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„Man droht im Homeoffice zeitlich zu zerfließen“

Gesundheit im Homeoffice: Barbara Reuhl über potenzielle Risiken und Chancen

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Foto: Adobe Stock

Die Coronapandemie hat auf die Arbeitswelt vielfältige Auswirkungen. Die wahrscheinlich populärste Konsequenz ist das Homeoffice. Die Arbeit von zu Hause aus ist längst keine Seltenheit mehr – spaltet jedoch die Gemüter. Weisen Befürwortende vor allem auf einen Flexibilitätsgewinn hin, tun sich andere schwer, Privates und Berufliches zu trennen. Welche gesundheitlichen Herausforderungen das Homeoffice mit sich bringt und wie körperliche Risiken verringert werden können, darüber haben wir mit Barbara Reuhl von der Arbeitnehmerkammer gesprochen.

Barbara Reuhl, Referentin für Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik bei der Arbeitnehmerkammer. Foto: Stefan Schmidbauer

Frau Reuhl, das Arbeiten von zu Hause aus ist mittlerweile weit verbreitet. Sind Sie auch im Homeoffice tätig?
Barbara Reuhl
: Jein, ich arbeite nicht im Homeoffice, sondern in Telearbeit.

Worin besteht der Unterschied?
Der Unterschied ist rechtlich wichtig. Homeoffice ist eine Form der mobilen Arbeit, die im Zug, im Café oder eben zu Hause erledigt wird. Diese Arbeitsform ist noch ungeregelt, im Gegensatz zur Telearbeit. Davon ist die Rede, wenn Beschäftigte mit dem Arbeitgeber vertraglich vereinbaren, dass ein bestimmter Teil der Arbeit für eine bestimmte Dauer zu Hause erbracht wird. Dafür ist nachweislich ein ordentlicher Arbeitsplatz die Voraussetzung, der ähnliche Bedingungen wie im Betrieb bietet, weil die entsprechende Ausstattung vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt werden muss. Denn bei einem Telearbeitsvertrag gilt die sogenannte Arbeitsstättenverordnung. Sie regelt die Sicherheit und den Gesundheitsschutz von Beschäftigten insoweit, als deren Vorgaben für Bildschirmarbeitsplätze in der Verordnung zu berücksichtigen sind. Im Homeoffice gilt die Verordnung nicht, doch sie bildet eine gute Orientierung, da sie die arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse darüber enthält, wie Bildschirmarbeit unter guten Bedingungen geleistet werden kann, damit die Belastung möglichst gering gehalten wird.

Mit welchen Herausforderungen sehen sich Beschäftigte im Homeoffice konfrontiert?
Es kommt dabei auf die Rahmenbedingungen an. Ist meine Tätigkeit so zugeschnitten, dass ich sie zu Hause gut bewältigen kann? Oder muss ich improvisieren und mit unzulänglichen Mitteln arbeiten? Das kann sehr anstrengend sein. Zudem ist ein Betrieb ein soziales Gebilde und es gibt viele Menschen, die das Arbeiten im Team vermissen. Das Arbeiten im Büro gibt Sicherheit und strukturiert den Tag: Beschäftigte gehen von zu Hause in die Firma, erledigen ihre Arbeit, machen Pause und kehren abends wieder heim. Das heißt, es gibt einen physischen und örtlichen Wechsel, wodurch Arbeitszeit und private Zeit zeitlich und mental besser getrennt werden können. Das gelingt im Homeoffice nicht so leicht.

Woran scheitert es?
Es entfällt der eben genannte Wechsel. Man bewegt sich privat und während der Arbeitszeit im gleichen Umfeld. Für viele Menschen findet das Homeoffice im Schlafzimmer, Wohnzimmer oder provisorisch in der Küche statt. Wer hat schon einen separaten Arbeitsraum? Sind zeitgleich Kinder oder Partner im Haus, die Homeschooling oder Heimarbeit nachgehen, bemühen sich zu viele Menschen um zu wenig Platz zum Arbeiten.

