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„Man muss darauf achten, seine Rolle nicht zu verlieren“

Im Gespräch mit Schauspielerin und „Tatort“-Kommissarin Jasna Fritzi Bauer

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Foto: Radio Bremen/ Claudia Konerding

Eine Karriere im Film-Fernsehgeschäft – das war ursprünglich nicht Jasna Fritzi Bauers Plan. Anfangs wollte die Schweizerin mit chilenischen Wurzeln die Theaterbühne erobern. Mittlerweile ist sie jedoch vorrangig im Fernsehgeschäft zu Hause und hat sich mit Rollen in „Ein Tick anders“, „Axolotl Overkill“, sowie in der Serie „Rampensau“ zu einem echten Charakterkopf der deutschen Schauspielbranche entwickelt. Im Bremer „Tatort“ verkörpert sie die junge Kommissarin Liv Moormann und ermittelt an der Seite von Linda Selb (Luise Wolfram) und Mads Andersen (Dar Salim). Kurz vor Ausstrahlung der neuen Episode mit dem Titel „Liebeswut“ haben wir mit Jasna Fritzi Bauer über ihre beruflichen Anfänge sowie die Herausforderungen beim Format „Tatort“ gesprochen.

Frau Bauer, bevor es Sie vor die Kamera zog, standen Sie viele Jahre auf verschiedenen Theaterbühnen. War das ein strategisches Sprungbrett?
Das kann man so nicht sagen, ich wollte immer Theater spielen. Zum Film zu gehen, war nie mein Plan, das ist eher zufällig passiert (lacht).

Wie sind Sie dann letztendlich zum Film gekommen?
Das war während meiner Zeit als Studentin und eigentlich ziemlich unspektakulär. Eine Castingdirektorin war an der Ernst Busch (Anmerkung der Redaktion: Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch) zu Gast und hat mich zum Casting eingeladen. So bin ich an meine erste Filmrolle in Pia Marais’ Spielfilm „Im Alter von Ellen“ gekommen.

Wo liegen die unterschiedlichen Anforderungen an den Schauspielberuf, wenn man Theater und Film miteinander vergleicht, ist das eine schwieriger als das andere?
Man kann es tatsächlich ganz schwer miteinander vergleichen, weil die Bereiche einfach so unterschiedlich sind. Beides ist für sich genommen anstrengend und erfordert eine ganz eigene Form an Konzentration. Theater ist live und vor Publikum. Der Effekt ist ein ganz anderer als beim Endprodukt Film. Man kommt mit Leuten in Kontakt, das finde ich sehr schön.

Klingt fast so, als würden Sie die Theaterbühne vermissen.
Das tue ich, ich versuche auch nach wie vor, zu spielen.
Bis letztes Jahr stand ich sogar noch im Stück „Unendlicher Spaß“ auf der Theaterbühne. Wegen Corona war es jedoch schwer abzusehen, wann und unter welchen Bedingungen Theater überhaupt stattfinden kann. Deswegen habe ich mich dem Bereich etwas entzogen, würde das zukünftig aber gerne wieder ändern. Ich hatte für mich immer den Plan, kontinuierlich jeweils Stücke zu spielen.

Schauspielerei scheint nicht der einzige kreative Bereich zu sein, in dem Sie tätig sind. Im Mai realisieren Sie eine Ausstellung in Bremen.
Ja, darauf freue ich mich sehr. Ich bin Teil eines Künstlerduos. Katharina Zorn und ich haben vor zwei Jahren ein Projekt mit dem Namen „Heute schreibe ich Gedichte. Heute schreibe ich Geschichte“ ins Leben gerufen. Das Grundkonzept sah vor, dass jeder und jede Interessierte uns ein Gedicht zu einem tagesaktuellen Thema schickt, und wir aus den Texten Installationen machen. Vom 24. Mai bis zum 6. Juni gastieren wir im Rahmen dieses Projektes mit einer Ausstellung in der Weserburg. Die Ausstellungen werden immer extra für die Städte konzipiert und wir binden natürlich auch Bremerinnen und Bremer und ihre Texte mit ein.

Sie haben mit diesem Ausstellungskonzept bereits in anderen Städten gastiert. Konnten Sie in den Texten thematische Schwerpunkte ausmachen?
Es geht in vielen Texten um Liebe und Sehnsucht. Ich glaube, dass ist auch Corona geschuldet, da sich während der Pandemie viele Menschen einsam gefühlt haben. Auch der aktuelle Krieg in der Ukraine ist ein Thema.

