Start Bremen „Niedrig qualifizierte Berufsgruppen sind stärker betroffen“

„Niedrig qualifizierte Berufsgruppen sind stärker betroffen“

Rückenleiden im Arbeitsleben: Dr. Kai Huter über Ursachen und Branchenunterschiede

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Foto: Pixabay

Ob schweres Heben, langes Stehen, Monotonie oder kontinuierliches Sitzen: Genauso vielfältig wie die körperlichen Belastungen im Arbeitsleben sind die Ursachen für Rückenbeschwerden. Dr. Kai Huter von der Arbeitnehmerkammer weiß: Rund ein Viertel aller Arbeitsunfähigkeitstage sind jährlich auf entsprechende Leiden zurückzuführen. Welche Pflichten sich dadurch für den Arbeitgeber ergeben und wie Beschäftigte präventiv vorgehen können, verrät die Referentin für Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik im Interview.

Dr. Kai Huter von der Arbeitnehmerkammer. Foto: Stefan Schmidbauer

Inwieweit beschäftigen Rückenleiden die Beratungsthemen der Arbeitnehmerkammer?
Dr. Kai Huter: Es ist auf jeden Fall ein Thema, da Muskel- und Skeletterkrankungen einen großen Anteil am Krankheitsgeschehen im Arbeitsleben ausmachen. Etwa ein Viertel aller Arbeitsunfähigkeitstage jährlich gehen darauf zurück. Insofern wissen wir, dass es ein Problem ist, das Beschäftigte umtreibt. Wir haben ein Interesse daran, Beschäftigte darüber aufzuklären, was sie tun können, insbesondere auch wenn es um langfristige Arbeitsausfälle und Berufsunfähigkeit geht.

Muskel- und Skeletterkrankungen: Worum geht es dabei konkret?
Insgesamt fallen darunter alle Krankheiten, die Gelenke, Sehnen und Muskeln betreffen. Die häufigste Diagnose ist allgemein Rückenschmerzen, die vielfältige Ursachen haben können. Oft geht es um Abnutzungserscheinungen der Wirbelsäule und Gelenke. Dazu gehören beispielsweise Bandscheibenvorfälle, aber auch Arthrose in den Knien oder Sehnenscheidenentzündungen.

Lassen sich die entsprechenden Krankheiten und Beschwerden branchenspezifisch zuordnen?
Die Schwerpunkte sind definitiv unterschiedlich. Insgesamt ist es so, dass Rückenbeschwerden vor allem jene Berufsgruppen betreffen, die körperlich arbeiten. Auch lässt sich festhalten: Niedrig qualifizierte Berufsgruppen sind stärker betroffen. Wir nehmen beispielsweise besonders viele Fälle im Baugewerbe wahr, im verarbeitenden Gewerbe, zum Beispiel in der Metallindustrie. Auch im Bereich Verkehr und Lagerei sind Muskel- und Skeletterkrankungen ein großes Thema, und natürlich in der Pflege. Worin genau die einzelnen Ursachen liegen, hängt vom individuellen Berufsbild ab.

Gibt es bei sitzender Tätigkeit Verhaltensweisen und Angewohnheiten, die für die Rückengesundheit besonders fatal sind?
Die Grundlage für ein rückenfreundliches Arbeiten ist in jedem Fall ein ergonomisch gut eingerichteter Arbeitsplatz. Gerade zu Beginn der Pandemie sah die Realität aber so aus, dass viele Arbeitnehmende nur mit einem Laptop oder Tablet ausgestattet ins Homeoffice geschickt wurden. So etwas sorgt für Probleme: Der Bildschirm ist nicht groß genug und zu niedrig, die Tastatur ist zu klein und statt eines ergonomischen Stuhles wird sich mit dem Küchenstuhl beholfen. Mittlerweile sind Interessenvertretungen glücklicherweise dabei, gemeinsam mit den Arbeitgebenden Dienstvereinbarungen abzuschließen, um das Homeoffice besser zu regulieren.

Inwieweit haben Arbeitgebende dafür Sorge zu tragen, dass die Rückengesundheit der Angestellten erhalten bleibt?
Der Arbeitgeber ist gesetzlich grundsätzlich dazu verpflichtet, die Beschäftigten vor gesundheitlichen Risiken zu schützen. Der Arbeitsschutz ist inzwischen sehr präventiv organisiert, sodass Arbeitgeber im Voraus ermitteln müssen, wo gesundheitliche Risiken für Angestellte liegen, um entsprechende Maßnahmen und Strategien zu ergreifen, um diese zu reduzieren. Im Mittelpunkt sollten technische Maßnahmen stehen, wie etwa die besprochene ergonomische Einrichtung des Arbeitsplatzes. Oder, für die körperlich arbeitenden Menschen, die Bereitstellung technischer Tragehilfen, wenn etwa schwere Lasten bewegt werden müssen. Auch arbeitsorganisatorische Ansatzpunkte sollten berücksichtigt werden.

Das Interview führte Jennifer Fahrenholz.