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Salz und Sehnsucht

Der Syrer Azad Kour hat ein Buch über Gerichte und Geschichten aus seiner Heimat geschrieben.

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Azad Kour. Foto: FR

Vor fünf Jahren erreichte der damals 15-jährige Azad Kour Bremen. In der Hansestadt angekommen, sprach er noch kein Wort Deutsch. Jetzt hat der Abiturient ein Buch in der für ihn neuen Sprache herausgebracht und damit eine Liebeserklärung an das Essen, die alte und die neue Heimat verfasst.

„Für mich war Deutschland immer nur ,Germany‘“, sagt Azad Kour mit einem Lächeln. Dennoch war die Bundesrepublik sein festes Ziel. „Ich hatte mit Bekannten gesprochen und sie rieten mir dazu, wenn ich es schaffe, nach Deutschland zu gehen, am besten nach Hamburg oder Bremen zu kommen. Da seien die Menschen am nettesten“.
Dabei hatte er, bis es zum Krieg in seinem Land kam, nie daran gedacht, Syrien zu verlassen. Er mochte das Leben in Kobane, vor allem wenn sein Großvater längere Touren in seinem Auto mit ihm unternahm oder seine Mutter typisch kurdische Gerichte auf einem Holzofen auf ihrem Hausdach zubereitete. Tanzen und Schauspiel begeisterten den Teenager, seine Schule bot ihm dafür alle Möglichkeiten. Aber dann kamen die Bomben des Krieges. Und als anschließend der IS unmittelbar davor war, die Stadt einzunehmen, sei auch seine Familie in die Türkei geflohen – „wie praktisch alle Bewohner“. Erst dort entschied er sich, sich mit einigen Freunden und Verwandten auf den Weg Richtung Europa zu begeben. „Ich wollte etwas aus meinen Leben machen, ich wollte eine Zukunft haben, studieren.“ All das sei in seiner Heimat für ihn nicht möglich gewesen.

Eine beschwerliche Reise

Und so ließ er Mutter, Vater, Großvater und seine drei kleineren Brüder zurück, um in Deutschland sein Glück zu suchen. Mehr als 3500 Kilometer liegen zwischen Kobane im Norden Syriens und Bremen, nur einige weniger zwischen dem Flüchtlingslager im Süden der Türkei und der Hansestadt. Azad Kour hat die Strecke in gut vier Wochen hinter sich gebracht. Zumeist zu Fuß, öfter mit dem Bus, manchmal mit dem Zug und einmal mit einem kleinen Boot. Schlepper brachten ihn für viel Geld von der Türkei nach Griechenland. Eine beschwerliche Reise mit mal mehr und mal weniger Gastfreundschaft, mal half der jeweilige Staat, mal war er auf die milden Gaben von Bürgern angewiesen. Mal schien es nicht weiterzugehen, mal mussten sie nachts laufen und einmal wäre er fast in einem überfüllten Boot gekentert.

Zwar hatte der heute 21-Jährige auf seiner Reise häufig Angst, den Glauben an seine Zukunft hat er unterdessen nie verloren. Auch nicht, als er im August 2015 am Bremer Hauptbahnhof ankam – ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Er wurde zunächst in verschiedenen Unterkünften untergebracht, wohnte in Zelten und Turnhallen, bis er schließlich im Zollhaus landete. Es war der Wendepunkt für Azad Kour. Dort konnte er Theater spielen und tanzen, er hatte Kontakt zu Einheimischen. Und so lernte Azad Kour die Sprache, spielte und tanzte in verschiedenen Gruppen, hatte 2016 bereits 28 Mal und 2017 schon mehr als 50 Mal auf der Bühne gestanden – unter anderem mit Next Generation, steptext, Theater 11 sowie den Zollhausboys. „Das hat mich natürlich wahnsinnig motiviert, und ich hatte dadurch auch immer mehr Kontakt zu den Menschen dieser Stadt.“ Azad Kour wurde zu politischen Veranstaltungen eingeladen, kuratierte Ausstellungen und traf im Februar 2019 sogar Bundespräsident Frank Walter Steinmeier im Rathaus.

Bei Azad Kours Familie in Kobane wurden typisch nordsyrische Gerichte oftmals draußen, auf dem mit Holz befeuerten Ofen, zubereitet. Foto: FR

Nachdem es ein Jahr gedauert hatte, bis er wieder zur Schule gehen konnte, steht Azad Kour jetzt unmittelbar vor dem Abitur. Danach möchte er gerne studieren – Schauspiel, Wirtschaftspsychologie oder Politologie. Nach Möglichkeit gerne in Bremen, wo er mittlerweile in einer eigenen Wohnung in der Innenstadt lebt. Hier fühlt er sich zu Hause. Falls es mit dem Studienplatz vor Ort nicht klappen sollte, „werde ich auf jeden Fall immer wieder hierher zurückkommen.“

Nach Kobane darf er derzeit noch nicht wieder reisen, obwohl er sehr gerne würde. Den Kontakt zur Familie hält er über Videochats und sein Smartphone. Immer, wenn er ein wenig wehmütig wird, hilft ihm das Essen aus seiner Heimat. Das Essen, das seine Mutter von seiner Oma gelernt und an ihn weitergegeben hat. Der Geruch nach frischer Minze, Koriander und Petersilie lässt ein klein wenig Heimat bei ihm sein – „auch wenn ich kein besonders guter Koch bin“, sagt Azad Kour und muss dabei lachen. Dennoch hat er sich entschieden ein Buch zu schreiben. Unter dem Titel „Salz und Sehnsucht – kurdische Gerichte und Geschichten aus Nordsyrien“, gibt er einen Überblick über die Tradition des Essens in seiner Stadt Kobane. Er erzählt persönliche Geschichten, beschreibt die Rezepte und zeigt Bilder, die ihm am Herzen liegen. „Das Essen ist ein großer Teil von unserer

Kultur und es verbindet die Menschen miteinander. Hoffentlich auch in Deutschland.“

Foto: FR

Azad Kour: „Salz und Sehnsucht – Kurdische Gerichte und Geschichten aus Nordsyrien“, Verlag Winfried Jenior Kassel, 15 Euro