Start Bremen „Ein neues Kapitel aufschlagen“

„Ein neues Kapitel aufschlagen“

Interview: Rekordtorschützin Cindy König

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Foto: Werder Bremen

Nach 13 Jahren, 99 Treffern, mehr als 200 Pflichtspielen sowie dem dritten Aufstieg in die Frauen-Bundesliga verlässt Rekordtorschützin Cindy König zum Saisonende das 1. Frauenteam des SV Werder Bremen. Die 26-jährige Angreiferin will eine neue persönliche Herausforderung annehmen. Welche das ist, verrät sie im Interview.

Glückwunsch zum Aufstieg!
Vielen Dank. Es ist aber schon ein komisches Gefühl, so aufzusteigen. Wir hätten lieber die Saison zu Ende gespielt und anschließend mit der Meisterschale auf dem Platz gejubelt. Nun gut, das Saisonziel ist trotzdem erreicht.

Wie wichtig war dieser Erfolg für Sie persönlich?
Das lag mir schon sehr am Herzen, dass wir Werder Bremen wieder dorthin bringen, wo der Verein hingehört – in die erste Bundesliga.

Beim letzten Aufstieg vor zwei Jahren soll es hoch hergegangen sein, mit anschließender Siegesfeier in der Viertelkneipe Eisen. Der Bremer Musiker Grillmaster Flash hat sogar einen Song darüber geschrieben. Das dürfte in diesem Jahr wesentlich ruhiger abgelaufen sein, oder?
Ja, wir hatten ein Abschlusstraining mit den erforderlichen Hygienemaßnahmen sowie dem entsprechenden Sicherheitsabstand – aber so konnten wir wenigstens
noch einmal zusammen sein. Wer weiß, wie sich alles entwickelt, aber vielleicht können wir wenigstens im kleinen Kreis die Meisterschaft noch ein bisschen feiern. Sonst holen wir das nach Corona nach.

Sie kamen vor 13 Jahren von Sparta Bremerhaven zu Werder Bremen. Was ist Ihnen von dieser Zeit besonders im Kopf geblieben?
Sehr viel. An erster Stelle steht die Entwicklung des Frauenfußballs bei Werder. Von Jahr zu Jahr wurde alles deutlich professioneller. Zudem war es für mich alles andere als selbstverständlich, dass ich meine Ausbildung als Sport- und Fitnesskauffrau im Verein machen konnte. Die Ausbildungsplätze werden normalerweise für die jungen Nachwuchstalente aus dem Männerbereich frei gehalten. Insgesamt finde ich, dass die Wertschätzung für den Frauenfußball in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich zugenommen hat.

Sie sprachen gerade die gestiegene Wertschätzung an. Dennoch war es bei Ihnen so, dass sie, obwohl sie unter Profibedingungen trainiert und gespielt haben, einer normalen Arbeit nachgehen mussten.
Stimmt, ich habe ganz normal gearbeitet und entsprechend abends danach und oder morgens davor trainiert. Ausschließlich vom Fußball leben, das ging nicht.
Sie sind zweimal Torschützenkönigin der zweiten Liga geworden und haben es auf 99 Tore gebracht. Wie sehr ärgert es Sie, dass Ihnen Treffer 100 nicht mehr vergönnt war? Es wäre schon cool gewesen, diese Marke zu knacken. Auf der anderen Seite waren es trotzdem 99 tolle Tore.

Was würden Sie selbst als Ihre größte Stärke bezeichnen?
Mein linker Fuß – so etwas gibt es im Frauenfußball nicht allzu oft. Außerdem konnte ich immer meinen Instinkt vom Straßenfußball einbringen und habe so einige Sachen gemacht, mit denen die meisten nicht gerechnet haben.

Wie sind Sie zum Fußballspielen gekommen?
Mein Vater und meine Brüder haben mich schon als ich noch klein war immer mitgenommen. Also habe ich früh gelernt, mich auch gegen Größere und gegen Männer durchzusetzen.

Sie verlassen Werder nach 13 Jahren.
Warum? Weil ich für mich persönlich noch einmal ein neues Kapitel aufschlagen will und mich weiterentwickeln möchte. Ich bin jetzt 26, also schon mein halbes Leben bei Werder. Wenn ich jetzt nicht versuche, noch einmal etwas anderes zu machen, bekomme ich wahrscheinlich nicht noch einmal die Gelegenheit dazu.

Wissen Sie schon, wo es hingeht?
Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich das noch nicht sagen. Mein Wunsch ist es, ins Ausland zu gehen und mich dort nur auf Fußball zu konzentrieren. Wohin es genau geht, wird sich zeigen.

Gibt es einen großen Wunsch, den Sie für die Zukunft haben?
Mein Traum ist es tatsächlich, noch einmal professionell im Ausland Fußball zu spielen und mich individuell zu verbessern. Eine andere Sprache und Mentalität reizen mich dabei besonders. Zum anderen würde ich mir wünschen, dass dem Frauenfußball die Anerkennung und Wertschätzung zukommen, die er verdient. Das ist zwar insgesamt besser geworden, verglichen mit den Männern aber nicht annähernd genug.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann noch einmal nach Bremen zurückzukehren?
Ja klar, Bremen ist meine Heimat. Außerdem muss ich die 100 ja noch voll machen. Es hängt letztendlich davon ab, wie ich körperlich fit bleibe.