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Im Dienste der Schönheit

Dr. med. Bünyamin Özgören über Potenziale, Risiken und Grenzen von Beauty-Eingriffen

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Dr. med. Bünyamin Özgören. Foto: Marco Meister

„Was ist Schönheit, Dr. Bünyamin Özgören?“ Es scheint beinahe etwas ironisch, dem Mediziner mit dem Beinamen „Dr. Spritze“ diese Frage zu stellen. Doch seine Antwort ist vielmehr wissenschaftlicher statt philosophischer Natur.

„Die Attraktivitätsforschung belegt, dass Schönheit nicht rein subjektiv ist, sondern es durchaus objektive Kriterien gibt, die interkulturell gültig sind“, erklärt er. Dazu gehöre beispielsweise Durchschnittlichkeit. „Menschen bilden in der Regel einen Durchschnitt aus allen Gesichtern, die sie jemals gesehen haben und definieren so ihr Ideal“, so Özgören. Reife und Gesundheitszeichen gelte ebenso als attraktiv – so habe es die Biologie aus Fortpflanzungsgründen vorgesehen. Gemäß dem altbekannten Sprichwort „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, sei jedoch auch subjektives Empfinden nicht zu unterschätzen.

Das Zusammenspiel von beidem ist es, das das berufliche Fundament von Bünyamin Özgören ausmacht. Der 32-jährige Bremer ist Arzt für Schönheitsbehandlungen, auch Beautydoc genannt. In seiner Privatpraxis am Sielwall empfängt er seit 2017 Patientinnen und Patienten und führt nach eigenen Angaben mehr als 3000 Unterspritzungen jährlich durch. Sein Bestreben: Maximales Erreichen durch minimale Eingriffe. „Ich arbeite minimalinvasiv, habe mich also darauf spezialisiert, Ästhetik herzustellen, ohne zu schneiden.“ Ein Vorgehen, das dem medizinischen Trend zu folgen scheint: Laut einer aktuellen Behandlungsstatistik der Vereinigung der deutschen ästhetischen-plastischen Chirurgen (VDÄPC) waren 2020 fast 60 Prozent der insgesamt 81.516 Eingriffe minimalinvasiv, also Alternativen zu ästhetischen-plastischen Operationen. „Mein Ziel ist es, Menschen wenn möglich von klassischen Operationen wegzuführen“, sagt Özgören. Gründe dafür seien die Risiken, die auf diese Weise verringert werden könnten. „Ein großes Risiko bei allen Operationen birgt die Narkose“, so der Beautydoc. Mögliche Komplikationen seien beispielsweise eine Unverträglichkeit des Narkosemittels, sowie das sogenannte Aspirieren, also unabsichtliches Einatmen von Fremdkörpern oder Flüssigkeiten aufgrund des unter Narkose fehlenden Schluckreflexes. Diese potenziellen Gefahren seien bei minimalinvasiven Eingriffen ohne Vollnarkose ausgeschlossen.

Minimalinvasiv: Die Grenzen

Zum Portfolio von Bünyamin Özgören gehören beispielsweise die Behandlung mit Hyaluron wie das Aufspritzen von Lippen, Nasenkorrekturen, sowie Gesichtskonturierungen. Zudem spritzt der Mediziner Botox zur klassischen Faltenbehandlung. Das Nervengibt kommt aber auch bei Migräne und übermäßigem Zähneknirschen, bei Hyperhidrose (vermehrtes Schwitzen) und bei einem „Gummy Smile“, einem sehr zahnfleischlastigen Lächeln zum Einsatz. Hinzu kommen die Fett-weg-Spritze als nichtoperatives Pendant zur Fettabsaugung, sowie die Brustunterspritzung als Alternative zur Operation.

