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Historischer Arbeitsplatz

Das „Schulschiff Deutschland“ ist Museum und Hotel zugleich / Rundgang mit dem Schiffsbetriebsmeister

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Fotos: WFB/J. Sarbach / Text W. Heumer

André Stöter führt eine Berufsbezeichnung, die es schon lange nicht mehr gibt: Die Agentur für Arbeit stuft den Begriff des Schiffsbetriebsmeisters als historisch ein. Stöter arbeitet allerdings auch an einem geschichtsträchtigen Ort – er betreut die „Schulschiff Deutschland“ in Bremerhaven
Eine Treppe führt äußerst steil nach unten. Wer auf dem Weg in die Tiefe noch kein Herzklopfen verspürt, bekommt es spätestens am Fuß der Treppe. Zumindest gilt das für diejenigen, die sich für klassische Handwerksarbeit begeistern. „Das ist doch super, oder nicht?“, fragt André Stöter den Besucher und weist mit einer Handbewegung auf einen Maschinenpark aus Fräsen, Drehbänken, Bohrern und vielen weiteren Dingen, die für die Holz- und Metallbearbeitung notwendig sind. „Die Maschinen dürften aus den 1950er Jahren stammen. Aber sie funktionieren alle noch tadellos,“ sagt Stöter. Die Geräte stehen im Unterdeck der „Schulschiff Deutschland“. Einst wurden hier Seeleute ausgebildet, jetzt ist der 86 Meter lange Windjammer ein Museum, beheimatet in Bremerhaven. „Und ein Hotel“, ergänzt Stöter, der das Dreimast-Vollschiff als Schiffsbetriebsmeister zusammen mit einer Crew aus begeisterten Ehrenamtlichen in Schuss hält.

Eine Geschichte
voller Wechsel

Die Geschichte der „Schulschiff Deutschland“ ist lang und voller Wechsel: Sie war unter anderem aktives Schulschiff mit Heimathafen in Elsfleth, sie unternahm bis 1944 zwölf Überseereisen und 17 Törns auf Nord- und Ostsee, war Lazarettschiff in Lübeck und Wohnschiff in Cuxhaven sowie stationäres Ausbildungsschiff in Bremen. 2021 kehrte der Großsegler als Museumsschiff schließlich nach Bremerhaven zurück, wo er 1927 auf der legendären Tecklenborg-Werft vom Stapel gelaufen war.
Der Schiffbau an der Unterweser ist gewissermaßen das verbindende Element zwischen dem Rahsegler und seinem neuen Schiffsbetriebsmeister, der seit Januar an Bord ist. Sein langjähriger Vorgänger Ingo Müller-Fellmett war zuvor in Rente gegangen. Der Bremerhavener André Stöter ist gelernter Schiffbauer und Konstruktionsmechaniker; er hat auf Werften an der Unterweser gearbeitet, wechselte später in die Windkraftindustrie und wieder zurück auf eine Werft. Ein paar Mal reiste er auch zu Schiffen auf den Atlantik, in der Karibik und vor Madeira, um während der Fahrt anfallende Arbeiten zu erledigen. „Jedes Mal hat man noch wieder irgendetwas Neues dazugelernt“, bilanziert der 49-Jährige sein bisheriges Berufsleben. „Das kann ich jetzt hier an Bord gut gebrauchen.“

Historisches Schiff stößt auf Begeisterung

Stöter hat auf der „Schulschiff Deutschland“ viel zu tun – und das, obwohl der Dreimaster trotz seines hohen Alters augenscheinlich gut in Schuss ist. Der gute Zustand des Kulturdenkmals sei das Verdienst von Ingo Müller-Fellmett und seines freiwilligen Helferteams, sagt Claus Jäger, früherer Bremer Wirtschaftssenator und seit vielen Jahren Vorsitzender des Vereins, der das Schiff und damit das maritime Erbe der Seemannsausbildung am Leben hält. Müller-Fellmett war mehr als 40 Jahre auf der „Schulschiff Deutschland“ tätig, nun hat Stöter die Aufgaben übernommen. „Im Prinzip mache ich hier alles, was irgendwie mit dem Erhalt des Schiffes, dem Museum und dem Hotelbetrieb zu tun hat“, beschreibt Stöter seine Aufgaben auf dem 95 Jahre alten Großsegler. Mit seinem Vorgänger teilt Stöter übrigens nicht nur die Begeisterung für die Arbeit am Schiff, sondern auch ein Hobby: Wie Müller-Fellmett liebt er Musik und Rockkonzerte.

