Start Bremen Aktuelles „Vielleicht war ich einfach mutiger“

„Vielleicht war ich einfach mutiger“

Der Bremer Schwimmsportler und frisch gebackene Olympiasieger Florian Wellbrock im Interview

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Foto Gian Mattia D'Alberto / LaPresse

Es ist sein ganz persönliches Sommermärchen: Am 5. August schwamm Florian Wellbrock in Tokio im Freiwasserrennen über zehn Kilometer als Erster ins Ziel und sicherte sich damit die olympische Goldmedaille. Seine Konkurrenten ließ der Bremer Athlet dabei chancenlos zurück: Mit einer Zeit von 1:48:33 h betrug sein Vorsprung zum Zweitplatzierten Kristof Rasovsky aus Ungarn (1:48:59) mehr als 25 Sekunden. Im Gespräch mit dem STADTMAGAZIN Bremen schildert Wellbrock, der dem deutschen Schwimmsport der Männer nach 33 Jahren die erste Goldmedaille bescherte, den Wettkampf aus seiner Sicht und verrät zugleich, warum er den Erfolg nicht als Grund sieht, sich zurückzulehnen.

Herr Wellbrock, Glückwunsch zur Goldmedaille! Hatten Sie mittlerweile Zeit, Ihren Triumph zu realisieren, oder ist der Erfolg noch surreal?
Florian Wellbrock: Sowohl als auch. Ich schaue mir immer noch regelmäßig und gerne die Goldmedaille an und erinnere mich an das Rennen und den Tag zurück. Es war ein Ereignis, das mir immer ganz besonders in Erinnerung bleiben wird. Auch wenn ich natürlich hoffe, dass es keine einmalige Sache bleibt und ich diesen Erfolg noch einmal wiederholen kann.

Hat die Goldmedaille denn mittlerweile einen festen Platz bei Ihnen gefunden?
Momentan liegt sie noch bei mir in der Vitrine, weil ich sie immer wieder für Termine benötige. Sobald der Trubel nachlässt, plane ich, sie in ein Bankschließfach zu bringen, damit sie im wahrsten Sinne des Wortes „safe“ ist. Ich glaube, dann schlafe ich besser (lacht).

Ihre Eltern haben während Ihres Aufenthaltes in Tokio auf Ihren Hund aufgepasst. In einem „buten-un-binnen“-Interview hat Ihr Vater verraten, dass Sie ihm wohl im Gegenzug den Teil einer Medaille versprochen haben. Haben Sie dieses Versprechen mittlerweile eingelöst?
Ich hatte ihm sogar die ganze Bronzemedaille, also meine erste olympische Medaille, die ich im 1500-Meter-Rennen gewonnen habe, angeboten. Allerdings hat er sie abgelehnt und gesagt, dass er gerne auf den Hund aufgepasst hat. Also musste ich sie notgedrungen wieder mitnehmen (lacht).

Lassen Sie uns über den Freiwasser-Wettkampftag sprechen. Sie haben nicht nur mit großem Abstand gewonnen, sondern hatten die ganze Zeit über auch keine Konkurrenz, die Ihnen auf der Spur war. Wie haben Sie selbst das Rennen wahrgenommen?
Am Anfang war es ehrlich gesagt etwas verwirrend und unwirklich für mich. Normalerweise ist die erste Runde von Positionskämpfen geprägt, in denen man sich gegen die anderen körperlich durchsetzen muss. Das war dieses Mal gar nicht der Fall. Ich habe nach 600 bis 800 Metern das erste Mal nach hinten geguckt und war da schon rund fünf oder zehn Meter im Vorsprung. Das hatte ich zuvor noch nie erlebt und dachte mir: Da stimmt etwas nicht. Irgendwann später im Rennen kam mir dann der Gedanke, dass heute vielleicht einfach ein Tag ist, an dem ich Bäume ausreißen könnte. Also habe ich es einfach mutig weiter durchgezogen und wurde am Ende mit einer Goldmedaille belohnt.

Was hat bei Ihnen besser funktioniert, als bei Ihren Kontrahenten?
Mir sind vor allem zwei Dinge zugutegekommen. Eins davon war das sehr glatte Wasser, wir hatten keine Wellen und entsprechend ähnliche Bedingungen wie im Becken. Also konnte ich meine Technik gut anwenden und lange Züge machen. Außerdem habe ich mich nicht von den hohen Wassertemperaturen abschrecken lassen. Wir waren ein paar Tage zuvor schon auf dem Kurs unterwegs und konnten das Wasser testen. Viele sind damit nicht zurechtgekommen, mir hat das aber gar nichts ausgemacht. Ich wusste: Das wird für mich kein Problem sein, und mit dieser Einstellung bin ich auch am Wettkampftag ins Rennen gegangen. Insofern könnte man sagen, vielleicht war ich einfach mutiger als meine Konkurrenten.

