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Corona: Impfmythen im Faktencheck

Virologe Dr. Andreas Dotzauer über die Entwicklung des Vakzins, Grippevergleiche und Langzeitfolgen

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Foto: Pixabay

Zieht man einen bundesweiten Vergleich der getätigten Coronaschutzimpfungen, ist Bremen Spitzenreiter: Insgesamt 83,2 Prozent (Stand: 4. Januar 2022) der Bevölkerung hat sich mindestens zwei Mal eines der zugelassenen Vakzine gegen das Coronavirus impfen lassen. Auch wenn die Impfbereitschaft folglich hoch ist: Vorbehalte, Ängste und falsche „Fakten“ unter Skeptikern und Gegnern sind weiterhin präsent. Dr. Andreas Dotzauer ist Virologe und leitet seit 2014 das Laboratorium für Virusforschung an der Universität Bremen. Wir haben ihn gebeten, einige dieser Thesen wissenschaftlich zu beleuchten.

„Corona ist wie eine Grippe.“

 

Dr. Andreas Dotzauer. Fotos: Louis Kellner

Dotzauer: Nein. Erst einmal handelt es sich um unterschiedliche Viren mit unterschiedlichen Eigenschaften, die auch unterschiedliche Krankheitsverläufe als Konsequenz haben. Bei der normalen Grippe, also der Influenza-A-Infektion, gibt es deutliche Unterschiede zum Coronavirus (SARS-CoV-2). Die Grippe findet in einem sehr kurzen Zeitrahmen statt, im Durchschnitt ist die Krankheit nach sechs Tagen überstanden und auch nicht mehr ansteckend. In der Regel ist man so krank, dass man zu Hause bleibt und sich zurückzieht. Eine infizierte Person steckt durchschnittlich ein bis zwei weitere an. Eine SARS-CoV-2-Infektion entwickelt sich dagegen langsam und mit zunehmendem Schweregrad der Symptome. Das kann über drei Wochen gehen. In diesem Zeitraum produzieren Infizierte Viren und können andere anstecken. Anders als bei der Grippe, können momentan fünf bis sechs weitere Menschen angesteckt werden, falls keine Maßnahmen ergriffen werden. Die Geschwindigkeit der Ausbreitung ist also höher, ebenso wie der mögliche Schweregrad der Erkrankung: Das Influenza-A-Virus vermehrt sich lokal begrenzt in der Lunge, während sich das SARS-CoV-2-Virus eben nicht auf die Lunge , wo es deutlich schwerere Schädigungen hervorrufen kann als das Influenza-A-Virus, oder den Nasen-Rachen-Raum beschränkt. Es breitet sich im Körper aus und befällt weitere Organe, was die Krankheitsverläufe noch mehr verschlimmern kann. In vielen Fällen bleibt das Virus somit über einen langen Zeitraum in unserem Körper und setzt sich irgendwo fest.

„Die Impfung bringt nichts, die Infektionszahlen sind trotz hoher Impfquote hoch.“

Dotzauer: Die Infektionszahlen sind so hoch, weil aufgrund der derzeitig hohen Infektiosität des Virus die aktuelle Impfbereitschaft eben nicht genügt. Je höher die Infektiosität ist, die bei den einzelnen Virusvarianten unterschiedlich ist, desto dichter muss das Netz der Geimpften sein, damit die Impfmaßnahmen in der Gesellschaft Auswirkungen zeigen. Das Virus ist nun einmal da und zwar in vielen Personen, die wiederum Kontakte zu anderen haben. Das bedingt natürlich, dass das Ausbreitungsgeschehen nicht richtig in den Griff zu bekommen ist, wenn die Impfquote zu niedrig ist. Wir reden hier keinesfalls von einigen wenigen, die ungeimpft und damit ungeschützt sind. Bundesweit sind es viele Millionen und allein in Bremen gut 100.000 Personen. Dazu kommt, dass Nicht-Geimpfte oft in Clustern auftreten, zum Beispiel in Familien. Ist erst einmal eine Person aus dieser Gruppe infiziert, sucht sich das Virus seinen Weg durch das gesamte Cluster.

