Start Bremen „Wie in einem Labyrinth“

„Wie in einem Labyrinth“

Antarktische See: Geophysiker Dr. Lasse Rabenstein half beim Auffinden der „Endurance“ in 3000 Meter Tiefe

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Aufgrund der Kälte und des sauerstoffarmen Wassers ist das Wrack auch nach über 100 Jahren noch erstaunlich gut erhalten. Foto: Falklands Maritime Heritage Trust

Als der britische Polarforscher Ernest Shackleton 1914 mit der „Endurance“ von Argentinien aufbrach, war es das Ziel des Entdeckers, den antarktischen Kontinent zu durchqueren. Doch es kam anders. Schon frühzeitig steckte das Schiff im Eis im Weddellmeer fest und sank schließlich. Die Mannschaft rettete sich auf die Insel Elephant Island und überlebte vollständig, fast wie durch ein Wunder. Auf einer weiteren Expedition starb Shackleton einige Jahre später am 5. Januar 1922 auf Südgeorgien, wo er auf Wunsch seiner Frau am 5. März 1922 auch beigesetzt wurde. Auf den Tag genau 100 Jahre nach der Beisetzung wurde das Wrack der „Endurance“ kürzlich von einer Expedition in 3000 Meter Tiefe gefunden, was einer wissenschaftlichen Sensation gleichkommt. Wir sprachen mit dem Bremer Wissenschaftler Dr. Lasse Rabenstein vom Start-up Drift & Noise Polar Services GmbH, der Anfang des Jahres von Kapstadt aus mit der „Agulhas“ in See stach und mit seinem Team dafür verantwortlich war, dass die Expedition ihr Ziel überhaupt erreichte und auch finden konnte.

Wie sind Sie zur „Endurance“-Expedition gekommen?
Dr. Lasse Rabenstein: John Shears, der Expeditionsleiter, hat am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven nachgefragt, woher diese die Eisinformationen bekommen. Das Institut hat dann auf uns verwiesen, zumal wir ein AWI-Spin-off sind. So kam eines zum anderen.

Wie lange waren Sie insgesamt mit der Expedition beschäftigt?
Für uns hat die Unternehmung im Januar 2021 begonnen. Wir haben zu dem Zeitpunkt geguckt, welche Eisvorhersagen beziehungsweise Eisdrift-Informationen wir überhaupt liefern können. Das Ganze dauert auch jetzt noch immer an und war nicht mit dem Fund des Wracks oder dem Anlegen in Kapstadt beendet. Momentan bin ich dabei, ein Wissenschaftsmeeting im Januar 2023 zum Thema „Endurance 2022“ vorzubereiten. Sieht man die gesamte Unternehmung, muss man sogar zehn Jahre zurückgehen, damals entstand die Idee und es begannen erste Planungen.

Und die reine Expeditionszeit?
Am 28. Januar ging es an Bord und am 20. März 2021 waren wir wieder zurück.

Wie kann man sich die Situation an Bord vorstellen?
Es ist alles streng hierarchisch geordnet. An oberster Stelle stehen der Kapitän und der Expeditionsleiter, die dann jeweils für ihre Teams, also die Crew sowie das Expeditionsteam, verantwortlich sind. Insgesamt waren 110 Beteiligte an Bord. Es gibt verschiedene Arbeitsgruppen. Während die Crew für alles rund um das Schiff von der Kombüse bis zum Maschinenraum zuständig ist, gibt es beim Expeditionsteam verschiedene Gruppen. Angefangen beim Subsea-Team, welches für den Tauchroboter verantwortlich zeichnet, über das Eiscampteam, welches für die Logistik eines Eiscamps zuständig war, zwei Helikopterteams, ein Mediateam bis hin zu uns, die wir dafür zuständig waren, den richtigen Weg zu finden.

Was genau war Ihr Aufgabengebiet?
Wir waren mit einem Eisbrecher der Klasse 5 unterwegs. Es gibt die Klassen 1 bis 6, wobei 1 die beste ist. Wir mussten also via Satellit gucken, wie wir am besten fahren, um dickes Eis zu vermeiden, da unser Schiff das vielleicht nicht geschafft hätte. Dabei geht es auch darum, die Meereisdrift entsprechend zu berechnen, um nicht, wie Shackleton einst, im Eis stecken zu bleiben. Es ist ein bisschen wie durch ein Labyrinth aus schmalen Wasserrinnen und dicken Eisflächen zu fahren. Mein Team und ich waren also permanent auf der Brücke. Und es gab natürlich auch das eine oder andere Problem.

Welche waren das?
Zunächst einmal mussten wir klären, welche Instrumente überhaupt noch auf die Brücke dürfen. Eines unserer Teammitglieder war fast ausnahmslos damit beschäftigt, trotz der schlechten Internetverbindung vernünftige Satellitendaten an Bord zu bekommen. Und im Vorfeld mussten die wissenschaftlichen Instrumente installiert werden, damit auf dem Meer nachher alles funktioniert. Hinzu kamen immer wieder technische Probleme beim Einsatz des Tauchroboters. Das Ganze war ein Stück Pioniersarbeit.

Wie lang war ein Arbeitstag an Bord?
In unserem Team hat jeder an jedem Tag zwischen 12 und 16 Stunden gearbeitet. Für Seefahrerromantik blieb keine Zeit, es ging eigentlich nur ums Arbeiten, Schlafen und Essen.

Hand aufs Herz: Wie hoch haben Sie Ihre Chancen gesehen, die „Endurance“ tatsächlich zu finden?
50 zu 50. Mir war es wichtig, dass wir eine vernünftige Eisinformation an Bord liefern konnten, und dass die ganzen Systeme, um Satellitendaten an Bord auszuwerten und in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen, funktioniert haben. Dass wir das Wrack tatsächlich noch gefunden haben, war sozusagen das i-Tüpfelchen.

Wie war es, als Sie das Wrack dann tatsächlich entdeckt haben?
Zunächst wusste nur das Tauchroboterteam, was los war. Ich hatte auf einem Bildschirm bemerkt, dass der Tauchroboter bereits seit einer Stunde um eine bestimmte Stelle kreiste. Das war sehr ungewöhnlich. Aber anfangs sagte niemand etwas. Als dann klar war, dass wir es tatsächlich geschafft hatten, war die Freude natürlich riesengroß, zumal die Expedition damit ja noch einiges mehr bewiesen hat.

Was hat sie bewiesen?
Dass solche Expeditionen überhaupt realisierbar sind. Dabei geht es um die Bereiche Tiefseetechnik, Robotertechnik und auch darum, dass man mit einem Schiff dieser Eisbrecherklasse aufgrund der Auswertung von Satellitendaten durch das Weddellmeer kommen kann. Wir haben gezeigt, dass man mit Bildern, die aus dem Weltraum aufgenommen werden, taktisch im Eis navigieren kann. Das kann vor allem für Rettungsaktionen enorm wichtig werden.

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