Start Bremen Aktuelles „Wir sind keineswegs ein fertiges Team“

„Wir sind keineswegs ein fertiges Team“

Schauspielerin Luise Wolfram über den neuen „Bremer Tatort“ und ihren Beruf in Zeiten der Pandemie

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Foto: Radio Bremen – Christine Schröder

Als BKA-Ermittlerin Linda Selb ist Schauspielerin Luise Wolfram dem Bremer Publikum vor allem durch ihre Rolle im „Bremer Tatort“ bekannt. Seit 2016 Teil der Krimireihe, bildet sie in der Konstellation mit Jasna Fritzi Bauer und Dar Salim ein neues Team, dessen erster Fall am 24. Mai läuft. Ihre beruflichen Wurzeln hat Luise Wolfram im Theater – eine Branche, die aktuell nahezu brach liegt. Anlässlich des bevorstehenden Sendetermins der neuen „Tatort“-Episode „Neugeboren“ sprachen wir mit der 33-Jährigen über ihre Rückkehr zum Set, coronakonforme Drehbedingungen sowie darüber, inwieweit Film- und Fernsehproduktionen die Pandemie in ihren Geschichten aufgreifen sollten.

Frau Wolfram, zwischen der Vorstellung des neuen Bremer „Tatort“-Teams bis zur Bekanntgabe des Sendetermins von „Neugeboren“ ist viel Zeit vergangen. Wie groß ist die Freude, dass das Erste am Pfingstmontag endlich wieder einen Bremer „Tatort“ ausstrahlt?
Luise Wolfram: Sehr groß, ich freue mich total. Wir haben lange gewartet und in der Zwischenzeit Gott sei Dank die Mockumentary „How to Tatort“ gedreht. Das war eine ganz gute Überbrückung, sowohl für das Publikum als auch für uns. Wir, also Jasna, Dar und ich, konnten uns als Team kennenlernen und zugleich ein Signal nach außen senden: Es gibt uns und wir erarbeiten etwas, das man als Kostprobe des neuen Bremer „Tatorts“ begreifen könnte.

Wie war die Resonanz auf „How to Tatort“?
Sehr gut. Ich habe nur Positives gehört und fand es toll, wie die Zuschauerinnen und Zuschauer Anteil genommen haben. Was ist fiktiv und was nicht? Mit dieser Frage hat die Serie gespielt und genau das ausgelöst, was sie sollte.

Sind sie anlässlich des Sendetermins aufgeregt? Es ist schließlich die Feuertaufe für Sie und Ihre neuen Teamkollegen.
Naja, für meine Figur Linda Selb ist es das nur begrenzt, da sie die Brücke bildet vom alten Team zum neuen Trio. Aufregung ist das falsche Wort, ich bin eher gespannt, wie man uns als Team wahrnimmt, und ob man im Anschluss Lust hat, uns auch zukünftig weiter zuzuschauen.

Das Fernsehpublikum hat Ihre Rolle Linda Selb bisher als fachlich sehr exakte aber menschlich etwas spezielle BKA-Ermittlerin kennengelernt. Inwieweit kann sich Ihre Rolle mit der Dynamik eines Trios arrangieren?
Für Linda Selb wäre es bestimmt leichter, wenn sie ihre Arbeit ständig allein und in Eigenregie machen könnte, sich auch keinem Vorgesetzten gegenüber rechtfertigen oder mit Kollegen arrangieren müsste, die andere Ermittlungsschritte ergreifen würden, als sie. Aber, so ist nun einmal nicht die Realität, dessen ist sie sich bewusst und weiß, dass sie kooperieren muss. Mir bereitet die Figur sehr viel Freude.

Als Linda Selb bleibt Luise Wolfram dem „Bremer Tatort“ erhalten und ermittelt neben Jasna Fritzi Bauer und Dar Salim. Foto: Radio Bremen

„Neugeboren“ trifft in zweierlei Hinsicht auf den „Tatort“ zu. Es ist sowohl der Episodentitel als auch, so könnte man es verstehen, ein Bezug zu den neuen Gesichtern. Inwieweit waren die Dreharbeiten eine neue Erfahrung für Sie?
Der Dreh war auf jeden Fall eine neue Erfahrung für mich und sehr aufregend. Wir hatten eine andere Regie und die ganze Konstellation mit uns dreien als neues Team musste erstmal erprobt werden, bisher gab es den Fall ja nur auf dem Blatt Papier. Man könnte vermuten, dass die Dreharbeiten immer sehr ähnlich sind, da alles unter dem Titel „Bremer Tatort“ läuft, aber es ist jedes Mal eine besondere Erfahrung. Die Schauspielenden, die Geschichten, die Orte – tatsächlich ist jeder Fall unterschiedlich. Ein Teil des „alten Teams“ hinter der Kamera war auch dieses Mal wieder dabei, was mich sehr gefreut hat. Ich würde sagen, es war ein bunter Mix aus bekannten und neuen Gesichtern.

Der „Bremer Tatort“ ist dafür bekannt, gesellschaftskritisch zu sein und den Finger in offene Wunden zu legen. Inwieweit wird „Neugeboren“ diesem Anspruch gerecht?
Natürlich haben wir das Ziel, diesem Anspruch weiterhin gerecht zu werden. Gerade auf lange Sicht macht dieses Merkmal den „Bremer Tatort“ einfach aus, und er sollte es nicht verlieren. In „Neugeboren“ geht es um zwei Kriminalfälle, die zumindest auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Der Film blickt in das Leben von einkommensschwächeren Familien und deren geplatzten Träumen.

