Start Bremen Stadtteilrundgang Im Übergang: Die Neustadt wandelt sich zum Hotspot Bremens

Im Übergang: Die Neustadt wandelt sich zum Hotspot Bremens

Der Stadtteil Neustadt punktet mit umtriebiger Kulturszene

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Der Neptunbrunnen. Foto: Kristina Wiede

Im Bremer Süden, zwischen Airport-City und Weser, gedeiht die Neustadt zum beliebten Wohnviertel mit eng vernetzter Infrastruktur. Das bevölkerungsstärkste Quartier der Hansestadt machte zuletzt als boomender Standort für junge Kreative von sich reden. Belebte Cafés und florierende Einkaufsstraßen, kulturelle Angebote mit sozialem Anspruch und viel Grün verleihen dem Stadtteil seinen Charme. Bei einem Rundgang zeigen Peter Lüchinger, Schauspieler der Shakespeare Company und Schneider bei der Bremer Eiswette, sowie weitere Akteure, was die Neustadt noch zu bieten hat.

Wenn Peter Lüchinger morgens im Viertel auf sein Klapprad steigt und über die Brücke auf die linke Seite der Weser bis zum Theater am Leibnizplatz radelt, fährt er seinem Arbeitstag entgegen. Texte lernen, Proben, Auffrischen – für das charismatische Ensemble-Mitglied der Bremer Shakespeare Company ist das Routine. Vor 25 Jahren zog der heute 57-jährige Wahlbremer von der Schweiz in die Hansestadt, zunächst ins Flüsseviertel. „Lange war Bremen für mich nur die Neustadt“, erinnert sich der Schauspieler. Weggezogen sei er nur, um Arbeit und Privates zu trennen.

Peter Lüchinger ist langjähriges Ensemble-Mitglied der Bremer Shakespeare Company. Foto: Kristina Wiede

Anfang Januar wird er zum dritten Mal als Schneider bei der Eiswette testen, ob die Weser „geiht oder steiht“. Der Fluss markiere eine starke Trennlinie zwischen den Stadtteilen, „die Bremer wissen das“, sagt er. Legte eine zugefrorene Weser früher den Handel zwischen den beiden Ufern lahm, stellte der Fluss noch lange eine Barriere in den Köpfen der Bremer dar. Bis sich das Theater am Leibnizplatz zu einem Spielort für alle Stadtbewohner entwickelte, dauerte es Jahre. „Heute ist die Shakespeare Company ein Ort des Miteinanders“, sagt Lüchinger.

Citiynah und lebendig

Wenn er an seinem Schreibtisch arbeitet, hört er die Kinder der benachbarten Tagesschule über den Hof toben. Dieser wurde zum Quartiersplatz umgestaltet, junge Bäume säumen Spielangebote und Holzbänke. „Unsere Vision ist ein offenes Haus, wir wollen die Menschen in unserer Nähe neugierig auf den Ort machen, unabhängig vom Schauspiel“, sagt Lüchinger. Durchlässig müssten die Grenzen zwischen den Stadtteilen sein, so Lüchinger, und ist mit diesem Gedanken nicht allein. Der alte und der vordere Teil des Quartiers werden längst als verlängerter Teil des Stadtzentrums wahrgenommen.

Angebote mit sozialem Touch

 

Das Papp Café.

Wer die Neustadt über die Wilhelm-Kaisen-Brücke erreicht, den begrüßen an der Ecke zur Westerstraße bunte Fähnchen, mit denen das Papp Café Kundschaft zum Verweilen lockt, im vergangenen Winter tauchte ein alternativer Weihnachtsmarkt den Platz in freundliches Licht. Gleich gegenüber genießen Besucher der Panama Bar in entspannter Atmosphäre Snacks und Cocktails. Das Kulturzentrum Kukoon und die Charlotte Gainsbourgh Weinbar gesellen sich zu Radieschen, Café Lisboa, Kuss Rosa und Co. Der Stadtteil links der Weser blüht auf, mal gut sichtbar, mal an weniger prominenter Stelle, und ist heute laut einer Umfrage der Hochschule das beliebteste Wohnquartier für junge Menschen.

