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Eine Nummer eins aus Bremen

Friedel Muders von Fuego hat sein Hobby zum Beruf gemacht / Jetzt für neuen Bremen Sampler bewerben

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Friedel Muders bekam als Auszeichnungen einen Comet und einen Echo verliehen und eroberte mit Versengold die Spitze der Charts. Fotos: M. Meister

Mitten im Viertel hat ein Label seinen Standort, das zu den ältesten der Republik zählt. Bereits 1984 gründete Inhaber Friedel Muders Fuego. Mehr als 50 Bands hat er unter Vertrag. Als Manager betreut er unter anderem die bremischen Folkrocker von Versengold die im Januar mit ihrem aktuellen Album „Was Kost Die Welt“ auf Platz eins der deutschen Albumcharts durchstarteten. Es handelt sich also um eine rundum echte Bremer Nummer eins. Übrigens war Musik anfangs nur Muders Hobby. Doch dann kam alles anders.

„Ich hatte eine kaufmännische Lehre gemacht und relativ schnell gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich war. Ich wollte viel lieber etwas mit Kunst machen“, sagt Friedel Muders. Und so kam der in Damscheid im Hunsrück Geborene 1974 nach einem Studium der Visuellen Kommunikation in Mainz nach Bremen, um dort Kunst und Politik zu studieren. Für Muders tat sich eine neue Welt auf: Das Leben an der gerade neu gegründeten Universität faszinierte ihn: „Spontis und K-Gruppen waren allgegenwärtig.“ Schnell fing er an, einen Büchertisch einzurichten, weil er etwas für die Studierenden anbieten wollte. Einige der Verlage, deren Bücher er anbot, brachten auch Musik heraus. So vergrößerte sich sein Angebot und er verkaufte auch deren Platten. Mit der Zeit wurden die Verlage zunehmend auf ihn aufmerksam und fragten schließlich, ob er auch Konzerte für deren Künstler organisieren könne. Ab dem Zeitpunkt organisierte Muders seine ersten Konzerte, zunächst in der Uni-Mensa, später auch im Aladin und anderen Locations. Eine Band, für die er damals Konzerte organisierte, war Missus Beastly, eine Gruppe aus dem Jazzrock-Underground. Die Band wollte mit ein paar anderen frei von den großen Plattenfirmen als Kollektiv ein eigenes Label gründen und suchte jemand, der sie mit Plattenverkäufen vor Ort unterstützte. Kurze Zeit später zog Muders kreuz und quer durch Norddeutschland, über Bremen nach Oldenburg und Wilhelmshaven und stellte in den Plattenläden Kartons des neu gegründeten Labels Schneeball Records auf. Neben Missus Beastly gehörten Embryo, Sparifankal, Julius Schlittenheim sowie niemand Geringeres als Ton Steine Scherben zu Schneeball.
Der Erfolg des unabhängigen Labels kam schnell – und damit stiegen auch die Anforderungen. Gemeinsam mit Scherben-Manager Nikel Pallat organisierte Muders in der Grünenstraße kurzerhand für Schneeball den bundesweiten Vertrieb. „In ganz Deutschland hatten wir Studenten, die für uns in die Läden gegangen sind und unsere Platten dort auf Kommissionsbasis anboten und sich damit ihr Bafög aufbesserten.“ Muders organisierte alles und machte die Abrechnungen, kam so allerdings gar nicht mehr dazu, als Grafiker zu arbeiten. Stattdessen hatte er sein Hobby zu seinem Beruf gemacht.