Doch sind minimalinvasive Behandlungen vollkommen unbedenklich und Schönheitsoperationen grundsätzlich zu verteufeln? „Das würde ich so auf keinen Fall unterschreiben“, macht Özgören klar. „Nichtoperative Maßnahmen haben ihre Grenzen. Eine Fett-weg-Spritze bietet sich nicht bei übergewichtigen Menschen, sondern nur zur Feinjustierung an“, sagt er. „Eine Brustunterspritzung ist ungeeignet, wenn die Brust hängt oder Patientinnen eine überdurchschnittlich große Oberweite als Endergebnis wünschen.“ Zudem sei auch der Griff zur Spritze statt zum Skalpell nicht risikofrei. „Auch bei minimalinvasiven Anwendungen kann man Komplikationen, wie beispielsweise Infektionen nicht ausschließen. Aus diesem Grund ist das A und O, sich für Beautyeingriffe in professionelle und vor allem medizinische Hände zu begeben.“ Schließlich könnten vorrangig Ärzte in Notsituationen die entsprechende medizinische Unterstützung leisten.

Eine Generationsfrage

Den Umgang mit dem Thema Schönheitseingriffe empfindet
Bünyamin Özgören mittlerweile als deutlich lockerer im Vergleich zu früher. Jedoch erkenne er in seiner Arbeit generationsbedingte Unterschiede: „Ich behandle immer wieder auch ältere Frauen, die etwas beschämt in die Praxis kommen, bar bezahlen, und sich erkundigen, ob nach der Behandlung Blutergüsse oder andere Blessuren zu sehen sein werden“, erzählt er. „Auf der anderen Seite gibt es eben die Instagram-Mädels, die bereits mit der Kamera in der Hand die Praxis betreten und alles öffentlich teilen.“ Unter den Prominenten, die ebenfalls zum Patientenkreis von Özgören gehören, sei der Umgang unterschiedlich. „Einige gehen damit an die Presse und wünschen sich mediale Begleitung. Andere kommen und gehen klammheimlich.“ Generell sei das Thema jedoch deutlich gesellschaftsfähiger geworden, wie er auch an der Vielfalt seiner Patienten feststelle. „Wir sind kein abgehobener Laden“, macht der Mediziner klar. Zwar würden sich viele Menschen aus den oberen Gehaltsklassen in seinen Behandlungsräumen wiederfinden, zugleich gebe es aber auch Studenten, die sich einen Eingriff zusammengespart haben. „Diese Heterogenität ist mir sehr wichtig und bereitet mir viel Freude“, sagt der Beautydoc. Zudem hat er im Laufe seiner Tätigkeit eine weitere Beobachtung machen können: „Tatsächlich kommen viele Menschen zu mir, die ohnehin von Außenstehenden als überdurchschnittlich attraktiv bezeichnet werden. Ich denke, das hat vor allem damit zu tun, dass sie sich viel mit ihrem Aussehen beschäftigen und dadurch natürlich sensibler auf Kleinigkeiten reagieren, die sie stören.“

Erfolgsmodell Instagram?

Viele seiner Patienten kennen den 32-Jährigen über
Social-Media-Plattformen. Auf Instagram verzeichnet der Bremer Beautydoc beispielsweise rund 45.000 Abonnenten, auf TikTok folgen ihm etwa 133.000 Menschen. Dass Plattformen wie Instagram, auf denen perfekte Körper, glatte Haut und symmetrische Gesichter allgegenwärtig sind, seiner Branche Zulauf bieten, steht wohl außer Frage. Doch basieren Erfolg und Umsatz von Beautydocs wie Bünyamin Özgören gar auf Verunsicherung und Selbstoptimierungswahn, für deren Entstehung soziale Medien immer wieder kritisiert werden? Der Bremer Mediziner sieht das differenzierter. „Ich denke, der Wunsch nach Schönheit und Ästhetik steckt grundsätzlich in uns.“ Es sei natürlich, „dass wir uns mit anderen Menschen vergleichen, durch Soziale Netzwerke ist die Zahl der Vergleichsmöglichkeiten natürlich riesig, hinzu kommen Filter, Photoshop und andere Hilfsmittel, die einen gewissen Druck verursachen.“ Letztendlich liege es an jedem einzelnen volljährigen Patienten zu entscheiden, ob und wie man sich dem entziehen kann. Der Experte fasst zusammen: „Ich vertrete die Ansicht, dass man lediglich Dinge behandeln sollte, die einen persönlich stören – was andere denken, ist eigentlich irrelevant.“