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Im Doppelzweier

Ausprobiert: Erste Schläge beim Bremer Ruderverein von 1882

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Fotos: KW

Das Boot trägt den Namen „Holtenbeen“ und wird von zwei ­Ruderinnen in Richtung Werdersee geschoben. Heute soll es für mich erstmals im Ruderboot aufs Wasser gehen. Jens Grosse vom Bremer Ruderverein von 1882 (BRV v. 1882) hat sich ­bereit erklärt, mir eine Schnupperstunde zu geben. Der Trainer passt auf, dass der Zweier unbeschadet die Straße passiert und nutzt die Gelegenheit, mir während der kurzen Fußmarsches seine Arbeit im Verein zu skizzieren.

Trainer Jens Grosse.

Der 35-Jährige war jahrelang als Leistungssportler im Rudern aktiv, erst im Bremer Landes Kader, dann ein knappes Jahrzehnt in der Ruderbundesliga. Nun trainiert er die Studierenden und macht laut eigenen Angaben „nur noch 4-6 mal die Woche Sport je nachdem was ich schaffe“. Was ihn dazu bewogen hat, frage ich ihn. „Um auf hohem Niveau wirklich erfolgreich zu sein, da muss man schon acht bis neun Mal pro Woche trainieren – das schaffe ich neben dem Beruf zeitlich gar nicht.“ Also kümmert er sich nun um den Nachwuchs, ist aber als Universitätsmitarbeiter noch ab und zu im Uni-Team bei Wettkämpfen dabei.

Rudersport wird bei 1882 auf hohem Niveau betrieben: Die Jüngeren trainieren in Bremen, ältere Kadersportler hingegen in Stützpunkten anderer Städte. Das Angebot für Studierende ist eine Kooperation des Vereins und der Hochschulen in Bremen.
„Zusammen mit mein Trainerkollegen Melanie Kanz und Bolko Maass bieten wir in der Regel fünf Mal pro Woche Training an: Dreimal Rudertraining auf dem Wasser oder an der Maschine, einmal Rumpf im Zirkel­training und Kraft, wie zum Beispiel Kreuzheben. Gerudert wird meist auf dem Werdersee, da der Schiffsverkehr auf der Weser zu hohe Wellen schlägt. Der fürs Rudern frei gegebene Bereich liegt zwischen dem Wehr am Teerhof und der Erdbeerbrücke. Darüber hinaus gibt es Reviere in Vegesack an der Lesum, und in Bremerhaven an der Geeste.

Als wir uns auf meine Premiere im Zweier vorbereiten, ziehen dicke Wolken auf und die ersten Tropfen befeuchten den Holzsteg. „Solange es kein Gewitter gibt, können wir aufs Wasser“, sagt ­Grosse und nickt in Richtung Boot. Es geht los.

Das Einsteigen

Einer der schwierigsten Parts des Selbstversuchs: das Einsteigen.

Bevor es ins Boot geht: Schuhe ausziehen! Denn das Boot hat fest installierte Paare an Bord, die an den Stemmbrettern befestigt sind. Der linke Fuß steht auf dem kleinen Steg vor dem Rollsitz, die ­linke Hand hält beide Riemen, die rechte findet Halt am Metallaus­leger. Nun noch den rechten Fuß ins Boot. Ab jetzt habe ich keinen ­Kontakt mehr zum Land, manövriere den Fuß direkt in den Schuh – sogar den passenden. Und drin bin ich, eingebootet. Puh – die erste Hürde liegt hinter mir. Es bleibt noch Zeit die Klettverschlüsse der Schuhe zu schließen, schon folgt Jens und nimmt hinter mir Platz. Dann werden wir vom Steg weg gestoßen.