Wie kann man sich eigentlich coronakonforme Dreharbeiten vorstellen?
Vor allem für das Team hinter der Kamera waren die Dreharbeiten mit der größten Herausforderung verbunden. Es musste den ganzen Tag die Maske auflassen, gerade weil wir auch viel in geschlossenen Räumen gedreht haben. Wir Schauspielenden konnten im Bild natürlich keine Maske tragen. Wenn die Kamera aus war, waren wir jedoch ebenfalls dazu angehalten, eine Mund-Nasen-Bedeckung aufzusetzen. Außerdem wurden wir alle regelmäßig getestet.

Oliver Mommsen und Sabine Postel haben mal erzählt, dass die Bremer die Dreharbeiten in der Stadt sehr genau und positiv wahrnehmen. War das in dem Fall auch so, oder sind Ihnen aufgrund der aktuellen Situation wenig Schaulustige begegnet?
Ich würde tatsächlich sagen, dass es zu „Nicht-Corona-Zeiten“ mehr Schaulustige gab, das ist meine persönliche Einschätzung. Ich habe aber die Bremerinnen und Bremer bisher immer als sehr besonnen und ruhig wahrgenommen, da gab es auch in der Vergangenheit keine Ambitionen, das Set zu stürmen (lacht). Es ist eher ein stilles Freuen, eine Teilhabe, die eigentlich sehr schön ist.

Wie verbringen Sie Ihre Drehpausen in Bremen, wenn nicht gerade eine Pandemie das öffentliche Leben runterfährt?
Ich bin immer sehr gerne in die Kunsthalle gegangen und habe das Theater Bremen häufig besucht. Sehr schade, dass das aktuell nicht möglich ist.

Der „Tatort“ wird in einer Zeit ausgestrahlt, in der unser normales Leben seit über einem Jahr auf dem Kopf steht. Inwieweit sollten Film- und Fernsehen Ihrer Meinung nach die aktuelle Realität aufgreifen?
Ich persönlich finde, dass nichts dagegenspricht, Stoffe zu entwickeln, die diesem Thema gerecht werden, die aktuelle Situation widerspiegeln und sich damit auseinandersetzen. Ich glaube, die Menschen habe eine große Sehnsucht danach, dass das, was sie umgibt und beschäftigt, gebündelt auch in Film und Fernsehen zu sehen ist. Ich bin überrascht, dass es bisher so wenig Formate gibt, die sich damit auseinandersetzen und gespannt, wie lange das noch anhalten wird.

Inwieweit hat sich Ihr Beruf als Schauspielerin generell durch die Pandemie verändert?
Da muss man zwischen den Bereichen unterscheiden. Im Film und Fernsehen stand die Arbeit nur zu Beginn der Pandemie still und man hat mittlerweile einen Weg gefunden, unter den neuen Bedingungen weiterzuarbeiten. Im Theater sieht das natürlich ganz anders aus. Die Häuser sind darauf angewiesen, dass Publikum kommt. Wird das gesetzlich unterbunden, steht der Betrieb nahezu still. Das betrifft natürlich auch alle freischaffenden Künstlerinnen und Künstler, die für die Häuser arbeiten. Daneben ist die Finanzierung von Kinofilmen etwas, was sehr schwer ist zurzeit, da die Aussicht fehlt, wann Kinos wieder in den gängigen Spielbetrieb kommen.

Hatte Corona bisher insofern Auswirkungen auf Ihren Beruf, dass geplante Projekte verschoben und abgesagt wurden?
Ja, ich hätte letztes Jahr eigentlich eine Theaterproduktion gehabt, die entfallen ist. Zudem hat der Kinofilm „Kiss Me Kosher“, in dem ich mitgewirkt habe, nicht die Kinoauswertung erfahren, die er in normalen Zeiten bekommen hätte, ebenso wenig die Festivalauswertung. Das war schon extrem hart. Durch das Entfallen aller Festivals bricht ein wichtiger Vertriebsmarkt für Filmprojekte weg. Außerdem ist ein Film dafür gemacht, dass ihn möglichst viele Leute sehen. Da die Kinos nur kurzzeitig wieder öffnen durften, war das bei „Kiss Me Kosher“ wenigstens möglich, aber viel zu kurz.

Sind Sie trotz der Situation zeitlich streng durchgetaktet oder haben auch Sie mehr Zwangspausen?
Ich habe das im letzten Jahr schon gemerkt, habe im Großen und Ganzen aber großes Glück gehabt. Ich konnte in den letzten Monaten die Sky-Produktion „Das Boot“ drehen und eben den „Bremer Tatort“ und „How to Tatort“. Eine klassische Zwangspause hatte ich also nur am Anfang des ersten Lockdowns.

Zu guter Letzt: Wieso sollte man am Pfingstmontag auf keinen Fall den „Tatort“ verpassen?
Ich glaube, es ist für die Zuschauerinnen und Zuschauer interessant, uns dabei zuzuschauen, wie wir uns gemeinsam finden. Wir sind keineswegs ein fertiges Team, wenn wir auf die Bildfläche treten. Außerdem erzählt der „Tatort“ eine spannende Geschichte, deren Ausgang meiner Meinung nach nicht vorhersehbar ist.

Info: „Neugeboren“, der erste „Bremer Tatort“ in neuer Besetzung, ist am Pfingstmontag, 24. Mai, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.