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Eine eigene Welt

Typisch bremisch: Das Schnoorviertel als Bremens ältestes Quartier

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Foto: JF

Zwölf Treppenstufen – nicht mehr und nicht weniger Schritte sind es, die einen Übergang vom hektischen Innenstadtleben in den malerischen und nahezu magischen Schnoor ermöglichen. Je mehr man der Domsheide den Rücken kehrt und die Straße „Am Landherrnamt“ passiert, desto leiser werden nicht nur die Klänge von Straßenbahnen und Autos. Mit jedem Meter durch verwinkelte Gassen und über kopfsteingepflasterte Wege verdeutlicht sich der Eindruck: Hier im Schnoor betreten Bremerinnen und Bremer sowie Touristen eine ganz besondere und eigene Welt.

Das Schnoorviertel ist das älteste Quartier der Stadt. Erstmals im 13. Jahrhundert schriftlich erwähnt, ist es vor allem hinsichtlich seiner Architektur ein echter Publikumsmagnet. Rund 100 kleine und noch kleinere Häuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert reihen sich wie Perlen auf einer Schnur dicht nebeneinander (op Platt: Schnoor) und sorgen für eine besondere Kulisse. Kunst und Kulinarik, Kultur und Kuriositäten: Im Schnoor treffen langjährige Traditionsbetriebe auf umtriebigen Nachwuchs und junges Unternehmertum. „Das Traditionsquartier bietet genug Raum, um außergewöhnliche und originelle Läden und Restaurants abseits der großen Einkaufsstraßen zu erleben“, sagt Carolin Reuther, Geschäftsführerin der CityInitiative Bremen. Der florierende Standort sei nicht nur ein Highlight für Touristinnen und Touristen. „Auch Bremerinnen und Bremer sollten sich dieses einzigartige Quartier öfter zum Ziel nehmen“, regt sie an.

Zwei Teilnehmende des Geschichtenhauses schlüpfen in die Rollen eines Nachtwächters (links) und eines Böttchers. Foto: JF

Durch die Jahrhunderte im Bremer Geschichtenhaus

Ein Ort, an dem das bereits gut funktioniert, ist das Geschichtenhaus. Seit 2006 ist das innovative Ausstellungsprojekt in der historischen Kulisse des St. Jakobus-Packhauses beheimatet. „Tatsächlich sind es vorrangig Bremerinnen und Bremer, die uns besuchen“, sagt Jens Folkerts vom Bremer Geschichtenhaus. Vor allem Schulklassen seien eine elementare Zielgruppe. „Das Museum ist Teil des Beschäftigungsträgers bras“, erklärt Folkerts. Die Idee: Die Teilnehmenden, darunter vor allem Langzeitarbeitslose, vermitteln Bremer Stadtgeschichte, indem sie sogenannte Bremer Originale verkörpern und Besuchende in der Rolle einer Gesche Gottfried, Fisch-Lucy oder eines Heini Holtebeens auf eine Reise von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis in das frühe 20. Jahrhundert der Hansestadt entführen. „Uns ist es wichtig, Geschichte von unten zu erzählen“, betont Folkerts. Neben dem darstellerischen Engagement hätten Beschäftigte auch die Option, im Serviceteam, an der Kasse oder für Werbemaßnahmen tätig zu werden. „Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig.“

Theaterintendant Knut Schakinnis. Foto: FR

Seit zehn Jahren vor Ort: Die Komödie Bremen

Die Vielfalt ist es auch, die Knut Schakinnis am Schnoorviertel so schätzt. Der Intendant der Komödie Bremen hat mit dem Theater in der Wüstestätte 11 seit mittlerweile rund zehn Jahren einen kulturellen Arbeitsplatz im pittoresken Quartier. In dem ehemaligen Packhaus, das 1973 als Bremer Kulturdenkmal unter Schutz gestellt wurde, erleben Besucherinnen und Besucher Kabarett, Theater und Musik mit norddeutschem Charakter. „Wir arbeiten im schönsten Viertel der Welt“, findet Schakinnis. Obwohl der 66-Jährige im Laufe seiner langjährigen Theaterschauspielkarriere bereits zahlreiche Städte und Bühnen erleben durfte, betont er: „So einen schönen Ort wie hier habe ich noch nirgendwo kennenlernen dürfen.“ Was den Schnoor für ihn besonders auszeichne, sei das stimmige Konzept: Tagsüber bummeln, abends ein Restaurantbesuch und anschließend ins Theater. „Für unser Publikum ist das Viertel einfach eine runde Sache.“ Auch die Nachbarschaft empfindet er als große Bereicherung. „Wir sind durch Corona definitiv näher zusammengerückt“, sagt er. „Im Sommer sitzen wir oft im kleinen Hof des Teestübchens und tauschen uns aus.“