Dass sich in der vorderen Neustadt nun offensichtlich etwas tut, sei auch für etablierte Institutionen erfreulich, sagt Stadtteilmanagerin Astrid-Verena Dietze. Ihr Büro liegt im Gebäude des SOS-Kinderdorfs, Friedrich-Ebert-Straße 101, wo täglich ein erschwinglicher Mittagstisch angeboten wird. Die „jungen Wilden“, wie Dietze ihre Nachbarn liebevoll nennt, verfolgten mit ihren neuen Angeboten neben wirtschaftlichen auch soziale Interessen. „Die Vernetzung von umtriebigen, kreativen Menschen birgt großes Potenzial“, so Dietze. Das Kulturnetzwerk Vis-à-Vis, dem die Urban-Gardening-Akteure des Lucie-Flechtmann-Platzes, die Werbe- und Marketingagenturen in der Alten Schnapsfabrik, die Gesellschaft für aktuelle Kunst, Schnürschuh Theaterhaus, Schwankhalle und weitere Institutionen angehören, versucht, dieses Potenzial zu nutzen. Das Musik-Festival Summer Sounds ist eines seiner erfolgreichen Projekte.

 

Ein Blick über die Dächer der Neustadt vom Dach der Hochschule Bremen. Foto: Kristina Wiede

Lüchinger schnappt sich an diesem sonnigen Tag sein Klapprad, ein Hauch duftenden Kakaos weht von der Schokoladenmanufaktur Hachez herüber. Zunächst geht es in die Langemarckstraße. Seit einigen Jahren haben sich dort Afroshops angesiedelt, bieten exotische Lebensmittel an, Frisiersalons und Restaurants reihen sich aneinander. „Wer hier die Augen offen hält, entdeckt viel, denn hier in der Neustadt liegt vieles hinter den Fassaden verborgen“, so Lüchinger. Um die Ecke bilden die nach Flüssen benannten Straßen mit ihren Altbremer Häusern eine fast quadratische Fläche. Die belebten Einkaufsstraßen Friedrich-Ebert-Straße und Pappelstraße sind die kommerziellen Zentren des Ortsteils, kleine Handwerksbetriebe und eine hohe Kita-Dichte bieten den Bewohnern eine gute Infrastrukur. Doch die Neustadt ist nicht nur ein attraktives Wohnquartier.

Wirtschaft im Neuenland

 

Foto: Airport Bremen

Weiter südlich im Ortsteil Neuenland schlägt das wirtschaftliche Herz der Neustadt. Angrenzend an die Hauptverkehrsader Neuenlander Straße und den Hauptsitz der Bremer Straßenbahn AG erstreckt sich das weitläufige Gewerbegebiet Airport-Stadt. Start- und Landebahn des Flughafens Bremen zerschneiden das Areal, von dem aus es an 48 internationale Destinationen geht. Dahinter bildet die Ochtum die Landesgrenze zu Niedersachsen. Der stadtnahe Airport vernetzt im großen Stil, rund 2,6 Millionen Fluggäste passierten 2015 die Terminals, 16.500 Mitarbeiter und mehr als 500 Unternehmen beleben die Airport-Stadt, darunter Airbus und die Deutsche Post. „Als ich her zog, gab es das alles noch nicht“, sagt Lüchinger. „Aber die Welt bleibt nicht stehen, dafür ist der Flughafen ein Sinnbild.“

 

Christoph Peper. Foto: Kristina Wiede

Etwas versteckt, rund 850 Meter vom Flughafen entfernt, liegt der Lloyd-Industriepark an der Richard-Dunkel-Straße. Seit über 100 Jahren ist das Gelände Standort für Bremens Industrie: Maschinenbauer und der Automobilhersteller Borgward haben hier produziert bevor Siemens einzog. 2014 war damit Schluss. Das Familienunternehmen Peper & Söhne nahm die Herausforderung an, die teils unter Denkmalschutz stehenden Hallen wiederzubeleben. Mit Erfolg – die Gebäude sind restlos vermietet, mehrere Neubauten entstehen auf dem 150.000 Quadratmeter großen Areal, weitere Flächen könnten bald hinzukommen. Die Nähe zur B75 und A281 machen das Gelände vor allem für die Logistikbranche attraktiv, gemähter Rasen und der direkte Kontakt zu den Eigentümern sorgt aber auch bei Mietern kleinerer Einheiten, wie Künstlern, Sportlern und Werbern für eine angenehme Arbeitsatmosphäre. „Von 60 bis 10.000 Quadratmetern ist bei uns alles möglich“, erklärt Christoph Peper den ungewöhnlichen Mieter-Mix. „Wir bieten Raum für kleine Unternehmer, die anderswo verdrängt werden“, so der Junior, der gemeinsam mit Senior Lutz H. Peper und Bruder Matthias Peper die Geschäfte führt und federführend für die Neubauprojekte verantwortlich ist.

