Start Bremen Bremer Köpfe „Verlässliche Informationen in ungewissen Zeiten“

„Verlässliche Informationen in ungewissen Zeiten“

buten-un-binnen-Moderatorin Kirsten Rademacher im Interview

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Seit 2016 moderiert Kirsten Rademacher das Regionalmagazin buten un binnen und darf Radio Bremen ihr Fernseh-Zuhause nennen. Foto: Radio Bremen /Jan Rathke

Wie funktioniert Journalismus in Zeiten von Corona? Mit dieser Frage setzt sich Kirsten Rademacher in ihrer beruflichen Tätigkeit tagtäglich auseinander. Seit 2016 steht die Moderatorin für das Regionalmagazin buten un binnen vor der Kamera und versorgt Fernsehzuschauer mit den neuesten Informationen aus Bremen, Bremerhaven und umzu. Wir trafen die 47-Jährige Mitte Mai im Funkhaus von Radio Bremen. Im persönlichen Gespräch – mit den vorgeschriebenen anderthalb Metern Abstand – verriet die Moderatorin, inwieweit das Virus ihren Arbeitsalltag auf den Kopf stellt und erklärte, worauf es ihrer Ansicht nach in der Berichterstattung aktuell ankommt.

Frau Rademacher, das Corona-Virus sorgt bei vielen Menschen im Alltag immer wieder für Verunsicherung. Geht es Ihnen ähnlich, oder sind Sie mittlerweile ein „Corona-Profi“?
Ein Profi bin ich ganz bestimmt nicht. Mittlerweile gibt es Gewohnheiten und Automatismen, die ich in meinen Alltag integriert habe. Allerdings ertappe ich mich zwischendurch auch dabei, wieder in alte Muster fallen zu wollen und es schlichtweg zu vergessen. Es kommt mir manchmal einfach surreal vor und ich denke mir ab und zu: Das ist alles nur ein merkwürdiger Traum, aus dem ich gleich aufwache.

Von Kontaktverbot über Maskenpflicht bis hin zu Sicherheitsabständen: Sind die Hygiene- und Sicherheitsvorgaben in einem Fernsehstudio überhaupt realisierbar?
Ja. Seit der Einweihung unseres neuen Studios im vergangenen Jahr ist die Anzahl der Personen vor Ort ohnehin begrenzt, da die meisten Arbeitsabläufe mittlerweile automatisiert sind. Deshalb können wir zum Beispiel problemlos ohne Gesichtsmaske moderieren. Das kommt mit sehr entgegen, weil ich das Tragen dieser Masken als sehr gewöhnungsbedürftig empfinde – obwohl es ja offensichtlich sinnvoll ist. Ich vermisse den persönlichen Kontakt zu Menschen, wie ein einfaches Händeschütteln, sehr, halte mich natürlich trotzdem an die Regeln. Auch zu unseren Talkgästen und den Kollegen in den Redaktionen wahren wir den nötigen Abstand. Ich will mir nicht vorstellen, wie es Menschen gehen muss, die aufgrund ihres Berufs den ganzen Tag eine Maske tragen müssen. Zudem ist mir aufgefallen, wie schwierig sich die Kommunikation dadurch gestaltet.

Wie meinen Sie das?
Wir kombinieren im Gespräch mit anderen ja aus dem, was wir hören, und der Mimik unseres Gegenübers. Ich finde, Kommunikation wird wahnsinnig schwierig, wenn ich die Mundbewegungen des anderen nicht sehen kann – vor allem, wenn wir zusätzlich gezwungen sind, Abstand zu halten. Ich bin überzeugt, dass wir im Alltag sehr viel nonverbal über unsere Mimik mitteilen. Das gestaltet sich nun nicht mehr so einfach. Allerdings glaube ich, dass wir als Ausgleich automatisch versuchen, mehr aus den Augen unseres Gesprächspartners zu lesen. Spannend, wenn Sie mich fragen.

Corona bestimmt nach wie vor die Medienlandschaft, mittlerweile hat sich sogar der Begriff C-Wort eingebürgert. Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie das C-Wort in Ihren Moderationen bereits genutzt?
Oft (lacht). Ich habe natürlich nicht mitgezählt, aber wahrscheinlich jeden Tag zehn bis zwanzig Mal pro Sendung. Mir fällt in diesem Zusammenhang auch auf, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht mehr hören möchte. Und das nicht, weil man von ihnen genervt ist, sondern weil man sie emotional nicht gut aushält. Das beste Beispiel für mich, ist der berühmte Satz „Wir stehen erst am Anfang der Pandemie“ Ich denke, wir alle haben das Gefühl, bereits seit langer Zeit unser Leben stark einschränken zu müssen, und sehnen uns vielmehr nach einem Lichtblick. C-Wort sagen wir bei Radio Bremen tatsächlich noch nicht, aber ja – es gibt viele Begriffe, die mittlerweile in Umlauf sind und häufig verwendet werden.

