Start Bremen Rechtfertigungsdruck und nicht abschätzbare Folgen

Rechtfertigungsdruck und nicht abschätzbare Folgen

Nach Senatsanordnung: Bremer Veranstalter über die Auswirkungen des Coronavirus

133
„Letztendlich können wir nicht mehr leisten, als die Anordnung des Senats zu befolgen“, sagt Jörn Meyer vom Metropol Theater. Foto: F.T. Koch

Auf Großveranstaltungen müssen Bremerinnen und Bremen vorerst verzichten. Zum Schutz der Bevölkerung untersagt der Senat Menschenansammlungen ab 1000 Personen. Veranstalter und regionale Spielorte stellt das vor große Herausforderungen. Wir haben mit Akteuren aus der Branche gesprochen.

Menschenleere Hallen, verlassene Bühnen und verschlossene Türen: Es ist ein beinah gespenstisches Bild, das in den nächsten Woche regelmäßig Veranstaltungsorte Bremens kennzeichnen wird. Der Grund ist ein bekannter: Nach einer Empfehlung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat nun auch der Bremer Senat beschlossen, vorerst Großveranstaltungen und sonstige Menschenansammlungen in der Freien Hansestadt abzusagen, um der weiteren Ausbreitung des neuartigen Coronavirus entgegenzuwirken. Auf der Senatspressekonferenz am vergangenen Dienstag stellte Innensenator Ulrich Mäurer eine entsprechende Allgemeinverfügung vor. Demnach sind ab dem 12. März bis einschließlich 26. März 2020 alle Veranstaltungen ab einer Teilnehmerzahl von 1000 Personen verboten. Für Veranstalter und Spielorte ergibt sich damit eine Ausnahmesituation mit bisher noch nicht absehbaren Folgen.

 

ÖVB-Arena

So muss beispielsweise die M3B GmbH, bestehend aus Messe Bremen, ÖVB-Arena und Großmarkt, aktuell einige Termine aus dem Veranstaltungskalender streichen. Namentlich betroffen sind die ursprünglich für März geplanten Konzerte von Johannes Oerding, Andrea Berg sowie der Band AnnenMayKantereit. Auch die Live-Adaption „Unser blauer Planet II“ entfällt vorerst. „Die Absagen tun uns für die Aussteller, Besucher und die Teilnehmer sehr leid. Aber Gesundheitsschutz hat natürlich absoluten Vorrang“, so Geschäftsführer Hans Peter Schneider in einem Statement. Für die aufgezählten Veranstaltungen bemühe man sich aktuell um Ausweichtermine. Die Reitsport Outlet Messe von Freitag bis Sonntag, 13. bis 15. März, soll stattfinden. In Halle 3 werden laut Angaben der Messe Bremen täglich etwa 850 Besucher erwartet. Die Termine „Klasse, wir singen!“  sowie die 35. International Judo Masters Bremen fallen dagegen ersatzlos aus. Der Antik- und Trödelmarkt an der Weser findet am 14. und 21. März ebenfalls nicht statt. „Wir bieten generell immer Ausweichtermine an“, so eine Sprecherin der M3B GmbH. Insofern man sich einigen könnte, würde sich laut Schneider der finanzielle Schaden vorerst in Grenzen halten.