Handwerk im Buntentor

 

Foto: Koch&Bergfeld

Ein weiteres geschichtsträchtiges Gebäude findet sich am Kirchweg 200 im Buntentor. Die Silberwarenmanufaktur Koch & Bergfeld hat dort seit mehr als 140 Jahren ihren Firmensitz. In Handarbeit fertigt die Schmiede hochwertiges Besteck in stilechtem Design. Kunden aus ganz Deutschland geben Arbeiten in Auftrag, Prägen, Schleifen und Versilbern kommt aus einer Hand. „In dieser Finesse sind wir einzigartig“, sagt Geschäftsführer Klaus Neubauer. 20.000 Euro lassen sich Kunden nicht selten für ein Zwölf-Personen-Set kosten, die Handwerkskunst hat ihren Preis. Im Ausstellungsraum glänzen zugekaufte, restaurierte Einzelstücke, die Geschichte erzählen, feines Tafelbesteck und Silberkännchen. „Das Interesse an der Manufaktur ist groß, daher planen wir ein gastronomisches Angebot in einem der Gebäude“, so Neubauer. Im Buntentor könnte so ein verträumtes Kleinod für Besucher entstehen.

Wohnen am Wasser

 

Die Neustadt nahe Kirchweg.

Vom Kirchweg geht es in Richtung Buntentorsteinweg, vorbei an der St. Jakobskirche. Das Buntentor und der angrenzende Ortsteil Huckelriede sind dank ihrer direkten Nähe zum Werdersee beliebte Wohnviertel. Mit rund 20 Prozent Erholungsfläche ist die Neustadt grüner als jeder andere Stadtteil Bremens. Ein spannendes Bauprojekt wurde im Frühjahr 2016 fertiggestellt: Citynah wohnen am Deichtor, in direkter Nähe zum Werdersee. Während im Marktgebäude eine Rewe-Filiale im Erdgeschoss neue Räumlichkeiten bezogen hat, bietet die moderne Architektur des dreistöckigen Neubaus den Bewohnern großzügig angelegte Wohnungen mit hoher Lebensqualität. Rundumlaufende Balkone und bodentiefe Fenster sorgen in den Wohnungen für viel Licht, Echtholzböden, Fußbodenerwärmung in den Bädern sowie moderne Küchenmöbel sind weitere Highlights. Im Innenhof des Marktgebäudes liegt ein Garten mit Spielplatz.

 

Kontrastreiche Gebäude auf dem Stadtwerder. Foto: Kristina Wiede

An der Weser finden Ruhesuchende und Aktive gleichermaßen Entspannung, nahegelegene Wohngebäude sind daher heißbegehrt. So auch auf dem Stadtwerder. In Traumlage hat die Brebau in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen Wasserturm, alias „Umgedrehte Kommode“, mehrere Gebäude realisiert: 2012 die Riverside-Häuser, 2014 folgten mit Riverview hochwertige Eigentumswohnungen. Auf dem letzten noch zur Verfügung stehenden Baufeld entstehen nun vorerst drei Gebäude, vorwiegend mit Eigentumswohnungen, der Baubeginn ist Anfang 2017 vorgesehen.
Mit ihren großen und kleinen Projekten alter und neuer Bewohner bleibt die Neustadt ein Stadtteil im Wandel. Zur Freude Peter Lüchingers: ein Risiko abzuheben bestehe in diesem Stadtteil nicht. Nach der Vorstellung im Theater radelt er wieder über die Brücke, zurück in sein privates Leben im Viertel. Und genau im Moment des Übergangs widerfährt ihm ab und zu ein persönliches Highlight: „Wenn ich um Mitternacht am Martinsclub die Zähluhr für Radfahrer passiere, bin ich manchmal die Nummer eins.“