Start Bremen Aktuelles „Ich bin mein größter Kritiker“

„Ich bin mein größter Kritiker“

Dar Salim über seine Liebe zum Schauspielberuf und sein Mitwirken im Bremer „Tatort“

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Foto: Radio Bremen/ Michael Ihle

Ein international erfolgreicher Schauspieler, ein Perfektionist oder auch ein Seitenwechsler: Es gibt viele Möglichkeiten, Dar Salim zu beschreiben. Letzteres wird vor allem seiner Tätigkeit beim Bremer „Tatort“ gerecht: Verkörperte der Däne 2014 im Fall „Brüder“ noch einen skrupellosen Clanboss, mimt er mittlerweile einen Mann des Gesetzes und ist an der Seite von Luise Wolfram und Jasna Fritzi Bauer Teil des neuen Bremer Ermittler-Trios. Nach dem TV-Debüt des Teams im Mai schlüpft Dar Salim in „Und immer gewinnt die Nacht“ nun zum zweiten Mal in die Rolle von Mads Andersen. Im Interview spricht der 44-Jährige, der unter anderem bereits im Serienrenner „Game of Thrones“ zu sehen war, über Herausforderungen beim Kultformat „Tatort“, Dreharbeiten in seiner Heimatstadt und er verrät, welchen persönlichen Kampf seine Figur im neuen Film auszutragen hat.

Herr Salim, Ihr Werdegang liest sich lang und abwechslungsreich. Bevor es Sie beruflich vor die Kamera zog, waren Sie als Pilot, Koch, Fitnesstrainer und als Reiseleiter tätig. Das müssen Sie uns erklären.
Ich habe tatsächlich viel gemacht. Als Kind hatte ich immer die romantische Vorstellung, einmal Pilot zu werden. Rückblickend muss ich sagen, dass mich gar nicht der Beruf an sich, sondern der Weg dorthin gereizt hat. Ich komme keineswegs aus einer privilegierten Familie und hatte nach meiner Zeit beim Militär teilweise bis zu fünf Jobs gleichzeitig, um Geld für die Pilotenausbildung zu verdienen. Geschlafen habe ich in dieser Zeit nicht viel (lacht). 2010 habe ich dann beschlossen, meine gut bezahlte Anstellung bei Airbus hinzuschmeißen. Mir wurde damals von vielen gesagt, dass ich verrückt sei.

Und wann wurde die Schauspielerei Teil Ihres Lebens?
Ich stand schon während meiner Pilotenausbildung in kleinen Theatern auf der Bühne und habe mich unter anderem in London und Dänemark schauspielerisch ausbilden lassen. So wurde die Schauspielerei im Laufe der Zeit ein wichtigerer Bestandteil. Ich glaube, nicht viele Leute haben im Leben das Glück, ihre wahre Passion zu finden und damit auch noch Geld verdienen zu können. Was mir so gut gefällt: Schauspielerei ist eine lebenslange Ausbildung in der Frage was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Was bedeutet es, ein Vater zu sein, ein Ehemann oder ein Bruder? Und wie verändern sich diese Rollen durch Bedingungen wie Krieg oder andere schwere Situationen? Man bildet sich mit jeder Rolle historisch und kulturell weiter und lernt nie aus.

Klingt so, als hätten Sie Ihre Leidenschaft auf jeden Fall gefunden.
Ich könnte mir keinen schöneren Job vorstellen. Auch als Pilot hatte ich einen attraktiven Beruf. Ich kann mich aber noch gut daran erinnern, dass wir unter uns Kolleginnen und Kollegen damals ständig darüber gesprochen haben, was wir machen, wenn wir frei haben. Für viele Menschen ist die Arbeit einfach ein Mittel zum Zweck, um das Leben zu finanzieren, das man führen möchte. Das ist natürlich auch ein Ansatz, den ich völlig legitim finde. Mir persönlich würde das nicht reichen.

2014 schnupperten Sie in der Produktion „Brüder“ das erste Mal „Tatort“-Luft. In einem Interview sagten Sie damals, dass die deutsche Sprache die größte Herausforderung für Sie gewesen sei. Wie ist das heute?
Es ist nach wie vor eine Herausforderung, aber ein anderer Prozess – nämlich einer, der mich nicht mehr groß interessiert.

