Start Bremen „Wir müssen digital am Ball bleiben“

„Wir müssen digital am Ball bleiben“

Wechsel an der Spitze: Radio-Bremen-Intendantin Yvette Gerner im Interview

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Foto: Matthias Hornung / Radio Bremen

Sie trägt ab sofort die Verantwortung bei Radio Bremen: Yvette Gerner. Seit Beginn dieses Monats bekleidet die 52-Jährige das Amt der Intendantin und tritt damit die Nachfolge von Jan Metzger an. Für ihre neue berufliche Aufgabe verlegte die erfahrene Journalistin, die zuvor als Chefin vom Dienst in der Chefredaktion des ZDF tätig war, ihren Lebensmittelpunkt von Mainz in die Hansestadt. Das STADTMAGAZIN traf die promovierte Politikwissenschaftlerin bereits vor ihrem ersten Arbeitstag in der Landesrundfunkanstalt. Yvette Gerner sprach dabei über die zunehmende Vielfalt der Medienlandschaft, ihre neuen Aufgaben sowie Herausforderungen und verriet, welchen Eindruck sie bisher von Bremen hat.

Frau Gerner, Sie wurden Anfang März vom Rundfunkrat zur neuen Intendantin von Radio Bremen gewählt. Wie optimistisch waren Sie bei der Wahl?
Yvette Gerner: Naja, an demokratische Wahlen sollte man nie zu siegessicher rangehen (lacht). Da kann alles passieren. Ich war vorsichtig optimistisch und habe darauf gehofft, dass der Rundfunkrat seiner Findungskommission vertraut und dass ich mit meinen Vorstellungen den Rundfunkrat überzeugen kann.

Also waren Sie überrascht, als man Ihnen das Ergebnis mitgeteilt hat?
Überrascht nicht, ich würde eher sagen, dass ich erfreut war und nach wie vor sehr glücklich bin, dass es geklappt hat.

Gehen wir einen Schritt zurück: Im Vorfeld der Wahl wurden Sie von der Findungskommission als geeignete Kandidatin vorgeschlagen. Wie kam es dazu?
Ich kenne Radio Bremen schon lange und hatte auch vorher schon die Funkformate „Wumms!“, „Wishlist“ und „Y-Kollektiv“ abonniert. Auch „buten un binnen“ kannte ich. Zudem sind mir in der ARD immer mal wieder Formate von Radio Bremen aufgefallen. Ich habe mich allerdings nicht aktiv beworben, sondern wurde empfohlen. Ich musste gar nicht lange nachdenken. Ich glaube, ich habe gute Kompetenzen, die ich einbringen kann.

Apropos Kompetenzen: Sie haben viele Jahre journalistisch gearbeitet. Sind diese Erfahrungen für Ihre Position als Intendantin von Vorteil?
Es sind auf jeden Fall die Erfahrungen und Fähigkeiten, die ich mitbringe. Es gibt verschiedene berufliche Wege, die zu einer ­Intendanz berechtigen können, sei es ein ­juristischer oder eine administrativer. Mit mir bekommt Radio Bremen eine Journalistin. Ich habe die letzten Jahre aber auch im Management verbracht.

Sie waren zuvor in der Chefredaktion des ZDF tätig. Hatten Sie das Bedürfnis nach einem beruflichen Wandel?
Es war ein Job, der mir viel Spaß gemacht hat und in dem ich sehr viel lernen konnte. Trotzdem muss ich sagen: Es war Zeit für einen beruflichen Wechsel. Ich habe das ganze neun Jahre lang gemacht und brauchte einfach einen Wandel. Einen ganzen Sender mitgestalten zu können und den Zuschauern ein attraktives Programm zu bieten, finde ich unfassbar spannend.