„Ich bin genesen und muss mich daher nicht mehr impfen lassen.“

Dotzauer: Doch. Bei Genesenen lässt sich das gleiche Phänomen wie bei den Geimpften beobachten: Die Menge an Antikörpern nimmt über den Verlauf von einigen Monaten ab und damit auch die Schutzwirkung. Danach ist eine Auffrischungsimpfung oder – im Fall von Genesenen – generell ein Impfschutz notwendig.

„Schwere Verläufe gibt es eigentlich nur bei alten Menschen und Vorerkrankten.“

Dotzauer: Das „nur“ stimmt nicht. Bei vielen skeptischen Aussagen gibt es einen gewissen Wahrheitsgrad, der aber unscharf ist und oft falsch gedeutet wird. Der Schweregrad der Krankheit nimmt generell mit dem Alter zu, das ist richtig. Je jünger man ist, desto symptomärmer läuft die Krankheit im Allgemeinen ab. Nichtsdestotrotz heißt das nicht, dass nicht auch junge Menschen schwere Verläufe haben können. Man kann also festhalten: Jeder Mensch kann schwer erkranken, wenn auch mit unterschiedlicher Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit.

„Impfstoffe gegen das Coronavirus wurden so schnell entwickelt, da kann etwas nicht stimmen.“

Dotzauer: Die Entwicklung war außergewöhnlich schnell, aber eben der Situation angepasst. Wichtig ist zu wissen, dass aufgrund des hohen Tempos bei der Entwicklung keinesfalls Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit schlechter sind als bei anderen Impfstoffen. Das Probeverfahren hat exakt die Schritte durchlaufen, die bei anderen Verfahren zum Einsatz kommen. In der Regel dauern diese aus mehreren Gründen viele Jahre, die im Fall eines Coronaimpfstoffes jedoch nicht zum Tragen kamen: Das Zielprotein war bereits identifiziert, die Entwicklung wurde finanziell massiv gefördert und beim Übergang in die klinischen Studien haben sich viele Probanden zur Verfügung gestellt. Zudem wurden verschiedene Testphasen nicht nacheinander, sondern zeitlich parallel durchgeführt. Auch die Behörden, die für die Zulassung zuständig sind, haben sehr schnell gearbeitet. Man kann also einfach von einem sehr guten Zeitmanagement sprechen.

„Es treten immer mehr Mutationen des Virus auf,
dagegen ist die Impfung bestimmt machtlos.“

Dotzauer: Viren verändern sich und mutieren. Das ist eine Eigenschaft, die alle Viren eint. Es ist die Frage, welcher Bestandteil des Virus als Ziel auserkoren wird, gegen die der Impfstoff eine Immunantwort bilden soll. Im Fall des Coronavirus ist es das Spike-Protein, ein Protein auf der Virusoberfläche. Bei Coronamutationen reden wir über Mutationen in genau diesem Protein, das dafür verantwortlich ist, dass das Virus seine Zielzellen erkennt, in die es dann eindringt. Durch Mutationen wird die Struktur des Proteins so verändert, dass es besser anbinden und die Zellen erkennen kann.

Da das Protein auf der Oberfläche des Virus sitzt, ist es für Antikörper zugänglich, die angreifen und so die Andockung an die Zellen verhindern. Kommt es durch eine Mutation zu Veränderungen, kann es sein, dass die Antikörper das Protein nicht mehr so gut oder gar nicht mehr erkennen. Das bedeutet: Der Impfstoff ist weniger wirksam. Nun ist es aber so, dass das Spike-Protein als Gesamtprotein genutzt wird, um dagegen Antikörper herzustellen. Wir haben auf diesem Protein unterschiedliche Regionen, an die Antikörper binden können. Verändert sich eine bestimme Region, ist es also durchaus möglich, dass Antikörper nicht mehr so gut daran anbinden können, andere Antikörper können aber an anderen Regionen des Proteins anbinden und somit für einen Schutz sorgen. Das ist es, was wir beobachten: Die Wirksamkeit des Impfstoffes ist gegen die einzelnen derzeitig dominanten Varianten noch gegeben, aber sehr unterschiedlich und nimmt im Trend ab. Diese Tatsache versucht man aktuell durch das „Boostern“ auszugleichen, indem man die Anzahl an Antikörpern dadurch möglichst hoch hält.