Viele neue Mitglieder
seit dem Umzug

Seit dem Umzug im Spätsommer 2021 von Bremen-Vegesack, wo das Museumsschiff viele Jahre lag, nach Bremerhaven konnte der Verein eine Vielzahl neuer aktiver Mitglieder gewinnen, sagt Claus Jäger. Die Menschen in Bremerhaven seien begeistert, endlich wieder ein in der Stadt gebautes Segelschiff dauerhaft im Hafen zu sehen. Aber nicht nur deshalb freut sich Jäger darüber, dass der stolze Großsegler im Neuen Hafen vor Anker gegangen ist: „Das ist der perfekte Platz für uns.“ Das Schiff liege schließlich mitten im touristischen Dreieck der Stadt mit Deutschem Auswandererhaus, Klimahaus Bremerhaven und Zoo am Meer. Das Besucherpotenzial „ist für uns natürlich wichtig, damit wir über Eintrittsgelder und die Übernachtungen an Bord den Unterhalt des Schiffes finanzieren können“, betont Claus Jäger.

Übernachten an Bord möglich

Zum Jahresanfang ist es noch relativ ruhig an Bord. André Stöter nutzt die Zeit, um sowohl die ehrenamtliche Crew an Bord als auch das Schiff selbst kennenzulernen. Ein wesentlicher Teil seiner Arbeit ist es, die ehrenamtlichen Instandhaltungs- und Verschönerungsarbeiten der Vereinsmitglieder zu koordinieren. Außerdem hält er alles für den Hotel- und Besucherbetrieb an Bord in Schuss. Die „Schulschiff Deutschland“ verfügt über 30 Außenkabinen. Abgesehen von den Kapitäns- und Reederkammern sind es schlichte Doppelkabinen, die einen gewissen Charme haben: Die Gäste schlafen in Doppelstockbetten. „Das ist alles klein, aber gemütlich“, sagt Schiffsbetriebsmeister Stöter. „Im Original war das noch ein ganz anderer Schnack“, lacht er. Stöter zeigt auf eine alte Aufnahme aus dem ursprünglichen Mannschaftsquartier. Darauf schlafen die angehenden Seeleute in Hängematten: „Nach dem Aufstehen wurden die weggepackt und aus den Wänden die Tische ausgeklappt“, berichtet Stöter, „Fertig war der Schulbetrieb.“

Auf Erkundungstour durch
Werkstatt und Segellast

Solche Geschichten erzählt Stöter gern, er lernt sie selbst alle nach und nach kennen. Derzeit ist er damit befasst, das Schiff in seiner ganzen Länge und Breite zu erkunden. Die Werkstatt fasziniert ihn dabei besonders, schließlich ist er vom Fach. „Hier wurden die Seeleute und Schiffsmechaniker in der Praxis ausgebildet.“ Mancher Raum vor und hinter den Sälen mit den Holz- und Metallmaschinen wartet dagegen noch auf die Inspizierung des Schiffsbetriebsmeisters. In die sogenannte Segellast – dort wurde früher alles für den Segelbetrieb Notwendige gelagert – hat er bisher nur ein paar längere Blicke werfen können: „Da muss man mal etwas mehr Zeit und Ruhe mitbringen.“ Der Aufwand könnte sich lohnen, immerhin hat Stöter von Weitem schon ein paar der Originalsegel entdeckt.

Spannende Lektüre in den
alten Schiffstagebüchern

Auch wenn die „Schulschiff Deutschland“ die meiste Zeit als schwimmende Seefahrtsschule und Internat an einem festen Liegeplatz verbrachte, ist sie doch weit in die Welt gekommen. Von 1927 bis 1939 unternahm sie Ausbildungsfahrten bis nach Südamerika, zu den Bahamas und nach Südafrika. Dabei legte das Schiff mindestens 12.000 Seemeilen – mehr als 22.000 Kilometer – zurück. Vor Kurzem hatte Stöter die Gelegenheit, in den vollständig erhaltenen Schiffstagebüchern aus dieser Zeit zu blättern. „Das müssen schon spannende Reisen gewesen sein“, ist er überzeugt. Aber jedes Mal, wenn er die steile Treppe zu den Werkstätten hinabklettert, stellt er fest: „Hier zu arbeiten, ist genauso spannend.“ Der Vergangenheit ist es auch geschuldet, dass Stöter den historischen Titel Schiffsbetriebsmeister trägt, den es eigentlich gar nicht mehr gibt. „So wurden alle seine Vorgänger genannt, deswegen pflegen wir passend zum Schiff auch diese Tradition“, betont Claus Jäger.

Die „Schulschiff Deutschland“ kann montags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden. Weitere Informationen unter www.schulschiff-deutschland.de.