Zu wenig Platz zum Arbeiten bedeutet wahrscheinlich auch zu wenig Platz für die Freizeit?
Richtig, gibt es keinen Arbeitsraum, dessen Tür man zum Feierabend einfach schließen kann, bleibt die Arbeit Tag und Nacht sichtbar. Gerade digitale Arbeit ist dadurch gekennzeichnet, dass sie eigentlich nie offiziell zu Ende ist. Das kann auf Dauer sehr anstrengend sein. Ist der Laptop immer im Blickfeld, fällt Beschäftigten der innere Abstand zur Arbeit schwerer, das beeinträchtigt die Erholung auf Dauer erheblich. Das Risiko dabei: Man droht im Homeoffice zeitlich zu zerfließen.

Wie lässt sich dieser Konflikt vermeiden?
Bewegung, Kontakt, Geselligkeit, sozialer Austausch – das ist ganz wesentlich, um regenerieren zu können und die Arbeits- von der Freizeit zu trennen. Allerdings sind es eben diese Dinge, die in der Pandemie erschwert sind. Arbeitsrechtlich ist eine Ruhezeit von elf Stunden zwischen Arbeitsende und Beginn am nächsten Tag verpflichtend, zudem sind Pausen vorgesehen. Im Homeoffice braucht es eine gute Selbstdisziplin, um diese Vorgaben einzuhalten. Auch ein körperlicher Ausgleich ist wichtig, vor allem da man im Homeoffice mehr sitzt als im Büro, und das in ungünstigen Positionen.

Wie können sich jene nach Feierabend von der Arbeit distanzieren, die kein
eigenes Büro haben?
Das Umschalten von beruflichen Anforderungen und Anspannung zu Ruhe und Erholung erfordert Zeit. Rituale können dabei helfen, beispielsweise den Arbeitsplatz auf- und das Equipment möglichst weit aus dem Blickfeld zu räumen. Möchte man nach Feierabend noch private Dinge am Laptop erledigen, sollte man, wenn möglich, nicht das Arbeitsgerät nutzen, das macht mental einen Unterschied.

Wie sollte ein Arbeitsplatz beschaffen sein, um gesundheitliche Risiken vorzubeugen?
Das ständige Sitzen, oft in ungünstigen Positionen, hat negative Auswirkungen auf die Rückenmuskulatur. Das Display des Notebooks ist meistens zu klein und zu niedrig für eine ergonomische Körperhaltung. Der Bildschirm sollte optimalerweise in seiner Höhe so ausgerichtet sein, dass sich die obere Kante etwas unterhalb der Augen befindet. Beim Tippen am Notebook müssen die Hände und die Arme in der Luft gehalten werden, wodurch ein hohes Gewicht auf den Schulter- und Nackenbereich einwirkt. Wenn das Gerät so steht, dass man die Tastatur gut erreicht, befindet sich der Bildschirm zu nah am Auge. Das alles führt zu Verspannungen und zu vorzeitiger Ermüdung. Deshalb empfehlen sich eine separate Tastatur und Maus, sodass die Handballen aufgelegt werden können. Um die Augen und die Nackenmuskulatur zu entlasten, muss das Display höher angeordnet sein, am besten, ist eine Dockingstation. Bei kurzfristiger Nutzung kann man notfalls improvisieren. Legt man beispielsweise ein dickes Buch unter das Gerät, kann man die Höhe anpassen und sich etwas behelfen. Das reicht aber nicht bei längerfristiger oder dauerhafter Arbeit im Homeoffice.

Zu guter Letzt: Gibt es trotz Risiken und Schwierigkeiten auch Vorzüge der Heimarbeit?
Letztendlich gibt es mit Sicherheit auch Tätigkeiten, bei denen es sich anbietet, einige Tage zu Hause zu arbeiten, ich denke, dass ist individuell zu betrachten. Der Hauptvorteil für die meisten ist wahrscheinlich die Tatsache, dass der Arbeitsweg entfällt.
Weniger Zeit dafür, bedeutet natürlich mehr Zeit für andere Dinge. Man kann folglich festhalten: Homeoffice kann funktionieren, es muss jedoch gut und gesundheitsgerecht gestaltet werden. Da in Zukunft sicherlich mehr Leute längerfristig mobil arbeiten werden, muss mobile Arbeit dringend geregelt und ein Recht auf Homeoffice geschaffen werden, das auch den Gesundheitsschutz einschließt.

Das Interview führte Jennifer Fahrenholz.