Nach acht Intendanten sind Sie die erste Frau an der Spitze des Senders. Wie bedeutend ist dieser Fakt Ihrer Meinung nach?
Die Findungskommission hatte vier Männer und vier Frauen in der engeren Wahl. Dass die Wahl mit mir letztendlich auf eine Frau gefallen ist, hat glaube ich mehr mit der Kompetenz als mit dem Geschlecht zu tun. Natürlich bin ich stolz, als erste Frau hier im Haus die Intendanz bekleiden zu dürfen.

Müsste im Bereich Frauenförderung denn noch mehr getan werden?
Ich weiß, dass Frauenförderung in Bremen bereits ein großes Thema ist und viel dafür getan wird. Chancengleichheit und Diversität sind schließlich nicht nur Selbstzweck, sondern Spiegelbild der Welt, in der wir leben. Es hat sich einiges getan, aber es gilt, den halben Führungshimmel mit geeigneten Frauen zu besetzen. Radio Bremen hat gerade noch unter Jan Metzger eine neue Dienstvereinbarung zur Frauenförderung beschlossen.

Mittlerweile sehen sich Menschen mit einer riesigen Medienlandschaft verschiedener Anbieter konfrontiert. Inwieweit stellen Streamingdienste eine Konkurrenz für öffentlich-rechtliche Anstalten dar und zwingen mitunter zum Umdenken?
In der Internetwelt heißt es: „Content is King“. Es sind jene Anbieter erfolgreich am Markt, die Inhalte liefern. ARD und ZDF bieten jede Menge guter Inhalte, die dazu auch noch zielgerichtet in Deutschland fürs deutsche Publikum erstellt werden. Zudem lassen sich alle Formate in der ARD-Mediathek und -Audiothek abrufen. Wir müssen digital am Ball bleiben, damit die Inhalte auch einfach gefunden werden.

Mit welchem Anspruch beginnen Sie Ihre Tätigkeit bei Radio Bremen?
Mein Anspruch ist, erst einmal die Mitarbeiter kennenzulernen, herauszufinden, wie sie ticken und wofür sie brennen. Radio Bremen ist gut aufgestellt. Aber ich möchte, dass wir gemeinsam noch besser werden. Wir haben einen klaren öffentlichen Auftrag, dem wir alle verpflichtet sind.

Sie haben kurz nach Ihrer Wahl angekündigt, ein Programmangebot bieten zu wollen, das „nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen hier vor Ort“ sei. Was genau haben Sie damit gemeint?
Das Land Bremen bietet eine unheimlich große Chance, da man selten so nah an den Menschen dran ist, für die man Programminhalte erstellt. Diese Chance muss man nutzen. Es geht darum, Inhalte zu produzieren, die für die Menschen relevant sind, die wichtige Informationen für unser Zusammenleben bieten, wertschätzend sind und divers. Ich komme von einem nationalen Sender, da hat man eine viel größere Distanz zum Publikum.

Für Ihre neue berufliche Position haben Sie nicht nur Ihren Arbeitsplatz, sondern auch Ihren Lebensmittelpunkt verlagert. Haben Sie Ihren neuen Wohnort schon ausgiebig erkundet?
Ja. Ich bin nun seit ein paar Wochen hier und habe auch schon tatsächlich die meisten Umzugskartons ausgepackt (lacht). Ich erkunde mit dem Fahrrad fleißig Bremen und umzu und bewege mein Auto tatsächlich relativ wenig.

Als Intendantin bekleidet Yvette Gerner nun das höchste Amt der Landesrundfunkanstalt. Im Interview gab sie sich gut gelaunt – und lächelte im ­Anschluss an das Gespräch fröhlich in die Kamera. Foto: Marco Meister

Da scheinen Sie sich schon einmal für das typisch bremische Transportmittel entschieden zu haben.
Ja, nicht wahr? Das liegt mir wirklich sehr und macht mir viel Spaß. Man kommt ja auch einfacher und besser voran als mit dem Auto. Ich radle im Bürgerpark, an der Weser und erkunde so nach und nach die Gegend. Ich verirre mich zwar ab und zu noch, aber das kann ja auch ganz interessant sein.