu den Meistern geht und lernt. Ich bin während meiner Assistenzzeit vielen spannenden und bedeutenden Regisseur:innen begegnet, und es war großartig für mich zu erkennen, dass sie mich akzeptierten und mich auch förderten.

Sie haben Bremen dann auch recht früh verlassen.
Ich bekam damals im Alter von 23 Jahren ein Angebot von Klaus Zehelein aus Stuttgart. Der war unter den Intendanten eine große intellektuelle Autorität, leitete damals das progressivste und auch ästhetisch spannendste Opernhaus. Zehelein sagte zu mir: „Bücher lesen können Sie auch alleine, dafür brauchen sie kein Studium.“ Da war für mich klar, dass ich nicht mehr studieren werde. An die Uni kam ich erst als Professor (lacht).

Sie haben derzeit eine feste Professur im Studiengang Gesang/Musiktheater an der Universität der Künste Berlin. Sie haben zwar immer mal wieder in Bremen inszeniert, zuletzt „Der Rosenkavalier“ 2019, wie aber sind Sie zum leitenden Musiktheaterregisseur des Hauses geworden?
Das ist eine witzige Geschichte. Brigitte Heusinger und Intendant Michael Börgerding gingen mit mir ins Gespräch, weil sie jemanden für die Stelle suchten. Sie wollten sich mit mir darüber beraten, wer meiner Meinung nach dafür infrage käme. Am Ende des Gesprächs kam dann die für mich überraschende Frage, ob man mich nicht aus der Professur herauslocken könne. Ob die beiden das so geplant hatten oder ob es sich spontan aus dem Gespräch ergeben hat, das weiß ich bis heute nicht.

Was war das für ein Gefühl für Sie, gefragt zu werden, ob Sie in Ihrer Heimatstadt einen der wichtigsten Posten am Theater übernehmen wollen?
Sehr aufregend. Auf der einen Seite ist es wunderschön, wie ein Geschenk, weil ich das Haus sehr mag und auch wenn ich lange Zeit weg war, immer beobachtet habe. Es ist also irgendwie vertraut. Auf der anderen Seite fühle ich schon eine große Verantwortung.

Sie kommen nun aus dem großen Berlin ins relativ kleine und beschauliche Bremen zurück.
Moment, theatral gesehen war Bremen nie klein. Das Theater Bremen spielte und spielt eigentlich immer in der Bundesliga, das spürt man auch an allen Ecken und Enden des Hauses. Für mich entscheidend ist, dass Bremen ein Haus ist, an dem man Kunst realisieren kann.

Was meinen Sie damit?
Das Haus ist sehr konstruktiv im Realisieren künstlerischer Ideen, in den Ensembles genauso wie in den technischen Abteilungen. Man ist hier sehr offen für neue Ansätze und Wege, begibt sich neugierig auf die Suche, versperrt sich nicht und versucht gangbare Wege für jede mögliche Idee zu finden. Diese Offenheit gibt es nicht häufig.

Hatten Sie denn auch Anfragen anderer Theater?
Die gab es tatsächlich, aber das kam dann aus eben angeführten Gründen für mich nicht infrage.

Welche Rolle spielt das Theater für Sie heutzutage?
Immer noch eine ganz wesentliche im Zusammenbringen von Menschen und Inhalten, die sich sonst vielleicht nirgends treffen würden. Theater muss ein starkes Liveerlebnis bescheren, das nachdrücklich ist. Das kann bewegend und aufwühlend sein. Es kann nachdenklich sein und einen Gedanken weiterspinnen. Und es kann aus meiner Sicht auch ein Abend sein, an dem man sich ausschüttet vor Lachen und einfach nur amüsiert.

Wie wollen Sie die Menschen für das Musiktheater begeistern?
Indem wir Schwellen abbauen und uns zugänglich machen. Oper ist nicht so kompliziert und unnahbar wie viele glauben. Aber sie kommt nicht immer so rüber. Ich glaube, das hat viel mit persönlichen Begegnungen zu tun, die wir schaffen müssen. Einerseits in dem wir das Haus öffnen und uns selbst, unsere Arbeit sichtbarer machen, aber auch, indem wir rausgehen und mit den Menschen reden. Wir müssen zeigen, dass wir ganz normale Leute sind und keine dem normalen Leben abhandengekommenen Spinner. Es geht dabei nicht nur um junge
Menschen. Wir brauchen keine Anbetung durch das Publikum, sondern den Dialog. Jeder, der zu uns kommt, darf auch etwas zu dem, was wir machen, sagen. Wir müssen das aushalten.

Was planen Sie inhaltlich?
Wir werden uns nicht anbiedern, aber doch gleichzeitig die Türen weit öffnen. Wie das genau aussieht, entwickeln wir im Moment. Ich fand, dass wir in den letzten 30 Jahren im Theater eine Tendenz dazu hatten, das Lachen komplett zu verlernen. Ich erinnere mich an Aufführungen in den 90er-Jahren, bei denen wir vor Lachen auf dem Boden gelegen haben. Da würde ich gerne
wieder hinkommen.

Das Interview führte Martin Märtens.