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„Von hundert auf null“

Auf einen Kaffee mit Christian Kötter-Lixfeld, Intendant und Geschäftsführer der Bremer Philharmoniker

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Christian Kötter-Lixfeld, Intendant der Bremer Philharmoniker. Foto: MÄR

Die Corona-Pandemie hat die Künstler- und Kulturszene schwer getroffen. Erst nach und nach finden Aufführungen und Konzerte vor wenigen Zuschauern statt. Wann es in gewohnter Weise weitergehen kann, ist derzeit nicht absehbar. Dennoch haben die Bremer Philharmoniker jetzt einen Spielplan für die kommende Saison vorgelegt. Dabei erwarten sie selbst noch einige Änderungen und wissen nicht, ob alles umsetzbar ist, wie uns Intendant Christian Kötter-Lixfeld bei einem Kaffee im Interview erklärt.

Welchen Kaffee trinken Sie?
Wir haben eine Espressomaschine, da werden alle italienischen Kaffeespezialitäten ausprobiert. Ich zelebriere das richtig, es geht mir darum, abzuschalten, den Augenblick zu genießen und ganz bei mir zu sein. Dann geht es nicht um politische Szenarien oder kulturelle Planungen.

Da fängt der Tag bei Ihnen ja gut an.
Das stimmt so nicht ganz, da ich morgens immer Tee trinke. Im Büro gibt es dann den „normalen“ Kaffee und den teilweise auch in großen Mengen. Gerade wenn die Arbeitstage mal 16 Stunden oder länger dauern. Die Espressomaschine kommt in der Regel am Wochenende zum Einsatz.

Wie lang waren Ihre Arbeitstage in den vergangen Monaten?
Die Tage konnten mitunter sehr lang werden. Für mich persönlich war es die intensivste Zeit, die ich bisher in meinem Beruf erlebt habe. Die Situation war für uns alle ungewohnt. Gar nicht so sehr wegen der Tatsache, dass ein Virus kommt, sondern vielmehr wegen der Wucht, mit der uns Corona traf und welche Schnelligkeit dadurch in den Prozessen auf einmal vorhanden war.

Was meinen Sie damit?
Wir mussten beispielsweise von heute auf morgen entscheiden, ob wir es verantworten können, dass ein Orchester zum Proben zusammenkommt oder ob wir in kleinen Ensembles kammermusikalisch konzertieren dürfen. Manchmal änderte sich innerhalb weniger Stunden die Sachlage, Entscheidungen haben wir teilweise im Minutentakt getroffen und manchmal auch wieder revidieren müssen. Nachher ist man immer schlauer, nachher weiß man immer, dass man die eine oder die andere Entscheidung auch eine Woche später oder früher hätte treffen können. Ich glaube, uns allen ist bis dahin gar nicht so klar gewesen, wie sehr es unser Lebenselixier ist, auf die Bühne zu gehen. Ein Orchester will ein Publikum haben und live spielen. Stattdessen konnten wir nicht einmal mehr proben und haben den Betrieb komplett von Hundert auf Null heruntergefahren.

Erinnern Sie sich noch an den Tag, als Sie alles absagen mussten?
Ja, es stand die Generalprobe der Oper „Falstaff“ auf dem Programm. Es war besonders tragisch, da es die erste Opernpremiere für unseren Generalmusikdirektor Marko Letonja war. Und es war Freitag, der 13. …

Wann geht es wieder los?
Eigentlich schon seit ein paar Wochen, seitdem ist zumindest der interne Probenbetrieb mit begrenzter Personenzahl wieder gestattet. Wir haben also klein angefangen, mit Trios und Streicherquartetten. Aber die Situation ist noch immer schwierig, da sie sich praktisch täglich ändert. Es gibt fast keine Erfahrungswerte was beispielsweise Bläser in Bezug auf Aerosole angeht. Da war anfangs von einem Abstand von zwölf Metern die Rede. Außerdem müssen wir gucken, wie viele Musiker unter Einbehaltung des Sicherheitsabstandes überhaupt auf die Bühne passen. Und irgendwann wird es für den Dirigenten schwierig, alles einsehen zu können. Also: Das Ausschalten ging ganz schnell, das Anschalten muss gut vorbereitet sein.

Wie erstellt man unter solchen Bedingungen einen Spielplan für die neue Saison?

So ein Spielplan wird letztendlich über mehrere Jahre geplant, Solisten und Dirigenten meist Jahre vorher gebucht. Daher war es für uns keine Option, keinen Spielplan beziehungsweise kein Saisonbuch herauszubringen. Aber natürlich sind wir vom Verlauf der Pandemie abhängig und uns entsprechend ganz bewusst, dass es jederzeit zu Verschiebungen, Ausfällen und Änderungen kommen kann und wahrscheinlich kommen wird. Aber wir wollen spielen. Und wir können versichern, dass, sobald Orchester wieder auftreten dürfen, wir das auch tun werden.

Wie werden die Konzerte dann stattfinden?
Wir diskutieren das gerade. Es geht zum einen natürlich darum, wie viele Zuschauer unter Berücksichtigung der Hygienemaßnahmen überhaupt für den jeweiligen Saal zugelassen werden. Zum anderen muss man sich darüber Gedanken machen, ob man mit oder ohne Pause spielt, wie man die Leute steuert, wie die Toiletten- situation aussieht, wie viel Desinfektionsstationen man braucht und vieles mehr. Wir hoffen, dass wir diesbezüglich bis zu den Sommerferien konkrete Maßnahmen benennen können.

Wie könnte Stand jetzt ein philharmonisches Konzert aussehen?
Wir gehen von 300 bis 350 Zuschauern für die Glocke aus. Die philharmonischen Konzerte würden dann beispielsweise circa 75 bis 80 Minuten ohne Pause dauern. Aber das alles kann sich, wie gesagt, täglich wieder ändern.

Was sind Ihre Highlights der kommenden Spielzeit?
Wir haben tolle Gäste. Den dänischen Dirigenten Michael Schønwandt sowie den Schweizer Oboisten, Komponisten und Dirigenten Heinz Robert Holliger möchte ich hier an erster Stelle nennen. Bei den Solisten freue ich mich auf die beiden Pianisten Severin von Eckardstein und Francesco Tristano sowie die Violinistin Clara-Jumi Kang, um nur einige zu nennen. Aber es ist alles unter Vorbehalt, da wir natürlich nicht wissen, wie sich die Situation, gerade bei unseren ausländischen Gästen, in Zukunft darstellt.

Konnten Sie etwas Positives aus der Krise mitnehmen?
Die unglaubliche Solidarität und tiefe Verbundenheit, die uns von unserem Publikum entgegenbracht wird. Wir haben auf vielfältige Weise wahnsinnig viel Zuspruch bekommen, der uns optimistisch stimmt. So arbeiten wir mit voller Kraft und hoch motiviert an Lösungen, damit es im Herbst wieder mit dem Konzertbetrieb losgehen kann