Wie meinen Sie das?
Der Text ist für mich der uninteressanteste Teil der Schauspielerei. Ich schaue ihn mir in der Regel nur zwei oder drei Mal an, und dann kenne ich ihn. Wenn er deutsch ist, muss ich ihn stattdessen vielleicht 30 Mal lesen und habe sprachlich natürlich auch nicht so die Freiheit. Trotzdem sehe ich ihn beim „Tatort“ nicht als die größte Herausforderung.

Und was ist stattdessen die größte Herausforderung?
Der ganze kreative Entstehungsprozess. Im Filmgeschäft ist es oft so, dass jemand jahrelang für die Umsetzung seiner Idee und die Finanzierung gekämpft hat. So ist es beim „Tatort“ nicht. Stattdessen steht fest: Zwei Mal im Jahr wird ein Bremer „Tatort“ gedreht, dann werden ein Autor und Regisseur gesucht, die machen ihren Job, und beim nächsten Film wiederholt sich das. Ich würde mir wünschen, dass wir die Charaktere und ihre Geschichten langfristig entwickeln und Themen aufgreifen, die in Bremen politisch, kulturell und gesellschaftlich von Interesse sind. Ich glaube, so hätten unsere Fälle ein Alleinstellungsmerkmal und wir würden ihnen einen besonderen Qualitätsstempel verpassen.

In „Neugeboren“ haben Zuschauer:innen das neue Ermittler-Trio erstmals kennenlernen dürfen. Wie war das Feedback?
Ich habe ehrlich gesagt nicht viel mitbekommen. Das, was ich gehört habe, war positiv. Allerdings muss ich sagen: Ich bin mein größter Kritiker und finde es sehr wichtig, sich kritisch und konstruktiv mit den Filmen, die man macht, auseinanderzusetzen.

Mit der Produktion „Immer gewinnt die Nacht“ folgt nun der nächste Bremer Fall. Was hat es mit dem mystischen Titel auf sich?
Wir haben mit Christian Jeltsch einen großartigen Autor. Er hat eine poetische Seite, die er versucht, in seine Geschichten einzubringen. Im neuen „Tatort“ ist es eben die Nacht als symbolische Kraft, gegen die sich der Kampf richtet, ebenso wie die Dunkelheit, die wir in uns selbst tragen. Hoffentlich stellt sich am Ende heraus, dass die Nacht nicht immer am Ende gewinnt, aber wir werden sehen (lacht).

Foto: Radio Bremen/ Michael Ihle

Vor allem Ihre Rolle wird darin mit ihrer eigenen Dunkelheit konfrontiert. Können Sie uns einen genaueren Einblick geben?
Die Zuschauerinnen und Zuschauer lernen Mads besser kennen und erfahren mehr über seine Geschichte. Er war lange Zeit im Undercovereinsatz im dänischen Untergrund und hat dort einen der größten kriminellen Clans auffliegen lassen. Der Preis, den er dafür zahlen musste, war hoch. Normaler Polizeiarbeit konnte er in Dänemark nicht mehr nachgehen, weil es zu gefährlich für ihn gewesen wäre. Im neuen Fall ist er erstmals zurück in Dänemark. Wir haben dafür übrigens auch in Kopenhagen gedreht.

Also hatten Sie Heimspiel.
Ja, das war wirklich schön. Die Zeit war sehr knapp, wir haben bis spätabends gedreht, daher konnte ich meinen Kolleginnen und Kollegen nicht viel von der Stadt zeigen. Aber ich habe das Team einmal zu mir nach Hause eingeladen und wir haben einen guten Abend miteinander verbracht.

Foto: Radio Bremen/ Michael Ihle

Info

Der neue Bremer „Tatort“ mit dem Namen „Und immer gewinnt die Nacht“ ist am Sonntag, 12. Dezember, 20.15 Uhr im Ersten zusehen und ist der zweite Fall des Ermittlertrios um Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer), Linda Selb (Luise Wolfram) und Mads Andersen (Dar Salim).