Vor welche journalistischen Herausforderungen stellt Sie das Corona-Thema?
Die Herausforderungen sind sowohl praktischer als auch inhaltlicher Natur. Zum einen hat sich die Organisation im Arbeitsalltag verändert. Wir arbeiten in wechselnden A- und B-Teams, die untereinander auch keinen Kontakt haben dürfen. Routinierte Prozesse werden dadurch natürlich erschwert, allerdings ist das alles machbar. Inhaltlich bestehen meiner Meinung nach die wesentlichen Herausforderungen. Ich habe das Gefühl, dass öffentlich-rechtliche und andere Qualitätsmedien eine entscheidende Aufgabe haben. Die Ungewissheit der Corona-Krise wird von vielen extremistischen Gruppen und Verschwörungstheoretikern genutzt, um ihre Thesen zu verbreiten. Es besteht meiner Meinung nach eine ernstzunehmende Gefahr, dass sich in der aktuellen Situation entsprechende Gruppierungen verbünden, die nur eines eint: eine grundsätzliche Ablehnung der Regierung und ein fragwürdiges Verständnis von Demokratie. Hier müssen wir als Journalisten reagieren, fundiert recherchieren und eine Tatsachenberichtserstattung mit nachvollziehbaren Quellen bieten. Nur so können wir ein relevantes Gegengewicht erzeugen. Verlässliche Informationen in ungewissen Zeiten – das ist es, was wir bieten können und müssen.

Klingt, als sei die journalistische Sorgfaltspflicht wichtiger denn je.
Die ist bei uns generell groß, aber ja. Im Moment zeichnet uns aus, dass wir uns täglich intensiv mit den Fakten und Zahlen auseinandersetzen. Außerdem besteht eine wichtige Aufgabe aktuell darin, Orientierung zu bieten und Dinge zu sortieren. Es geht darum, das Wesentliche zu berichten, ohne zu katastrophisieren oder zu verharmlosen. Weder die Virologen, die Politiker noch wir Journalisten wissen alles über das Virus und seine Auswirkungen. Aber das, was wir wissen, können wir so punktgenau berichten, dass es den Menschen hilft. Ich hoffe, dass wir mit dieser Informationsfunktion zur Stabilisierung beitragen können.

Empfinden Sie es als berufliches Privileg, ein Thema langfristig begleiten zu können oder vermissen Sie aktuell die thematische Vielfalt?
Ich persönlich habe ein großes Interesse an wissenschaftlichen Inhalten und finde das ganze Thema – mal abgesehen von allen schlimmen Corona-Folgen natürlich – auch faszinierend. Von Tag zu Tag neue Erkentnisse zu gewinnen, diese zu hinterfragen und ersten Vermutungen nachzugehen, finde ich wahnsinnig spannend. Außerdem hat die Corona-Krise selbst ja eine unglaubliche Themenvielfalt. Es ist nahezu unmöglich, einen Lebensbereich zu identifizieren, der nicht davon beeinflusst wird. Es ist so vielfältig, dass ich überhaupt nicht das Gefühl habe, monothematisch zu arbeiten. Gerade in Zeiten neuer Entwicklungen wollen wir einfach dranbleiben und ich finde es gut, mich diesem Thema ausgiebig zu widmen.

Sie sind seit über 20 Jahren als Moderatorin tätig. Spielt Aufregung bei Ihnen noch eine Rolle?
Auf jeden Fall. Zu Beginn meiner Karriere war meine größte Angst, dass man mein Herzklopfen durch das Mikro am Revers hören kann (lacht). Aber das Tolle ist: Man hört es nicht! Ich habe im Laufe der Zeit dann gelernt, was „Live-Stress“ bedeutet und wie ich persönlich mit dieser Drucksituation umgehe. Man kann Aufregung tatsächlich so kanalisieren, dass sie einen zusätzlichen Energieschub gibt. Das funktioniert nicht immer, aber oft. Natürlich gibt es nach wie vor Tage, an denen ich das Studio betrete und total nervös bin. In diesen Situationen muss ich über mich selbst schmunzeln und kann dem manchmal sogar etwas Positives abgewinnen. Es zeigt ja schließlich, dass ich keine Maschine bin, sondern auch nur ein Mensch.

Können Sie diese Einstellung auch auf Ihren Umgang mit Pannen übertragen?
Witzig, dass Sie das fragen. Wenn während der Sendung etwas Unvorhergesehenes passiert, werde ich ganz ruhig. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber vor Pannen habe ich tatsächlich gar keine Angst. Ich sage immer: Wenn Pannen passieren, bricht im Fernsehen das richtige Leben ein. Ich glaube, für die Zuschauer ist das ein Stück weit Entertainment, sie lieben das! Pannen vor der Sendung finde ich dagegen weniger lustig. Sie bedeuten maximalen Stress in kürzester Zeit, etwa wenn ein Studiogast nicht erscheint.

Das Interview führte Jennifer Fahrenholz.