Gastronomin Tanja Nadolny vom Teestübchen. Foto: JF

„Tea Time“ Teestübchen

„Herzlich und alles andere als anonym“, lauten die Worte, mit denen Tanja Nadolny den Zusammenhalt im Schnoor beschreibt und sich den Worten von Nachbar Schakinnis anschließt. In einem vierstöckigen Giebelhaus in direkter Nähe zur Eventlocation „SCHNOOR eleven“ führt die Gastronomin seit Juli 2021 die administrativen und kulinarischen Geschäfte des Teestübchens. Mit dem Schritt in die Selbstständigkeit hat es sich die junge Frau nicht nehmen lassen, neue und individuelle Akzente im bekannten Restaurant zu setzen. Wo einst ein Teppichboden lag, bildet nun Holz die räumliche Basis, zudem sorgen Pastellfarben für ein frisches Ambiente. Besonders stolz ist Nadolny auf die neu eingeführte „Afternoon Tea Time“. Dazu gibt es selbst gemachte Scones sowie typisch britische Sandwiches. Wer Lust auf Deftiges hat, profitiert zudem vom wöchentlich wechselnden Mittagstisch sowie vom erweiterten Frühstücksangebot – und das an sieben Tagen der Woche.

Olaf Nehlsen vom Fachgeschäft „Weihnachtszauber“. Foto: JF

„Weihnachtsträume“ :Verrücktheit als Teil des Erfolges

Geöffnete Türen an 365 Tagen im Jahr: Das ist auch das Aushängeschild eines besonderen Ladens in der Materburg 45. Das Fachgeschäft Weihnachtsträume bietet Kundinnen und Kunden zu jeder Jahreszeit eine umfangreiche Produktvielfalt an weihnachtlicher Dekoration. Was bei 30 Grad und Sonnenschein skurril erscheinen mag, ist laut Geschäftsführer Olaf Nehlsen Bestandteil des Konzeptes: „Verrücktheit ist Teil des Erfolges“, macht er klar. Vor allem Christbaumkugeln, oft mundgeblasen und handbemalt, sind beispielhaft für das Angebot, das sich ab Oktober auch über eine zweite Etage erstreckt. „Wir bieten Artikel fernab der Massenware“, so der Inhaber. Der Tourismus spielt für den Unternehmer eine wichtige Rolle. „Rund 80 Prozent unserer Kunden sind Touristen, die auf der Suche nach einem Andenken sind“, sagt er. Für die Zukunft des Schnoors würde sich Nehlsen wünschen, dass auch Bremerinnen und Bremer das Quartier „mehr auf dem Schirm haben.“ Er gesteht schmunzelnd: „Bis in meine Mittvierziger war ich selbst vielleicht zwei Mal im Schnoor unterwegs. Das ist angesichts dieses besonderen Viertels einfach schade.“

Das Miniaturhaus Hinter der Balge 9. Foto: JF

Youtuber baut Miniaturhaus um

Ebenfalls alles andere als ein regelmäßiger Schnoorbesucher war auch Youtuber Fynn Kliemann noch vor einigen Jahren. Ein feucht-fröhlicher Partyabend sollte das ändern, wie er erzählt: „Ich hatte leicht einen sitzen, als ich das erste Mal zufällig durch den Schnoor gelaufen bin. Ich dachte mir: Wie geil ist das denn? Eine Stadt in der Stadt!“ Ein sieben Quadratmeter großer Beweis dieser bis heute andauernden Begeisterung befindet sich Hinter der Balge 9: Anfang 2021 erwarb der passionierte Heim-Handwerker das nachweislich kleinste Haus Deutschlands und baut es aktuell zu einem Ferienhaus um. „Ein Schlaf- und Wohnbereich, eine kleine Kaffeeküche, ein Whirlpool sowie eine Dachterrasse: Die Vorhaben sind angesichts der limitierten drei Quadratmeter Wohnfläche groß. „Das Haus wird alles haben, was eine normale Bude auch hat“, sagt Kliemann, „nur eben faltbar.“ Das Objekt werde nach Fertigstellung eine „Origami-Wundertüte“. Bereits Mitte des Jahres sollen die ersten Übernachtungsgäste einziehen können. Kliemann verspricht: „Wir geben Gas!“