Start Bremen „Ich wollte Auslandskorrespondent werden“

„Ich wollte Auslandskorrespondent werden“

„Was macht eigentlich …?“: Ludwig Evertz geht nach 36 Jahren als Sportmoderator in den Ruhestand

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Foto: FR

Irgendwie gehörte Ludwig Evertz bei Radio Bremen gefühlt schon zum Inventar. 36 Jahre war er für den Sender tätig, 28 davon als Sportchef. Er moderierte den Sportblitz, war bei Fußballweltmeisterschaften und Olympischen Spielen für die ARD unterwegs und interviewte dabei auch Prominenz wie Helmut Kohl und Mario Adorf. Am 5. Februar moderierte Evertz zum letzten Mal den „Sportblitz“, der ohne ihn gar nicht denkbar wäre. Und das, obwohl der heute 65-Jährige eigentlich nie das Ziel hatte, Sportreporter zu werden. Wie es trotzdem dazu kam und wie es demnächst weitergeht, verriet er im Videogespräch mit dem STADTMAGAZIN.

Sie moderierten Anfang Februar letztmals den „Sportblitz“. Wie geht es Ihnen?
Es fühlt sich noch nicht so an, wie das, wovor ich so viel Angst habe: das Rentnerdasein. Derzeit habe ich noch jede Menge aufzuarbeiten. Eigentlich klingelt fast permanent das Telefon, fast immer lautet die Frage: Wie geht es dir jetzt als Rentner?

Sie waren 36 Jahre bei Radio Bremen. Wie sind Sie zum Sender gekommen?
Ich stamme aus Bocholt in Nordrhein-Westfalen und hatte eigentlich das Ziel, katholischer Priester zu werden. Als ich mich im Alter von 15 Jahren erstmals verliebte, merkte ich sehr schnell, dass das mit dem Priestermt doch nichts für mich war. Also orientierte ich mich um und beschloss, Journalist zu werden. Ich ging nach Berlin, studierte an der FU Politikwissenschaften und Publizistik und bewarb mich anschließend bei allen ARD-Anstalten auf ein Volontariat. Allerdings hagelte es Absagen, da ich mit inzwischen 28 Jahren schlichtweg zu alt war. Lediglich Radio Bremen bot mir ein Praktikum an.

Welches Sie dann offenbar auch angenommen haben?
Richtig. Ich war damals sehr selbstbewusst und so kam es mir zugute, dass, als ich das Praktikum 1984 absolvierte, gerade Weihnachtszeit war, viele Redakteure sich im Urlaub befanden und ich somit voll eingesetzt wurde. Ich hatte keine Ahnung, aber viel Ehrgeiz und noch mehr Selbstbewusstsein, und machte einfach, was mir aufgetragen wurde. Das fiel zu dem Zeitpunkt einem gewissen Jörg Wontorra auf, der mich dann fragte, ob ich auch Sport machen könne. Ich antwortete nur, dass ich alles machen würde. Also wurde ich zu einem Go-Kart-Rennen auf einem Supermarktparkplatz in Oldenburg geschickt. Anscheinend habe ich meine Chance genutzt, zumindest sagte „Wonti“ anschließend zu mir, dass ich bleiben könne, wenn ich wolle. Also blieb ich, und bin nicht mehr weggegangen. 1992, nach Wontorras Weggang zu Sat.1 wurde ich Sportchef – und sollte es tatsächlich für 28 Jahre bleiben.

Dabei hatten Sie zu dem Zeitpunkt mit Sport gar nicht so viel am Hut …
Das stimmt. Ich wollte Auslandskorrespondent werden, vor dem Weißen Haus in Washington stehen und von dort berichten. Ich wollte die Welt verändern. Ich bin dann einen anderen Weg gegangen. Obwohl, als 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta im Centennial Park eine Bombe hochging, war ich zufällig fast direkt vor Ort. Also habe ich von dort für die ARD berichtet. Meine Eltern zu Hause auf der Couch sollen nur gesagt haben: „Jetzt hat er es tatsächlich geschafft.“ Auch wenn es nicht das Weiße Haus war …
Anfang der 1990er Jahre wurde bei Radio Bremen der „Sportblitz“ ins Programm aufgenommen, die bis heute einzige tägliche Sportsendung der ARD-Anstalten.

