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„Sicherster Ort der Welt“

Auf einen Kaffee mit Patrick van Hall, Leiter der Corona-Notaufnahme

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Patrick van Hall, Leiter der Corona-Notaufnahme. Foto: MÄR

Im Interview via Videochat berichtet Patrick van Hall von der Situation in der Corona-Notaufnahme im Klinikum Bremen-Mitte.

Moin Herr van Hall, welche Art von Kaffee bevorzugen Sie?
Italienischen. Morgens sehr gerne mit Milch, im Laufe des Tages dann auch schon einmal ohne.

Momentan dürfte die Zeit zum gemütlichen Kaffeesieren bei Ihnen eher knapp sein. Wie ist die Situation in der Corona-Notaufnahme?
Wir sind ein frisch zusammengewürfeltes Team, alle kommen aus unterschiedlichen Bereichen. Wir haben uns für die Krise verabredet, um das Ganze jetzt miteinander zu stemmen. Es sind zum Beispiel Leute aus dem zentralen Springerpool der GENO dabei, Menschen, die auch sonst in der Notaufnahme gearbeitet haben, sowie beispielsweise auch ich, der eigentlich gar nicht mehr in der Pflege unterwegs ist. Wir haben uns für den Zweck der Sache zusammengefunden, mussten jetzt etwas ganz Neues zusammen auf die Beine stellen, kreativ sein und haben eigentlich einen sehr schönen Arbeitsplatz – wäre da nicht die Corona-Pandemie.

Hat es als Team denn gleich funktioniert?
Wir sind nicht als Corona-Notaufnahme, sondern schon vorher als sogenannte Abstrich-Ambulanz gestartet. Wir hatten im März den Auftrag, die Abstriche zu machen, die die Stadt Bremen zwecks Screening schnell zur Verfügung stellen musste. Zu dem Zeitpunkt war es schon ein wenig improvisiert, da wir nicht viel Zeit zur Vorbereitung hatten. Dafür hat es damals schon überraschend gut geklappt. Was wir natürlich trotzdem hatten, waren die enormen Wartezeiten, die man aber auch aus anderen Städten kannte.

Wie kam es zu diesen Wartezeiten?
Es wurden sehr plötzlich sehr viele Ressourcen gebraucht. Zudem waren die Prozesse zu dem Zeitpunkt noch nicht geübt.

Wie kam es dann zur Corona-Notaufnahme im Klinikum Bremen-Mitte?
Wir haben beschlossen, dass es notwendig ist, die normalen Notaufnahmen zu entlasten und alle Menschen, die gewisse Symptome wie Fieber oder Atemnot zeigten oder die Kontakt zu Coronainfizierten hatten, direkt zu uns umzuleiten.

Mit welchen Problemen hatten Sie anfangs zu kämpfen?
Vor allem war es schwierig, entsprechende Schutzkleidung und Masken für das Personal zu organisieren. Zudem muss man natürlich das Zusammenspiel der Leute untereinander entsprechend üben.

Was sind die größten Herausforderungen, mit denen Sie tagtäglich zu tun haben?
Wir sind interdisziplinär, das heißt, egal was man hat, ob es sich um einen Beinbruch oder HNO-Probleme handelt: Wenn es mit Fieber einhergeht oder Kontakt zu einem Corona-Infizierten bestand, werden die Patienten zu uns gebracht. Wir haben also mit einem sehr breiten Mix an medizinischen Herausforderungen zu tun. Eine weitere große Herausforderung ist das Arbeiten in der PSA.

Was bedeutet PSA?
PSA ist die Abkürzung für persönliche Schutzausrüstung. Da wasserdichte Kittel derzeit schwer zu bekommen sind, arbeiten wir mit Kunsttstoffoveralls. Die müssen perfekt sitzen, damit sie auch sicher sind. Zudem wird einem sehr schnell warm. Wir stehen damit nicht am Bett und unterhalten uns nett, sondern darin geht es mitunter auch schon einmal richtig zur Sache.

Was meinen Sie damit?
Es kann passieren, dass ein Patient plötzlich so viel medizinische Zuwendung braucht, dass er künstlich beatmet werden muss. Dann muss in der Regel alles sehr schnell gehen – und es wird im Overall sehr schnell sehr warm.

Wie viele Personen arbeiten bei Ihnen?
Wir arbeiten in zwei Schichten. In jeder Schicht sind vier Pfleger sowie ein Arzt in Dauerpräsenz. Hinzu kommen die jeweiligen Fachärzte, die je nach Patient benötigt werden.

Haben Sie Angst, den Job zu machen?
(überlegt) Ich will es mal so sagen: Die Corona-Notaufnahme ist eigentlich der sicherste Ort der Welt, da wir nie ohne Schutzausrüstung in den Patientenkontakt gehen. Fehler sind natürlich immer möglich, aber ich denke, das Infektionsrisiko ist geringer, als im normalen Leben.

Wie viele Patienten kommen täglich?
Das ist sehr unterschiedlich, aber wir hatten in der Spitze bisher 16.

Womit mussten Sie lernen umzugehen?
Relativ schwierig ist es, plötzlich mit Knappheit umzugehen. Im Gesundheitswesen wird in der Regel viel Sterilgut verbraucht. Dieses ist aber nur noch in begrenzter Menge verfügbar, sodass wir sehr geplant damit umgehen müssen. Wir machen beispielsweise jeden Tag Meldung an unseren Krisenstab, was wir noch haben und was wir erwarten zu benötigen. Es können beispielsweise nicht immer sofort 500 FFP2-Masken geliefert werden. Das war früher anders. Und so planen wir zum Beispiel ganz genau, wer in das Patientenzimmer geht und mit dem Patienten spricht, während wir das früher im Bedarfsfall zu zweit gemacht hätten, damit der andere auch seine Einschätzung geben kann.

Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?
Dass der Hype, der bezüglich des Pflegepersonals zu Beginn der Krise da war, noch anhält. Es ist sehr wichtig, dass den Pflegerinnen und Pflegern das Renommee und auch die entsprechende Bezahlung zukommt, denn wir sehen jetzt, wie wichtig sie sind. Und ich glaube nicht, dass Corona die letzte Pandemie ist.