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„Konkurrenz scheint wie weggeblasen“

Theaterschauspielerin Petra-Janina Schultz und Kleinkünstler Nagelritz im Interview

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Voller Vorfreude auf den „Sommer Summarum“: Petra-Janina Schultz und Dirk Langer, auch bekannt als Nagelritz. Fotos: Marco Meister

Als Gemeinschaftswerk Bremer Kulturakteure findet in diesem Jahr der Kultursommer „Sommer Summarum“ statt. Mit dabei sind auch Petra-Janina Schultz und Dirk Langer alias Nagelritz. Während Schultz als Schauspielerin für die Stücke auf der Bühne stehen wird, die anlässlich der Reihe „Shakespeare im Park“ gezeigt werden, wird der Waller Kleinkünstler Nagelritz den Rückblick „25 Jahre Shakespeare im Park“ präsentieren. Im Interview sprachen beide über die neue Veranstaltungsreihe und erklärten, welche Bedeutung Kultur in Zeiten von Corona hat.

Künstlerinnen und Künstler haben es in Zeiten von Corona schwer. Welche Konsequenzen der Pandemie haben Sie am eigenen Leib erfahren müssen?
Petra-Janina Schultz: Wir, die Bremer Shakespeare Company, bekommen Unterstützung von der Stadt und sind daher in gewisser Weise aufgefangen worden. Anders sieht es bei Kolleginnen und Kollegen in meinem privaten Umfeld aus. Da hört man wirklich schlimme Geschichten. Auch wenn das kulturelle Leben langsam wieder Fahrt aufnimmt, haben viele lange um ihre Existenz gebangt.

Herr Langer, Sie hatten dieses Auffangbecken als Solokünstler nicht.
Nagelritz: Das stimmt, allerdings wurden ja Soforthilfeprogramme ins Leben gerufen. Am Anfang war ich verärgert, weil ich das Verfahren als sehr durcheinander, intransparent und unübersichtlich empfunden habe. Letztendlich hat Bremen die Sorgen von uns Künstlern aber ernst genommen und gute Möglichkeiten für uns geschaffen. Mögliche Sorgen richten sich eher in die Zukunft. Jetzt wird uns geholfen. Der finanzielle Engpass wird jedoch noch kommen. Wie wird sich die Krise langfristig auf die Kulturlandschaft auswirken? Wann wird wieder ein regulärer Spielbetrieb unter normalen Bedingungen möglich sein? Diese Fragen kann aktuell keiner beantworten, alles hängt in der Schwebe. Das ist es, worüber ich mir Gedanken mache.

Haben Sie Existenzängste?
Nagelritz: Im Moment habe ich das nicht. Das liegt vor allem daran, dass ich kein klassischer Schauspieler bin, der an konkrete Bedingungen gebunden ist. Mit der Figur Nagelritz, die ich spiele, bin ich sehr anpassungsfähig. Ich kann auf der Theaterbühne stehen, mich aber auch genauso gut auf die Wiese stellen. In den 25 Jahren, in denen ich diese Rolle bereits bediene, habe ich schon so viele verschiedene Dinge gemacht. Daher weiß ich, dass sich für mich die Türen öffnen werden.
Petra-Janina Schultz: Offene Türen sind ein gutes Stichwort, genau da fangen für uns nämlich die Schwierigkeiten an.

Wie meinen Sie das?
Petra-Janina Schultz: Sobald wir unseren Spielbetrieb wieder aufnehmen und unser Theater für Publikum öffnen, müssen wir natürlich auf aktuelle Vorschriften wie den
Mindestabstand Rücksicht nehmen. Wir sind dann in der Verantwortung die Sicherheit zu gewährleisten. Das ist natürlich ein Problem. Normalerweise finden 300 Zuschauer in unserem Theatersaal Platz. Wenn wir beispielsweise nur 50 Personen Zutritt gewähren, haben wir weniger Einkünfte als wenn wir versuchen würden, Kurzarbeit weiterzuführen. Wie skurril, wenn man bedenkt, dass wir ja arbeiten und auftreten wollen. Wir haben hier gute Bedingungen mit unterschiedlichen Eingängen und Klappen, die uns ermöglichen, gut durchzulüften. Dennoch ist es schwierig, perspektivisch zu denken und zu sagen, wann hier wieder 300 Zuschauer sitzen können.
Nagelritz: Da geht es auch um die klassischen Kalkulationen von Theatern, die plötzlich nicht mehr funktionieren. Selbst wenn die Theaterkarte subventioniert ist, müsste sie im Grund genommen deutlich teurer werden, damit der Betrieb so funktionieren kann, wie zuvor. Spielstätten werden da zukünftig umdenken und Flexibilität zeigen müssen. Ich kann mir vorstellen, dass viele Theater beispielsweise Produktionen straffen und Doppelvorstellungen spielen werden, wenn der Zuschauersaal nicht ausgelastet werden kann. Das hat natürlich auch inhaltliche Konsequenzen. Die Inszenierung eines Shakespeare-Stückes kann nicht einfach so halbiert werden. Etablierte Dinge und Abläufe funktionieren also plötzlich nicht mehr und man muss lernen, damit umzugehen.
Petra-Janina Schultz: Ein gutes Beispiel ist unser Stück „King Charles III“. Rund drei Stunden stehen wir mit neun Leuten auf der Bühne. Das funktioniert einfach nicht, wir werden es unter den aktuellen Gegebenheiten nicht spielen können. Daher heißt es für uns jetzt, spontan zu reagieren und uns den Bedingungen anzupassen. Dazu gehört auch, die Themen zu bedienen, die die Menschen aktuell beschäftigen. Darin sehen wir unsere Funktion als Theater. Wir müssen die Krise als Chance begreifen.

