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Porträts einer Krise

Lockdown-Story: Fotografin Helena Heilig realisiert „Wirte im Lockdown“

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Helena Heilig (rechts) hat unter anderem Sandra Schütz vom Litfass porträtiert. Foto: Martina Vogt

192 Restaurants in 14 deutschen Städten: Im Zuge der Coronakrise hat sich die Fotografin Helena Heilig auf eine kulinarische Reise der besonderen Art begeben. Doch statt mit vollem Bauch kehrte die Künstlerin mit einer ausgelasteten Speicherkarte Heim.

„Hallo Helena, ich habe da eine Idee.“ Als Helena Heilig diese Textnachricht von einem befreundeten Concierge vor rund einem Jahr erhält, steht das öffentliche Leben nahezu still. Der erste Lockdown ist seit Kurzem präsent, innerhalb weniger Tage sind der Fotografin sämtliche Aufträge weggebrochen, es klafft eine Lücke im sonst so vollen Terminkalender der Künstlerin. „Er machte mich darauf aufmerksam, dass die leer stehenden Restaurants, Bars und Kneipen eine besondere Situation sei, die festgehalten werden müsse“, erinnert sie sich. Für die Münchnerin, die als Fotografin stets Besonderheiten und Raritäten mit der Linse einfangen möchte, ist es eine Entscheidung, die sie in zwei Minuten fällt: „Das mache ich.“

Gemeinsam mit Journalistin Susanne Fiedler besucht sie 26 Wirte, zunächst nur im Münchner Raum. Im November sollen die Bilder inklusive kleiner Interviews und Personenbeschreibungen in einer Ausstellung gezeigt werden – so lautet zumindest zu diesem Zeitpunkt noch der Plan. Doch auf den ersten folgt wenige Monate später der zweite Lockdown, der Heilig dazu verleitet, weitere 24 Gastronomen in ihrer Heimatstadt abzulichten und zu ihrer Situation zu befragen. „Der Stillstand und die Krise haben unser Projekt natürlich begünstigt“, sagt Heilig. „Plötzlich hatten Wirte auch mal Zeit eine E-Mail zu lesen und längere Gespräche zu führen, die im stressigen Alltag oft nicht möglich sind.“ Zudem habe sie eine große Dankbarkeit bei ihren Besuchen wahrgenommen. „Ich glaube, die Gastronomen haben sich durch unser Projekt ein wenig in das Licht der Pandemie gerückt gefühlt.“

Auch DEHOGA-Chef Detlef Pauls ließ sich für das Kunstprojekt fotografieren. Foto: Helena Heilig

Würde sich dieses positive Feedback auch in anderen Städten einstellen? Um dieser Frage nachzugehen, fährt Heilig mit ihrer Assistentin nach Berlin und lichtet 16 regionale Wirte ab, auch der Hamburger Gastroszene stattet Heilig einen Besuch ab. Anfang des Jahres folgt das wahrscheinlich spannendste und zugleich anstrengendste Kapitel des Projektes. 14 Tage lang begibt sich Heilig auf eine bundesweite Fototour, „von Reutlingen über Stuttgart, Baden-Baden, Heidelberg und Frankfurt bis nach Köln“, beschreibt sie ihre Route selbst. „An einem Tisch gegessen habe ich in dieser Zeit nur zwei Mal“, macht sie das Paradox ihrer gastronomischen Reise deutlich. Nach weiteren Zwischenstopps in Dresden und Leipzig, schließt sie ihr Kunstprojekt inhaltlich mit ausgewählten Wirten in Nürnberg, Hannover und Bremen ab, in der Hansestadt besucht sie die Feuerwache, Küche 13, das Litfass, das Engel WeinCafé, das Canova Bremen sowie das Hotel Munte.

Die 192 Gesichter, die Heilig porträtiert hat, sind jedoch nicht das einzige Resultat ihrer Aktion. Auch die Gespräche haben sich fest im Gedächtnis der Fotografin verankert und sie nachhaltig berührt. „Gastronomen sind Beißer, sie haben ein dickes Fell und Durchhaltevermögen“, sagt sie. „Im zweiten Lockdown habe ich allerdings gemerkt, wie sehr ihnen die Perspektivlosigkeit zu schaffen macht. Wenn ein einfaches ‚Wie geht es dir?‘ schon für feuchte Augen und zitternde Kinnpartien sorgt, sagt das wahrscheinlich alles.“ Zugleich habe Heilig, die in ihrem Kunstprojekt unter anderem von sieben Journalisten und einer Lektorin unterstützt wird, aber auch viel Positivität wahrnehmen können. „Eine Hamburger Gastronomin hat sich bei meinem Besuch fürs Zusammenbringen bedankt. Das habe ich erst nicht verstanden“, erzählt sie. „Dann wurde mir klar, dass die Gastronomen zwar in den jeweiligen Städten miteinander vernetzt sind, auf Bundesebene jedoch kaum. Über den Sinn ihres Projektes sagt sie zudem: „Meine Fotos sind ein zeitgeschichtliches Dokument. Ich hoffe, dass man an diese Zeit zurückdenkt wenn man sie in Zukunft betrachtet und sich erinnert, wie still es war und was uns fehlte, als wir nicht Gast sein konnten.

„Wirte im Lockdown“ ist als Wanderausstellung in verschiedenen deutschen Städten geplant. Zudem wird ab Sommer ein Bildband erhältlich sein. Nähere Informationen:
www.wirte-im-lockdown.de.