Start Bremen Aktuelles Humor bedeutet, im Fluss zu sein

Humor bedeutet, im Fluss zu sein

Die Bremer Klinikclowns feiern ihr 20-jähriges Jubiläum

98
Die Bremer Klinikclowns Foto: Tine Caspar

Sie sind Mal laut, mal leise, sie kommen mit kleinen Zaubereien, poetischen Versen, Drehorgelmusik, Seifenblasen und wilden Versteckspielen. Strahlende Kinderaugen und frech grinsende Senioren sind seit 20 Jahren der schönste Lohn für Julia Wiegmann, Christian Braun und ihre Kolleginnen und Kollegen. Dabei war es ein Zufall, der die beiden freischaffenden Kunstmenschen 2001 zu Klinikclowns werden ließ.

Bei Julia Wiegmann war es eine Freundin, die ihr riet, einen Kurs mit dem Namen „Der individuelle Clown“ zu besuchen – mit der Vermutung, dass es ihr gefallen könnte. Ihre Freundin sollte Recht behalten. Die Clownerie zog die gelernte Krankenschwester und Diplom-Psychologin sofort in ihren Bann. „Ich habe Feuer gefangen.“ Kurzerhand suchte sie sich eine Clownsschule, in der sie eine professionelle Ausbildung zur Clownin machen konnte. Mit vollen Gläsern und großer Vorfreude auf die gemeinsame Arbeit, feierte sie dann mit den ersten Mitgliedern 2001 die Gründungsversammlung der Bremer Klinikclowns im Lagerhaus. Und so begann der Spaß. Niemals hätten sie gedacht, dass ihr Team 20 Jahre später auf mittlerweile neun Mitglieder wachsen würde. Nach dem Vorbild anderer Großstädte wie Köln und Wiesbaden, gründeten sie einen Verein, um Spendengelder generieren zu können. Diese kommen aus den verschiedensten Richtungen: von Schulen, deren Schülerinnen und Schüler Rennen laufen, um Geld zu sammeln, Zuwendungen von Firmen, Stadtteilfesten und auch einige Bußgelder gelangen zu ihnen. Mit diesen Spenden werden die Clownsauftritte komplett finanziert, da es bis heute keine Fördertöpfe dafür gibt. Deshalb sind die Klinikclowns auf regelmäßige finanzielle Unterstützung angewiesen. Privatpersonen können ebenfalls spenden. Sehr willkommen sind außerdem Fördermitglieder, deren 48 Euro pro Jahr und Person eine Verlässlichkeit bieten. Aber gerne nehmen sie auch einzelne Spenden, erklärt Julia Wiegmann.

Dabei geht es um weit mehr als reine Späßchen: „In der Klinikclownerie wird viel mit Empathie und anderen Fähigkeiten gearbeitet, weil wir enger mit den Menschen zusammenarbeiten“ erklärt Wiegmann. Mindestens 50 Menschen unterhalten die Clowns pro Woche mit ihrem bunten Programm. So ein Einsatz im Kinderkrankenhaus, einer Behinderteneinrichtung oder einem Seniorenheim dauert insgesamt zwei Stunden. Dabei müssen sie sehr feinfühlig und jedes Mal individuell auf die Besuchten eingehen, denn bei ihren Auftritten erfahren die Clowns und Clowninnen seitens der Kinder und Erwachsenen durchaus einmal Abweisung. Mitunter kommt es auch schon mal vor, dass eine Beleidigung durch den Raum fliegt. Die Klinikclowns sehen das entspannt: „Es ist manchmal ein Geschenk, wenn wir beschimpft werden. Clowns sind nicht immer fröhlich und lachen, das ist ein Klischee. Clowns sind einfach Figuren, die alle Paletten von Emotionen bespielen.“ Wenn sie also abgewiesen werden, sei das für sie ein tolles Spielangebot, erzählt die erste Vorsitzende der Bremer Klinikclowns. Besonders in der Zusammenarbeit mit dementen Senioren hätten sie es bei jedem Besuch mit neuen, unvorhersehbaren Reaktionen der Heimbewohnerinnen und Bewohner zu tun. So erzählt Christian Braun, dass ihnen beim einem Besuch noch ein „Hau ab, du bist blöd!“ zugerufen wurde – und beim nächsten Mal wurde ihnen von der selben Person schelmisch die Zunge rausgestreckt.