Ludwig Evertz berichtete von vielen Sportgroßveranstaltungen. Er war unter anderem bei den Olympischen Spielen in Athen 2004. Foto: FR

Wie kam es zu der Idee?
Die Idee kam von Jörg Wontorra und wurde anschließend von uns gemeinsam weiterentwickelt. Sport fand bis dahin eigentlich nur bei „buten & binnen“ und auch nur am Montag statt. Natürlich hatten wir anfangs auch Angst, dass uns die Themen ausgehen, zumal die Sendung anfangs je nach Werbeaufkommen bis zu 20 Minuten dauern konnte. Wir mussten uns ganz schön was einfallen lassen, aber es hat bis heute immer geklappt. Es machte für alle Beteiligten einen gewissen Reiz aus, uns immer wieder Themen zu erarbeiten. Die gute Quote gab und gibt uns bis heute Recht.
Gibt es Momente, auf die Sie bis heute besonders gerne zurückschauen?
Tatsächlich gibt es zwei, die mir immer wieder einfallen. Zum einen waren das die Olympischen Spiele in Sydney 2000. Ich hatte den besten Job der Welt, Beachvolleyball-Reporter am Bondi Beach. Und dann gewannen Jörg Ahmann und Axel Hager auch noch die Bronzemedaille, die erste olympische Medaille für ein deutsches Team im Beachvolleyball überhaupt. Und ich durfte das kommentieren.

Und der zweite Moment?
Der war bei der Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien. Da ich ja eigentlich nicht vom Sport kam, war ich für die Geschichten Drumherum zuständig. In Rom bekam ich den Auftrag, mich mit Mario Adorf an der Piazza Navona zu treffen und mit ihm über die Bedeutung der WM für Italien zu sprechen. Herr Adorf kam in einem schneeweißen Anzug mit weißen Schuhen und einer roten Rose, ein wunderbares Bild. Wir setzten uns dann in ein Café und begannen zu reden, als ich plötzlich im Augenwinkel Otto Rehhagel entdeckte, der ungefähr in zehn Metern Entfernung an uns vorbeiging. Rehhagel, der als TV-Experte vor Ort war, erkannte mich, sah den Weltstar Mario Adorf, nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu uns an den Tisch.

Und was passierte dann?
Ich habe die beiden erst einmal einander vorgestellt. Rehhagel erklärte dann, dass auch Fußballer über ein schauspielerisches Talent verfügen würden, das sähe man an den Schwalben. Aber dass man als richtiger Schauspieler natürlich Shakespeare zitieren können müsse und so weiter. Ich habe zu dem Kameramann nur gesagt, dass er weiter draufhalten solle. Ich hatte zu dem Zeitpunkt eigentlich ein sehr angespanntes Verhältnis zum damaligen Werder-Trainer, da wir als Journalisten für ihn immer verdächtig waren. Jedenfalls habe ich ihn trotzdem in den Beitrag eingearbeitet. Abends kam Rehhagel in der Hotellobby zu mir und fragte, ob er einen Mitschnitt haben dürfe. Er sagte dann noch, wie außergewöhnlich es für ihn gewesen sei, mit einem solchen Weltstar geredet zu haben. Seit dem Tag hatte ich keine Probleme mehr mit Rehhagel.

Auch wenn Sie das nicht so gerne hören: Was planen Sie als Rentner für die Zukunft?
Ich habe tatsächlich noch einiges vor. Zum einen möchte ich jeden Morgen in einem Café mit einem Kaffee und diversen Zeitungen beginnen lassen. Und ich möchte reisen, gerne mit meinem alten VW Bus. Was mir aber besonders am Herzen liegt ist das Banjospiel. Ich habe vor eineinhalb Jahren angefangen, das Instrument zu lernen. Leider kann ich pandemiebedingt derzeit nicht ganz so viel machen. Aber ich werde alles nachholen. Und vielleicht sieht man mich dann demnächst in irgendeiner „Rentnerband“ Bluegrass spielen.