Erste Versuche im Doppelzweier

Als erstes erklärt mir Jens die sichere Position: Die Beine durchgedrückt, die Griffe am Körper,beide Blätter liegen auf der Wasseroberfläche, so kann nichts passieren. Diese Worte beruhigen mich nach dem aufregenden Einstieg ins Boot. Dann üben wir den ­Bewegungsablauf: Die Ruder knapp über der Oberfläche nach vorne bringen, während ich die Beine anwinkele und so meinen Körper dank des beweglichen Sitzes ins Heck rolle.
Mein Problem: Zwei unterschiedliche Extremitätenpaare, die verschiedene Dinge in entgegengesetzter Richtung tun sollen, plus zwei Ruder, die ebenfalls akkurater Handhabung bedürfen. In meinem Kopf verknoten sich Anweisungen, mein ideales Ich und motorische Realität. Jens´ Kommentar: „Üblicherweise geht es für blutige Anfänger erst nach zwei oder drei Trainingseinheiten im Ruderbecken raus aufs Wasser.“ Meine Interpretation dieser Worte: Ich stelle mich während der ersten Schläge angemessen blöd an. Der Versuch, die Arme lang zu lassen, die Knie nicht im Weg zu ­haben, die Blätter nicht zu tief einzutauchen und die Kraft aus den Beinen zu holen statt aus den Armen verlangt mein Höchstmaß an Konzentration – gelingen will das komplexe Zusammenspiel ­jedoch kaum. Immerhin kommen wir voran, vom Steg sind wir schon fast an der blauen Fußgängerbrücke angekommen.

Das Wendemanöver

Zugegeben: Ein Gefühl der Erleichterung stellt sich, ein als Jens ­eröffnet, dass wir an der Brücke kehrt machen. Ich darf manövrieren. Die Ruder müssen dazu ebenfalls in komplizierter Manier und vielfach in entgegengesetzte Richtungen gedreht und im Wasser bewegt werden. Erneut richte ich meine volle Konzentration auf die Abfolge von Arm- und Beinbewegung . Einige Verwirbelungen des Weserwassers später ist die Wende tatsächlich gelungen und wir gleiten zurück an den Steg. Das Anlegen übernimmt Jens.
Die letzte zu nehmende Hürde: aussteigen, ohne ins Wasser zu fallen – geschafft! Das Herz schlägt mir vor Aufregung noch ­immer bis zum Hals. Doch zur Überforderung gesellt sich langsam ein Hauch von Stolz ob der einigermaßen trockenen Füße und die ­Erleichterung, wieder Land unter den selbigen zu haben.

Zum Hintergrund

Foto: FR

Der Rudersport fand in den 1830er Jahren seinen Weg aus England nach Deutschland war zu dieser Zeit eine akademisch und großbürgerlich geprägte Sportart. Auch in Bremen wuchs das Interesse: Im Jahr 1882 fanden sich 19 junge Männer zusammen, um den Bremer Ruderverein von 1882 e. V. (BRV v. 1882) zu gründen. Es dauerte nur kurze Zeit, bis sich der junge Verein in der „feinen“ Bremer Gesellschaft an oberster Stelle etablierte.
Wer etwas auf sich gab, war Mitglied im BRV v. 1882. Die damaligen Mitgliederlisten lasen sich wie ein Who is Who der bremischen Wirtschaft und Politik der damaligen Zeit. Die umfangreiche Unterstützung des Leistungssports führte zu raschem Wachstum des Vereins sowie zu baldigen sportlichen Erfolgen. Willy Klebahn (rechts im Bild) gewann die erste Deutsche Meisterschaft im Einer 1896 und verteidigte diesen Titel im Folgejahr. Bis heute erinnert sein Bild im Eingangsbereichs des Vereinshauses an der Werderstraße an den Sportler. Heute präsentiert sich der BRV v. 1882 als ein moderner Sportverein mit über 400 aktiven und unterstützenden Mitgliedern. Ein Fundament in der Nachwuchsarbeit bildet die Kooperation mit der Oberschule am Leibnizplatz.