Welche Themen sind es, die Theater Ihrer Meinung momentan aufgreifen müssten?
Petra-Janina Schultz: Das sind beispielsweise Verschwörungstheorien, die grassieren, zudem Dinge wie Angst, Demokratie und der bekannte Wertekonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit. Hier geht es darum, entsprechende Gesprächsformate zu entwickeln und zum Diskurs anzuregen. Anhand von Theaterstücken und Geschichten können so neue Impulse gesetzt und Perspektiven eröffnet werden.

Welchen Stellenwert nimmt Kultur generell in Zeiten von Corona ein?
Petra-Janina Schultz: Ich denke schon, dass das Unterhaltungsbedürfnis da ist, glaube aber auch, dass man gezielt locken muss. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das erkenne ich an mir selbst. Als ich das erste Mal wieder mit Freunden in einer Kneipe saß, fühlte es sich ganz merkwürdig an. Daher glaube ich, dass man die Leute herausfordern
muss. Da sehe ich ganz klar einen Auftrag für die Kultur. Übrigens würde ich auch unseren Bremer Kultursommer unter diesem Vorhaben einordnen. Wir müssen zeigen: Wir sind noch da, und es ist wichtig, dass es uns gibt.
Nagelritz: Die Leute haben einen unfassbaren Durst nach Live-Kunst und saugen alles auf, was ihnen geboten wird. Das habe ich in den letzten Monaten festgestellt, wenn ich draußen mal wieder mein Akkordeon in die Hand genommen habe. Online sind viele neue Angebote entstanden, was toll ist. Aber es ist eben nicht vergleichbar. Liveauftritte leben vom gemeinsamen Miteinander, von der Atmosphäre und auch von der Unperfektion.

Stichwort Bremer Kultursommer: Was erwartet die Besucher?
Petra-Janina Schultz: Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler werden verschiedene Inszenierungen präsentieren und bekommen damit eine gemeinsame Plattform, um wieder auftreten zu können. Das Theater Bremen bespielt seit dem 18. Juni seinen Innenhof. Wir starten am 1. Juli mit „Shakespeare im Park“. Es wird bis Ende August zahlreiche Inszenierungen in verschiedenen Parkanlagen geben, das Angebot reicht von Lesungen und Tanz über Theater bis zu Musik.
Nagelritz: Der Bremer Kultursommer ist ein riesengroßes Happening. Die Kulturszene wurde durch Corona und den Lockdown zwangsweise in ein Koma versetzt und erwacht mit der Aktion nun aus dem Dornröschenschlaf. Was ganz besonders ist: Die gesamte Kulturszene macht mit, egal ob die Literaten, Theater oder Straßenkünstler. So etwas gab es zuvor noch nie. Ich habe festgestellt: Bremen ist eine Stadt, die so groß ist, dass sie kulturell viel hergibt. Und doch ist sie so klein, dass es möglich ist, in kurzer Zeit alle Akteure zu vernetzen.

Das Motto der Veranstaltungsreihe lautet: „Die Kultur muss an die frische Luft!“ Inwieweit macht es für Künstler einen Unterschied, im Veranstaltungssaal oder im Freien aufzutreten?
Nagelritz
: Es ist komplett anders, draußen zu spielen. Ich persönlich merke, dass ich draußen viel mehr Energie brauche. Im speziellen Fall des Kultursommers kommt noch dazu, dass die technischen Gegebenheiten vor Ort sehr reduziert werden, um die Kosten gering zu halten. Wir wollen es aufziehen wie Straßentheater, um atmosphärisch eine Nähe zum Publikum zu haben, die wir physisch natürlich aktuell nicht haben dürfen. Petra-Janina Schultz: Draußen zu spielen ist großartig. Zuschauer und Protagonisten sitzen im selben Boot: Wenn es regnet, werden wir alle nass, wenn es windig ist, leiden wir alle. Es entsteht eine tolle Verbindung.

Beim Kultursommer scheint das Konkurrenzdenken zwischen den teilnehmenden Akteuren zu erodieren.
Petra-Janina Schultz
: Das ist definitiv so. Das hat vor allem die Planung gezeigt, die sehr schnell eine Eigendynamik entwickelt hat. Die Bremer Künstlerszene greift sich gegenseitig unter die Arme, das fühlt sich großartig an. Konkurrenz scheint wie weggeblasen.
Nagelritz: Weil es um etwas ganz Wesentliches geht. Während es vorher wichtig war, möglichst viel Geld zu verdienen, ist die Frage nun, ob und inwieweit wir alle überhaupt weiterhin existieren können. Das lässt uns zusammenrücken. Wenn wir schon alle nichts haben, wollen wir wenigstens gemeinsam nichts haben (lacht).