Start Bremen Bremer Köpfe Nino de Angelo: „Früher war ich eine Marionette“

Nino de Angelo: „Früher war ich eine Marionette“

Der Schlagerstar im Interview

256
Jenseits von Bremen: Vor anderthalb Jahren zog Schlagerstar Nino de Angelo ins beschauliche Bruchhausen-Vilsen nahe der Hansestadt. Foto: Marco Meister

Geboren als Domenico Gerhard Gorgoglione wurde Nino de Angelo Anfang der 1980er Jahre mit „Jenseits von Eden“ praktisch über Nacht zum Schlagerstar. Es folgten Alkohol, Drogen und der Absturz. Heute geht es ihm wieder besser Vor anderthalb Jahren zog der 54-Jährige nach Bruchhausen-Vilsen in die Nähe Bremens. Wir trafen den gebürtigen Italiener gut gelaunt in einem Restaurant in seiner Wahlheimat, wo er zwischen Carpaccio, Pizza und Espresso von seinem Leben berichtete und verriet, was er in der Gegenwart macht und warum er mit der Schlagerindustrie gebrochen hat.

Was arbeiten Sie zurzeit?
Ich mache mehrere Sachen. Ich singe immer noch. Meistens am Wochenende, je nachdem, ob ich gerade gebucht bin. Dann komponiere und texte ich. Zusätzlich kümmere ich mich um Oldtimer. Das heißt, ich suche für Leute, die Autos vermitteln, auf der ganzen Welt nach alten und begehrten Autos.

Wie kam es dazu?
Ich habe vor Kurzem wieder damit angefangen. Ich bin seit jeher ein großer Autofan und kenne mich entsprechend gut damit aus. Das ist auch etwas, das ich nach dem Singen machen möchte. Autos verkaufen und die Welt bereisen.

Sie sind aber auch noch im Musikbusiness unterwegs, oder?
Ich arbeite noch immer viel mit Dieter Bohlen zusammen. Zuletzt habe ich gerade vier Texte für das Album von „Deutschland sucht den Superstar“-
Gewinnerin Marie Wegener geschrieben. Zudem schreibe ich noch für weitere Künstler und natürlich auch alle meine eigenen Songs. Anfang kommenden Jahres soll mein neues Album dann erscheinen. Außerdem schreibe ich gerade an einem Buch.

Das müssen Sie näher erklären.
Es geht dabei um meine Autobiografie. Eigentlich hatte ich damit schon vor zehn Jahren angefangen. Man muss dazu sagen, dass ich mir in dem Fall jemandem zum Schreiben dazu hole. Bei der letzten Version vor zehn Jahren habe ich die Zusammenarbeit dann abgebrochen – mir war zu viel Fantasie von Seiten des Co-Autors darin enthalten. Ich finde aber, so eine Autobiografie muss authentisch sein. Jetzt habe ich jemand gefunden, bei der ich guter Dinge bin, dass es klappt.

In Ihrer Autobiografie wird es sicher auch um das Musikgeschäft gehen und darum, dass Sie nicht immer mit den dort vorherrschenden Bedingungen einverstanden waren …
Das stimmt. Ich hatte schon nach drei Jahren die Schnauze voll. Mir war das zu viel Schleimerei, Intrigen und Lügen – ohne dass ich da weiter ins Detail gehen kann und will. Ich konnte damals aber nicht aussteigen, da ich einen langfristigen Vertrag über sechs Jahre hatte. Heute würde ich das so nicht wieder machen.

Schlager erlebt gerade ein großes Revival. Wäre das nicht für Sie die Gelegenheit, noch einmal richtig durchzustarten? Zumal Sie laut Dieter Bohlen ja eine der besten Stimmen Deutschlands sind …
(lacht) Da kann ich ihm nur Recht geben. Natürlich hätte ich auch gerne mal wieder einen richtigen Hit – wobei so etwas wie „Jenseits von Eden“ wird es nicht noch einmal geben, das ist illusorisch. Ich würde aber nicht mehr alles dafür tun und es müsste nach meinen Bedingungen laufen. Ich weiß, dass ich das
Talent dazu habe, aber ich verbiege mich dafür nicht. Das können andere tun. Bei einigen Nummern, die in den Charts ganz oben stehen, frage ich mich wirklich, warum das so ist. Viele Künstler haben meiner Meinung nach einfach mehr Selbstbewusstsein als Talent.

 

Nino de Angelo zeigte uns im Gespräch seine Tattoos. Foto: Marco Meister

Würden Sie sagen, dass Sie als Künstler gereift sind?
Absolut, früher war ich eine Marionette. Wenn mir jemand gesagt hat: „Mach dies und das“, dann habe ich das auch gemacht. Heute schreibe ich meine Songs und Texte ausschließlich selber und verstehe mich als Künstler. Mir ist Geld auch egal. Mir geht es um die Kunst, darum, etwas zu schaffen. Ohne die Musik und die Freude, die sie mir macht, wäre ich aufgrund meiner Krankengeschichte vielleicht gar nicht mehr da. Für mich hat die Musik heilende Kräfte.

Nach dem großen Erfolg kam mit Anfang 20 der große Absturz mit Alkohol, Drogen und Glücksspiel. Fühlten Sie sich dem ganzen Rummel um Ihre Person damals nicht mehr gewachsen?
Wenn man erfolgreich ist, klopfen einem alle auf die Schulter und man ist der Größte. Zumindest denkt man das von sich selbst. Deshalb besteht auch die Gefahr des Abhebens. So war es bei mir damals auch. Ich war ja gerade erst Anfang 20 und habe damals mein Geld einfach auf den Kopf gehauen. Autos, Uhren, Reisen und so weiter. Ich habe gelebt, ohne mir großartig Gedanken um die Zukunft zu machen. Man trägt mir das bis heute nach. Mein Album „Liebe für immer“ (2017) welches ich für sehr gelungen halte, wurde zum Beispiel nicht unterstützt. Ich habe bei allen Redaktionen angefragt, aber es hieß immer, ich hätte zu viele negative Schlagzeilen gemacht. Auf der anderen Seite wollen die Leute immer authentische Künstler. Wenn man dann aber authentisch ist, drehen sie einem den Rücken zu. Ohne mich. Deshalb habe ich mich auch vom Schlagerzirkus abgekehrt und entschieden, nicht mehr zu den einschlägigen Sendungen und Tourneen zu gehen.

Sie haben in Köln, Hamburg und auf Mallorca gewohnt. Wie sind Sie nach Bruchhausen-Vilsen gekommen?
Ich wollte mal raus aus der Großstadt. Und da mein Büro und mein Management hier angesiedelt sind, die Gegend schön ist und es auch noch einen hervorragenden Italiener gibt, bin ich hierher gezogen.

Werden Sie erkannt oder können Sie sich völlig frei auf der Straße bewegen?
Ich mache das einfach. Ich habe auch kein Problem damit, wenn ich mal angesprochen werde. Zudem habe ich einen Kumpel, der mir sehr ähnlich sieht. Wir werden des Öfteren verwechselt. Ich bin dann im Nachhinein an Orten gewesen, an denen ich nie war. Ich sage zu ihm schon immer: „Pass auf, wo du hingehst und was du machst. Sonst war ich es am Ende wieder.“

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten …
Drei sind zu wenig, die würden schon für meine Hochzeiten draufgehen. Aber Spaß beiseite: Ich würde mir wünschen, nie das Rauchen angefangen zu haben, nie Drogen konsumiert zu haben und mein Geld in früheren Zeiten ein bisschen besser investiert zu haben. Aber was soll‘s? Mir geht es gut!