Start Bremen Was macht … „Ich bin für Hierarchien nicht geschaffen“

„Ich bin für Hierarchien nicht geschaffen“

Interview mit dem ehemaligen „buten un binnen“-Moderator Christian Berg

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"buten un binnen"-Moderator der ersten Stunde: Christian Berg

Als 1980 „buten un binnen“ erstmals im Fernsehen zu sehen war, trauten die Zuschauer zunächst ihren Augen nicht. Der provokante und fast rebellisch wirkende Stil der beiden Moderatoren Michael Geyer und Christian Berg, die täglich halbstündig über das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben der Hansestadt und des Umlandes berichteten, brachte der Sendung neben vielen Sympathien auch diverse Fernsehpreise ein. Nachdem Christian Berg zum Chefredakteur und Programmdirektor aufgestiegen war, verschwand er 2000 praktisch über Nacht aus dem öffentlichen Leben. Im Gespräch mit dem STADTMAGAZIN verrät er, warum er so gehandelt hat.

Wie geht es Ihnen zurzeit?
Christian Berg: Mir geht es gut. Ich arbeite seit 2000 in einer eigenen Firma. Genauer gesagt in einer in Hamburg und einer in Bremen. Ich habe mit viel Zufriedenheit nicht wahrgenommen, dass ich eigentlich Rentner bin. Es wäre für mich eine schreckliche Vorstellung, wenn ich mit 65 hätte aufhören müssen zu arbeiten.

Was genau machen Sie mit Ihren Firmen?
Filme. In Hamburg machen wir hauptsächlich Dokumentarfilme, Reportagen, Serien und auch die älteste Kochsendung des NDR. Letztendlich alles, was journalistisches Fernsehen ausmacht. In Bremen produzieren wir hauptsächlich Unternehmens- und Wissenschaftsfilme.

Hört sich so an, als hätten Sie Ihre Entscheidung, Radio Bremen zu verlassen, nicht bereut …
Es war definitiv eine gute Entscheidung. Ich war bei Radio Bremen später als Chefredakteur in der Hierarchie so weit oben, wie ich es nur schaffen konnte – eine schöne Herausforderung, die mir aber dann im Alltag wenig Spaß gemacht hat. Als sich dann die Möglichkeit zur Selbstständigkeit bot, habe ich sie ergriffen.

Radio Bremen hat Ihnen keinen Spaß gemacht?
Nein, das war anders gemeint. Die Stadt Bremen hat mir immer Spaß gemacht, genauso wie der Sender. Aber die Rolle als Funktionär, die ich als Chefredakteur innehatte, mit ständigen Sitzungen, ständigem Gerede sowie dem ständigem Befassen mit Themen, die mich weniger interessieren – das hat mir keinen Spaß gemacht. Ich wollte Filme machen, Themen recherchieren und auf den Schirm bringen. Als ich dann noch Programmdirektor wurde, war ich nur noch auf Sitzungen. Verstehen Sie mich nicht falsch, das muss wahrscheinlich genauso sein, aber es ist einfach nichts für mich. Ich bin für Hierarchien nicht geschaffen.

Wie war es 1980, als Sie zu „buten un binnen“ gekommen sind?
Ein Traum. Wir hatten den Auftrag, ein Programm für die Menschen in und um Bremen zu machen. Wir waren ein wilder Haufen unterschiedlichster Charaktere – im Übrigen die Grundbedingung für den Erfolg. Es hat viel Spaß gemacht und für die Region auch viel gebracht. Aber so etwas würde, glaube ich, heute gar nicht mehr gehen.

Warum nicht?
Zu der Zeit gab es nur drei Programme – die Leute konnten praktisch gar nicht an uns vorbei.

Ihr provokanter Moderationsstil prägte die Sendung. War es eine bewusste Entscheidung, so zu moderieren, oder geschah das eher zufällig?
Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Programmdirektor Hans-Werner Conrad und Chefredakteur Ulrich Kienzle haben Typen gesucht, keine Ansager. Wir wollten und sollten das Fernsehen entautorisieren. Wir wollten das Ohr und die Stimme der Bürger sein. Wir wollten kein Fernsehen für die Regierung, für die Chefetagen oder die Verbände machen. Das war unser journalistischer Anspruch und das durften wir auch so machen und ich glaube, das ist uns auch ganz gut gelungen.

So etwas war wahrscheinlich auch nur bei Radio Bremen möglich, oder?
Ich glaube schon. Radio Bremen musste schon immer sparen und so war Improvisation groß gefragt. Und es gehörte natürlich auch Mut dazu. 1990 sollte ich mit „Das“ für den NDR so etwas ähnliches wie „buten un binnen“ aufbauen. Als die merkten, was dann kam, wollten sie das plötzlich doch nicht mehr. Wahrscheinlich sind die Strukturen bei derart großen Sendern auch zu schwierig.

Gibt es einen einschneidenden Moment aus Ihrer „buten un binnen“-Zeit – positiv oder negativ – der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Es gibt unzählig viele positive Momente, ich habe meine Arbeit geliebt. Es gibt nur einen herausragenden negativen Moment: das Gladbecker Geiseldrama. Damals haben wir als Journalisten eine Grenze überschritten. Wenn ich daran heute zurückdenke, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.