Apropos Corona: Inwieweit ist die Arbeit an Filmsets wie dem „Tatort“ noch von der Pandemie beeinflusst?
Wir arbeiten nach wie vor unter starken Hygiene- und Sicherheitsbedingungen. Wir werden unter anderem jeden Tag getestet und müssen überall Maske tragen, sogar draußen. Großartig gelockert wurde noch nichts, was aber auch verständlich ist. Es wäre für die Produktion fatal, wenn sich jemand ansteckt und die Infektionskette in Gang gesetzt wird. Beim „Tatort“ sind wir als Team daher in drei verschiedene Gruppen eingeteilt.

In vielen Filmen verkörpern Sie Figuren, die deutlich jünger sind als Sie, Ihre Körpergröße thematisieren Sie immer mal wieder selbst auf humorvolle Art und Weise. Sind 1, 58 Meter im Schauspielberuf mehr Fluch oder Segen?
Ich habe festgestellt, dass es beim Film tatsächlich ganz gut ist, klein zu sein, da es viele Schauspielkolleginnen und -kollegen auch sind. Es ist eher hinderlich, besonders groß zu sein, da man dann mitunter nicht gemeinsam ins Bild passt. Bei Luise Wolfram und mir ist es zum Beispiel knapp an der Grenze. Als kleine Schauspielerin wird man notfalls auf eine Kiste gestellt (lacht).

Sie haben in einem Interview mit der FAZ einmal gesagt: „Im ‚Tatort‘ darf ich Kommissarin sein und ich darf mein Alter spielen, das ist für mich beides ganz wichtig.“ Wie meinen Sie das?
Es ist für mich in der Tat sehr wichtig, dass ich mein eigenes Alter spielen und erwachsene Rollen verkörpern kann, um zu zeigen, dass ich eben nicht nur für Teenagerrollen infrage komme. Ich bin jetzt 33 Jahre alt, erstens kann und zweitens will ich keine 16-Jährige mehr spielen. Trotzdem kommen immer wieder entsprechende Angebote rein. Natürlich ist es dann für mich sehr vorteilhaft, eine Rolle zu verkörpern, die meinem Alter entspricht.

Beim Bremer „Tatort“ sollen Sie und ihre Kolleg:innen an der Entwicklung Ihrer Rollen beteiligt gewesen sein. Kreiert man in dem Fall automatisch Charaktere, die einem ähnlich oder zumindest sympathisch sind?
Detailliert mitentwickelt haben wir unsere Figuren nicht, durften aber ein bisschen Einfluss auf ihre Geschichten nehmen. Man ist ja ohnehin immer irgendwo man selbst und eingeschränkt im Hinblick auf den eigenen Körper und das Aussehen. Ich denke daher, dass letztendlich in jeder Rolle auch etwas von einem selbst steckt.

Wie lassen sich Figuren langfristig entwickeln, wenn die „Tatort“-Filme immer wieder von unterschiedlichen Autor:innen geschrieben werden und auch die Regiearbeit wechselt?
In Formaten wie dem „Tatort“ ist das tatsächlich eine große Herausforderung. Regie und Drehbuch wechseln eigentlich bei jedem Fall, und jeder und jede geht mit seinen beziehungsweise ihren eigenen Vorstellungen und Ideen an die Geschichten heran. Das betrifft auch die Sprache. Man muss darauf achten, seine Rolle nicht zu verlieren. Für den neuen „Tatort“ haben wir zum Beispiel eng am Drehbuch mitgearbeitet und in Leseproben Sätze so verändert, wie es uns für unsere eigenen Rollen angemessen erschien.

„Liebeswut“ soll so etwas wie „Ihr“ Tatort sein, in dem man viel über Ihre Liv-Moormann-Figur erfährt. Inwieweit ist das gerechtfertigt?
Man bekommt einige Einblicke in das frühere Leben und die Kindheit von Liv Moormann. In ihr ruft der Fall unschöne Erinnerungen wach, die nach und nach aufgearbeitet werden. Man lernt sie auf jeden Fall nochmal deutlich besser kennen als in den vorherigen zwei Filmen.

Warum sollte man zum neuen Bremer „Tatort“ einschalten?
Ich finde, „Liebeswut“ ist ein wirklich außergewöhnlicher „Tatort“. Ich habe ihn schon gesehen und muss gestehen, dass ich mich stark gegruselt habe. Er hat mich wirklich in seinen Bann gezogen, obwohl ich Filme, in denen ich mitspiele, sonst nicht gucken kann (lacht).

„Liebeswut“ ist am Sonntag, 29. Mai, ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.