Metropol Theater

Nicht weniger präsent ist das Thema aktuell im Metropol Theater. Jörn Meyer, Geschäftsführer des Hauses, betrachtet die Anordnung des Bremer Senats als logisch und nachvollziehbar. „Wir versuchen, die Auflagen so gewissenhaft wie möglich zu erfüllen und nehmen das sehr ernst. “ Die aktuelle Lage sei „herausfordernd, aber nicht chaotisch.“ Deutlich kritischer steht er dagegen medialen Berichterstattungen nach Senatsbeschluss entgegen. „Es wurden Pauschalaussagen getätigt, die uns und externe Veranstalter in eine hohe Rechtfertigungslage bringen“, sagt er. „Zu verbreiten, dass alle Großveranstaltungen abgesagt werden, entspricht einer verkürzten Darstellung der Realität.“ Damit spielt Meyer beispielsweise auf die Produktion „Flashdance“ an, die entgegen gegenteiliger Meldungen wie geplant vom 10. bis 15. März im Richtweg gastieren wird. An allen Veranstaltungstagen kommen laut Aussagen des Metropol Theaters weniger als 1000 Besucher zusammen. Skeptische Nachfragen, inwieweit Menschenansammlungen von mehreren hundert Personen noch vertretbar seien, hält Meyer für überflüssig. „Letztendlich können wir nicht mehr leisten, als die Anordnung des Senats zu befolgen“, macht er klar. Insgesamt weist das Metropol Theater eine Kapazität von 1451 Plätzen auf. Um Veranstaltungen nicht gänzlich absagen zu müssen, gebe es verschiedene Mechanismen, die das Theater in Kooperation mit den Veranstaltern nun ergreifen könne. „Eine Möglichkeit ist, im Rahmen der Auflagen unter 1000 Besucher zu spielen“, so Meyer. Unter anderem könnten dafür lediglich einzelne Bereiche im Theater zugänglich gemacht, der Ticketverkauf rechtzeitig gestoppt oder nur ein Mindestmaß an Zuschauer Einlass gewährt werden. Im letzteren Fall würde Käuferinnen und Käufer der Ticketpreis erstattet werden. Eine Alternative sei die Verlegung von Showterminen, zu der auch andere Veranstalter und Spielorte bereits tendieren. „Wir sind in diesem Fall kulant und bieten eine kostenlose Verlegung innerhalb des laufenden Kalenderjahres an“, so Meyer. Allerdings müsste man bedenken, dass eine Verlegung nicht immer im Bereich des Machbaren wäre. „Aufwändige Produktionen mit einem umfangreichen Cast sind zeitlich oft nicht flexibel“, sagt er. Nicht selten gehen Ensemblemitglieder nach Ende einer Spielzeit bereits das nächste Engagement ein.

Koopmann Concerts

Verlegungsmöglichkeiten sind es auch, mit denen sich der örtliche Veranstalter Koopmann Concerts aktuell auseinandersetzen muss. Insgesamt acht Konzerte musste das Unternehmen aufgrund des Coronavirus absagen, darunter beispielsweise der ausverkaufte Auftritt von AnnenMayKantereit in der ÖVB-Arena und die zwei Showtermine von Helge Schneider, die in der Glocke stattfinden sollten. „Das Finden von Ausweichterminen gestaltet sich schwierig,  da ganze Tourneen umgeplant werden und die Hallen entsprechende Kapazitäten haben müssen“, sagt Geschäftsführer Oliver Mücke. Dennoch solle nichts ausfallen, sondern lediglich in eine coronafreie Zeit verlegt werden. „Wir sind guter Dinge, dass das klappt“, so Mücke. Die Entscheidung des Bremer Senats ist für den Veranstalter nachvollziehbar. Dennoch ist er sich sicher: „Die wirtschaftlichen Folgen in der Branche werden auf jeden Fall gravierend sein.“

Zum Hintergrund

Die neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 hält die Welt in Atem: 124.1519 Menschen in 118 Ländern sind laut aktuellen Angaben der Weltgesundheitsorganisation von der Lungenkrankheit betroffen (Stand 12. März 2020). 4.607 Fälle verliefen bisher tödlich. Deutschland ist mit 1567 Infizierten aktuell im europäischen Vergleich auf Rang drei. Die Stadt Bremen zählt aktuell 31 bestätigte Krankheitsfälle, Bremerhaven einen. Zu den grippeähnlichen Symptomen des Virus gehören beispielsweise trockener Husten, Fieber, Halsschmerzen, sowie Kopf- und Gliederschmerzen. Auch Übelkeit, Durchfall und Schüttelfrost wurden von Betroffenen als Begleiterscheinungen angegeben. Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt regelmäßiges Händewaschen und das Meiden von Händeschütteln als effektive Schutzmaßnahmen im Alltag. Generell sollten die sozialen Kontakte eingeschränkt werden.