Die Clowns fühlen sich dort auf der emotionalen Ebene von den Senioren verstanden, sie kommen, um mit ihnen schöne, liebliche Momente zu verbringen und Quatsch zu machen. „Da zählt nur, wie wir diesen Augenblick gestalten, und da trifft sich das Clownsprinzip mit den Menschen mit Demenz, die ja auch mit der Zukunft und der Vergangenheit nicht so viel am Hut haben“, erklärt Julia Wiegmann. Auch wenn ein Besuch weniger gut laufe, zählt das beim Wiedersehen nicht mehr und das sei das Schöne an der Arbeit. Bei den Kindern gestaltet sich ein Besuch ebenfalls jedes Mal neu. Manchmal spielen die Clowns auch eher für die Eltern, weil die Kinder zu schüchtern oder zu erschöpft sind. Die Maskerade hilft den Clowns dabei, vollkommen in den Moment einzutauchen und sich trotz oder gerade für die kranken Kinder in eine Situation zu begeben, die sie zum Lachen bringt oder ihnen hilft sich zu entspannen. Wiegmann beschreibt es so: „Wenn ich darüber nachdenke, wie die Gesamtsituation ist, dann belastet mich das. Aber wenn ich im Clown bin, dann ist es erstmal so, dass ich mir denke, ich konnte was Schönes verändern an der Atmosphäre oder an der Gefühlslage“. Bei ihrem letzten Erlebnis mit einem Kind, sei sie zunächst „gefühlte 97 Mal“ gegen eine Tür gerannt, weil der Junge sich so köstlich darüber amüsiert habe. So entstehe manchmal schon sofort beim Eintreten ein clownesker Moment, erzählt sie. Für die Besuche gibt es fest vereinbarte Zeiten, die mit den Einrichtungen abgesprochen sind: In die Kinderklinik geht das Klinikclown-Team einmal die Woche immer am gleichen Tag zur gleichen Zeit oder alle 14 Tage. In anderen Einrichtungen finden die Besuche wiederum monatlich statt.

Mit den Jahren an Berufserfahrung lernen die Klinikclowns das, was sie während der Arbeit erleben, mit ihren Kostümen inklusive Schminke und roter Nase abzulegen. Für alles was ihnen danach noch auf dem Herzen liegt, haben sie die Gelegenheit, sich bei Treffen, die regelmäßig stattfinden, mit der Clownsgruppe über ihre Erlebnisse zu sprechen und auch ihren, wie Wiegmann sagt, „Humormuskel“ zu trainieren. Zum Thema Humor bieten sie sogar eine Schulung an. Dort machen sie viele Gruppenübungen und Spiele. Diese haben aber weniger mit Clownerie zu tun. Vielmehr gehe es dabei darum, den Kopf freizubekommen und auf eine andere Art in Kontakt zu treten. Für die beiden Vorsitzenden der Klinikclowns bedeutet Humor vor allem, im Fluss zu sein und sich dem Moment hinzugeben. Oft sei Situationskomik die Art von Humor, die uns am meisten zum Lachen bringe, bis dicke Freudentränen die Wangen runterlaufen. Nun wollen die Klinikclowns alle Lachfalten, die sie über die letzten 20 Jahre gesammelt haben, auf der Jubiläumsfeier am 26. September mit Freunden der gesamten bunten Emotionspalette gemeinsam feiern. Auch wenn das Event kurzfristig verschoben werden müsste, wollen sie eine Möglichkeit finden, das Jubiläum zu feiern: „Wir wollen es für uns zelebrieren“, sagt Christian Braun. „Und wenn wir es aufnehmen und ins Netz stellen, irgendwas wird möglich sein“, ergänzt Wiegmann. Gründe zu Feiern haben sie allemal: Mit ihrer Arbeit schaffen sie es fast immer, die Zeit kurz anzuhalten, denn sie schenken vielen Menschen einen besonderen Augenblick, in dem sie lachen und sich fallenlassen dürfen. Mit ihrer Leidenschaft für die Klinikclownerie werden sie auch zukünftig in Behinderteneinrichtungen, Krankenhäusern und Seniorenheimen für heitere Momente sorgen.

Diesen Beitrag schrieb Zoé Rugen.