Angenommen, das Temperaturextrem wäre gegenteilig gewesen und Sie hätten im verhältnismäßig kalten Wasser schwimmen müssen: Hätte Ihnen das Schwierigkeiten gemacht?
Definitiv. Bei Wassertemperaturen unter 20 Grad kommt der Neoprenanzug zum
Einsatz, mit dem ich aufgrund meiner Körperproportionen nicht so gut zurechtkomme. Außerdem habe ich auch noch kein Rennen, das ich im Neopren bestritten habe, gewonnen.

Wenn man das Freiwasserschwimmen mit Wettkämpfen im Becken vergleicht, wo liegen die jeweiligen Herausforderungen? Ist Freiwasser prinzipiell als schwieriger einzustufen?
Ich finde, es ist einfach anders und nicht vergleichbar. Beim Beckenschwimmen nimmt man den Kopf runter, kann alles durch das saubere Wasser sehen, hat seine Linien und kann sich folglich nicht verschwimmen. Man findet auf der ganzen Welt die gleichen Bedingungen vor und spielt quasi immer den gleichen Film ab, den man zuvor im Training übt. Im Freiwasser gerät das Durchsetzen und Stechen mit der Konkurrenz nochmal mehr in den Fokus und man muss sich wechselnden Bedingungen anpassen können. Dazu gehören eben die Wasser- und Außentemperaturen, der Wellengang oder auch die Strömung.

Apropos „verschwimmen“: Woher weiß man als Freiwasserschwimmer eigentlich, wo man langschwimmen muss?
Der Kurs in Tokio war durch vier rote Bojen abgesteckt, die ein Viereck gebildet haben. Dazwischen waren zusätzlich noch einige gelbe Bojen als zusätzliche Orientierung platziert. Man musste also alle paar Züge nach vorne schauen, um sicherzugehen, dass man noch in die richtige Richtung schwimmt.

Achten Sie bei Wettkämpfen wie in Tokio eigentlich darauf, was um Sie herum passiert oder blenden Sie das alles aus?
Man bekommt schon einiges mit. Ich atme zu beiden Seiten und schaue regelmäßig nach hinten, um zu sehen, wie nah meine Mitstreiter dran sind oder auch eben nicht. Das verschafft mir einen guten Überblick.

Mit Ihrer Wettkampfzeit von 1:48 h waren Sie wahnsinnig schnell, zugleich war das ein langes Rennen. Was geht Ihnen bei solchen Wettkämpfen im Wasser durch den Kopf?
Ich versuche klar zu bleiben und zugleich fokussiert in einem Thema zu versinken. Bei mir ist das Musik, ich trällere meistens irgendwelche Lieder vor mich hin, die mich auch von den körperlichen Schmerzen ablenken, die irgendwann einsetzen.

Und was für Lieder sind das?
Die Frage wird mir oft gestellt, aber leider kann ich das im Nachgang nie genau sagen. Dafür stehe ich während des Rennens zu sehr unter Adrenalin. Aber es werden mit Sicherheit Melodien sein, die in meinen Rhythmus passen.

Was vielleicht einige Menschen vor dem Fernseher verwirrt hat: Ihre ersten Taten nach dem Wettkampf waren der Griff zur Wasserflasche und sich flach auf den Boden zu legen. Kam die Freude erst später?
Nach dem Wettkampf ging es mir erst einmal nicht so gut. Die letzte Runde hat sehr an mir gezehrt. Es hat sich angefühlt, wie Joggen bei 35 Grad. Deswegen war erst einmal gar nicht an Feiern zu denken. Ich wollte einfach nur etwas trinken, weil mein Körper dringend Flüssigkeit gebraucht hat.

Schon vor den Olympischen Spielen wurden Sie klar als deutsche Medaillenhoffnung gehandelt. Wie gehen Sie mit solchen Erwartungshaltungen um?
Ich kann das gut ausblenden. Ich weiß schließlich am besten, wie ich das Jahr über trainiert habe und habe natürlich auch eine gewisse Erwartungshaltung an mich selbst.

Wie geht es jetzt für Sie weiter, ist Entspannung angesagt oder der Terminkalender weiterhin voll?
Ganz voll ist er zum Glück nicht, ich kann mental etwas zur Ruhe kommen. Ich habe im Anschluss an die Olympischen Spiele noch einen zweiwöchigen Trainingsblock, danach gönne ich mir allerdings meine zwei Wochen Urlaub.

Olympisches Gold gilt als das sportliche Nonplusultra. Inwieweit gibt es für Sie noch Luft nach oben?
Gute Frage. Bei mir macht die Goldmedaille Hunger auf mehr. Ich habe mich schon kurz nach der Siegerehrung gefragt: Wie ist wohl das Gefühl, wenn ich das 2024 wieder schaffe? Ich habe richtig Bock auf die kommende Saison und freue mich ehrlich gesagt schon darauf, nach meinem Urlaub wieder ins Training einzusteigen. Ich bin unglaublich motiviert!

Das Interview führte Jennifer Fahrenholz.