Punkexplosion

„Und dann kam Ende der 70er-Jahre die Punkexplosion. Plötzlich hagelte es Anfragen, ob wir auch deren Vertrieb übernehmen könnten.“ Da Schneeball aber als Kollektiv organisiert war, musste sich jede neue Band diesem erst einmal vorstellen, um aufgenommen zu werden. Jazzrocker trafen auf die „Do-it-yourself“-Punkszene, was durchaus auch zu Problemen führte. „Ich hätte den Punks gerne mehr geholfen, das wäre aber nur mit mehr Kompetenzen gegangen. Das wiederum passte aber mit dem Kollektivgedanken nicht zusammen“, erklärt Muders. Also trennte man sich. Muders beschloss endlich als Grafiker zu arbeiten, bis er von Studenten aus dem Ruhrgebiet erfuhr, die Platten aus England importierten: Diese verkauften sich in Deutschland sogar besser als in Großbritannien. Da er sich in der Szene mittlerweile einen Namen gemacht hatte, wurde er gefragt, ob er nicht dafür sorgen könne, dass man die Alben direkt in Deutschland pressen lasse. Muders ließ sich nicht lange bitten. Und so produzierte man die Alben des Indielabel Rough Trade von da an direkt in Deutschland. Muders war fortan für die grafische Bearbeitung der englischen Cover und die Pressung der Alben von Bands wie New Order, The Fall oder The Smiths in Deutschland zuständig. Das Label boomte, doch als Rough Trade Deutschland einige Jahre später vor der Pleite stand, entschied sich Muders kurzerhand selbst ein Label zu gründen. Sein Freund Uli Balss hatte eine polnische Rockband für einige Auftritte in Deutschland verpflichtet. Nur brachte er unter seinem Label Jaro zu der Zeit hauptsächlich Jazz heraus. Man entschloss sich zur Zusammenarbeit und 1984 gründete Friedel Muders das Label Fuego. „Totalski No Problemski“ von Maanam war das erste Album, das bei Fuego erschien.

M. Walking On The Water

Schnell kamen weitere Bands wie die Romeos, Commando und Marie & The Wildwood Flowers aus Schweden sowie die holländische Band La Danza Moderna hinzu. Im Jahr 1988 erreichte ihn eine Anfrage aus Krefeld, die praktisch über Nacht den Status des Labels verändern sollte: Die beiden Musiker Markus Maria Jansen und Mike Pelzer wollten ihre erste Platte bei Fuego herausbringen. Eigentlich fand Muders, das bis dahin Gehörte der Band ein wenig zu schrammelig, dachte sich aber: „Was soll’s, versuchen wir es“ – und nahm die Band unter Vertrag. Eine gute Entscheidung: Mehr als 60.000 Alben von M. Walking on The Waters selbst betitelten Erstling gingen über die Ladentische und Fuego war im deutschen Labelmarkt etabliert. Schließlich fanden immer mehr Bands, vor allem aus der Indieszene, den Weg nach Bremen. Nebenbei begann der damals 35-Jährige auch endlich damit, seinen Job als Grafikdesigner auszuüben und wurde zu einem der bekanntesten deutschen Gestalter für CD-Artwork, DVDs und Webseiten der deutschen Musik- und Rockszene. Seine Coverart findet man auf zahlreichen Alben verschiedener Musiker. Dazu gehören unter anderem Guano Apes, H-Blockx, HIM, Oomph!, Rocko Schamoni, Dissidenten, Die Happy, Pili Pili, Abstürzende Brieftauben, Throw That Beat in the Garbagecan, Joan Armatrading, Rick Vito, Donots, Midge Ure, Die Goldenen Zitronen und Heather Nova. Im Jahr 2000 erhielt er zudem für die Gestaltung und Betreuung der Künstler-Webseiten der Gruppe Guano Apes den deutschen Musikpreis „Echo“ und den vom Musiksender VIVA verliehenen „Comet“.

