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Hochprozentiges Handwerk

Piekfeine Brände: Birgitta Schulze van Loon betreibt Bremens einzige Brennerei

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Birgitta Schulze van Loon ist Brennerin aus Leidenschaft und führt die Manufaktur „Piekfeine Brände“ seit zehn Jahren. Foto: Piekfeine Brände

Geröstete Haselnüsse, Vanille und Kakao, Äpfel aus dem alten Land sowie eine Fusion aus Karamell und Meersalz: Wenn es um die Zutaten geht, derer sich Birgitta Schulze van Loon bedient, könnte man meinen, dass sie im Süßwarenhandel oder in einer Konditorei tätig ist. Doch weit gefehlt: Unter dem Namen „Piekfeine Brände“ hat sich die Bremerin hochprozentigen Genüssen verschrieben und betreibt seit mittlerweile zehn Jahren die einzige Brennerei in der Hansestadt – und das nach traditionellem Handwerk.

„Die Vielfalt der Aromen in Obstbränden und Geisten hat mich immer fasziniert“, erzählt Schulze van Loon. So habe sie bei Restaurantbesuchen stets die letzte Seite der Getränkekarte studiert und begeistert die Brände gekostet, die ihr Vater ihr bei seinen Heimatbesuchen aus Österreich mitgebracht hatte. „So ist mein Interesse sukzessiv gewachsen.“ Die Finanzkrise 2008 und das Ende ihrer 20-jährigen Tätigkeit in der Unternehmensberatung veranlassten Schulze van Loon schließlich dazu, ihr Wissen mit einer fundierten Ausbildung zur Brennerin zu vertiefen. Eine Zeit, an die sie mit einem Schmunzeln zurückdenkt: „Ich musste mich damals behaupten und wurde anfangs nicht ernst genommen“, erinnert sie sich. „Viele der Teilnehmenden kamen aus der Landwirtschaft und brannten, anders als ich, schon viele Jahre auf großen Anlagen in ihren Betrieben.“ Doch Biss und Passion sollten sich bezahlt machen: Nach zwei Jahren hielt sie nicht nur ihren Gesellenbrief in den Händen, am 11. November 2011 wagte sie mit „Piekfeine Brände“ den Schritt in die Selbstständigkeit. „Ich war damals froh, als sich die Räumlichkeiten am Europahafen in der Überseestadt ergaben“, sagt sie. Eine gläserne Manufaktur an einem lebendigen Standort statt einer Einbettung in einem tristen Industriegebiet – so lautete Schulze van Loons Wunsch, den sie sich mit der Destillerie im Gebäude Hoerneckestraße 3 schließlich erfüllen konnte.

Seither stellen die heute 59-Jährige und ihr Team vor Ort verschiedene Spirituosen nach traditionellem Brennhandwerk her. „Bei uns kommt ein sogenanntes Rau- und Feinbrandverfahren zum Einsatz“, erklärt sie. Wie solch ein Prozess abläuft, macht sie am Beispiel eines Obstbrandes deutlich: „Zunächst wird das Obst gesichtet und gereinigt“, sagt sie. Anschließend werde es zerkleinert und in einen Gärtank gefüllt. „Das ist die sogenannte Maische“, so Schulze van Loon. Mit der Zugabe von Hefe werde ein Gärprozess in Gang gesetzt, der abhängig von der Obstsorte zwischen zwei und sechs Wochen in Anspruch nehme. „Danach kommt die vergorene Maische in die Raubrandblase, wo im Zuge eines ersten Destillationsprozesses der entstandene Alkohol herausdestilliert wird.“ Das Ergebnis: Ein Raubrand als Zwischenprodukt. Schulze van Loon weiter: „Um jene Alkohole herauszudestillieren, die ich im Endprodukt nicht haben möchte, brennen wir noch ein zweites Mal.“ Über das System werden die entstandenen Alkoholdämpfe schließlich in einen Kühler geleitet und dort wieder verflüssigt. Getan ist es mit der Arbeit nach Finalisierung des Destillates jedoch keineswegs. „Alle Brände werden von uns per Hand abgefüllt und die Flaschen etikettiert“, so die anfängliche Einzelkämpferin, die vor allem in der Vorweihnachtszeit dankbar für die Unterstützung ihrer Mitarbeitenden ist. „Arbeiten im Alleingang ist für mich mittlerweile unvorstellbar.“

Mehr als 50 verschiedene Sorten

Mit einer Vielfalt an Bränden und Geisten, Likören und Rum sowie Whisky, Gin und Aquavit umfasst das Angebot von „Piekfeine Brände“ mittlerweile mehr als 50 verschiedene Sorten. Neben beliebten Klassikern wie Williamsbirne, Himbeere und Haselnuss, zeigen Destillate aus Vogelbeere, Sellerie oder Spargel, dass Schulze van Loon sich traut, geschmackliche Experimente zu wagen. „Vor allem in unseren Brennworkshops kreieren wir manchmal Sorten, die es anschließend in das Sortiment schaffen“, sagt sie. Neben ihrer Kreativität in der Produktentwicklung hat die Fachfrau auch für ihre berufliche Zukunft einige Ideen. „Ich würde das Vertriebsgebiet gerne ausbauen und weitere Räumlichkeiten am Europahafen mieten.“ So könnten Tastings und der Shopbetrieb zukünftig ausgelagert werden, während die aktuelle Fläche zum „kleinen Labor“ werde. „Es ist noch nichts spruchreif“, so die Brennerin, „aber ich bleibe der Überseestadt auf jeden Fall treu!“

Erhältlich sind die Produkte unter anderem in der Destillerie vor Ort (Hoerneckestraße 3, 28217 Bremen), im Onlineshop unter www.piekfeinebraende.de, bei „Made in Bremen“, Julius Kalbhenn sowie in ausgewählten REWE- und EDEKA-Märkten.

Kleine Schnapskunde

Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen einem Obstbrand und einem Geist? Grundsätzlich werden beide Kategorien mit dem Begriff Spirituose abgedeckt, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich Entstehungsprozess und Zutaten. Obstbrände werden mit zuckerhaltigen Obstsorten und Früchten hergestellt, etwa aus Birnen, Quitten und Zwetschgen. Alkohol und Aromen entsteht dabei aus der Gärung des Obstes selbst. Zuckerarme Früchte und Gemüsesorten bilden dagegen die Bestandteile von Geisten. Zum Beispiel Himbeeren und Haselnüsse werden dabei in geschmacksneutralen Alkohol eingelegt. Dieses sogenannte Mazerat wird anschließend destilliert.