Online-Only-Label

Nachdem in der Musikindustrie um die Jahrtausenwende durch Tauschbörsen und Raubkopien die Umsätze einbrachen, beschloss Muders umzudenken. „Es lohnte sich für mich einfach nicht mehr CDs oder Vinyle zu produzieren. Die Gesamte Musikindustrie litt zur Jahrtausendwende sehr unter der Schwemme von Raubkopien, zahllose Mitarbeiter wurden entlassen und ich hatte plötzlich gar keine Kontakte mehr. Also entschied ich mich auf Streaming zu setzen und hatte zwei sehr harte Jahre, da Streaming in Deutschland einfach noch nicht so bekannt war und es die entsprechenden Plattformen dafür noch nicht gab.“ 2004 strukturierte Friedel Muders seine Musikveröffentlichungen auf Fuego dann endgültig in ein reines „Online-Only-Label“ um und bietet seither über den Digitalvertrieb Zebralution ein breites Spektrum an aktuellen Indie-Bands wie auch Neuauflagen der deutschen Musikszene an. Zudem veröffentlicht Fuego seit 2010 in einer speziellen Edition E-Books mit vergriffenen Büchern und Neuveröffentlichungen junger Autoren – schwerpunktmäßig unter dem breiten Begriff „Popkultur“. Mittlerweile stehen mehr als 25.000 Streams bei fuego.de zum Download bereit. „Mir war es immer wichtig, auch unbekannten Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform bieten zu können. Das ist jetzt in dieser Form sehr einfach möglich“, so der 68-Jährige. „Außerdem finde ich es toll, wenn zum Beispiel jemand in Neuseeland über einen Streamingdienst eine Band aus Bremen entdeckt.“ Dieses Engagement für lokale, aber auch überregionale Künstler hat sich herumgesprochen. Und so kam es 2014 dazu, dass plötzlich die Band Versengold bei Muders vor der Tür stand. „Die Jungs hatten schon einige Platten herausgebracht, kamen aber nicht so recht weiter und wussten auch nicht, wie viele Exemplare sie von ihrem jeweiligen Werk verkauft hatten. Man hatte ihnen diese Zahlen nie genannt. Also baten sie mich um Hilfe.“ Schnell einigte man sich, Versengold kamen zu Fuego und das 2015er-Album „Zeitlos“ erreichte auf Anhieb Platz 20 der deutschen Charts. Zwar wechselte die Band anschließend zu Sony, Friedel Muders zeichnet aber weiterhin als Manager für die Bremer Folkrock-Combo verantwortlich. Mit Erfolg: Im Januar dieses Jahres erklomm das aktuelle Album „Was Kost Die Welt“ Platz eins der Charts. Ein riesiger Erfolg für die Band sowie Muders gleichermaßen.
Derzeit kann sich der Labelmacher noch nicht vorstellen, mit der Arbeit aufzuhören. Für ihn ist das auch keine Arbeit, sondern vielmehr sein Hobby, das er zum Beruf machen konnte. Dennoch denkt Muders daran, was aus seinem Label einmal werden könnte, wenn er nicht mehr weitermachen möchte oder kann. „Wahrscheinlich lasse ich es dann in eine Stiftung übergehen, damit nicht das Kommerzielle im Vordergrund steht und möglichst viele Bands eine Möglichkeit haben, über Fuego gehört zu werden.“

Bremen-Sampler

Zusammen mit dem STADTMAGAZIN und „Made in Bremen“ will Fuego einen Sampler mit der Bremer Musik der vergangenen zwei Jahre herausbringen. „Wir wollen etwas für die Bands aus Bremen und der Umgebung tun, die während der Pandemie fast keine Auftrittsmöglichkeiten hatten. Zudem wollen wir zeigen, wie vielfältig die Bremer Musikszene ist“, so Muders. Daher sind alle, die in der Zeit zwischen März 2020 und März 2022 Musik veröffentlicht haben und Lust haben, auf einem Bremen-Sampler dabei zu sein, aufgerufen, ihre Songs sowie eine kurze Biografie an virusvibes@fuego.de zu schicken. Der Sampler ist ein Benefiz-Projekt: Alle Erlöse kommen musikalischen Projekten zugute. Einsendeschluss ist der 10. April. Unterstützt wird das Vorhaben von der Senatorin für Wirtschaft, Radio Bremen sowie dem WESER-KURIER.

Ein Beitrag von Martin Märtens.

Weitere Infos unter www.fuego.de.

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