Ein Jahr eingefroren

    Die größte Arktis-Expedition aller Zeiten startet am 20. September am Bremerhavener Alfred-Wegner-Institut

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    Foto: Stefan Hendricks

    Es wird die größte Arktis-Expedition aller Zeiten: Ab Herbst driftet der deutsche Forschungseisbrecher „Polarstern“ durch das Nordpolarmeer. Auf der Expedition mit dem Namen MOSAiC (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate)erforschen Wissenschaftler aus 19 Nationen die Arktis im Jahresverlauf. Sie überwintern in einer Region, die in der Polarnacht nahezu unerreichbar ist. Allein die Naturgewalt der Eisdrift bietet ihnen diese einmalige Chance. Auf einer Eisscholle schlagen sie ihr Forschungscamp auf und verbinden es mit einem kilometerlangen Netz von Mess­stationen.

    Mit an Bord ist dann auch Dr. Thomas Krumpen. Der 40-Jährige lebt seit zehn Jahren in Bremen und leitet eine Kampagne auf einem russischen Eisbrecher, der gemeinsam mit der „Polarstern“ Richtung Startpunkt des Experiments aufbricht. Dieser Eisbrecher soll ein Netzwerk von Forschungsbojen um das Schiff herum ausbringen. „Meine Aufgabe auf dem russischen Schiff besteht darin, das Gesamtgefüge zu sehen, den Überblick zu behalten und an bestimmten Stellen die Informationen zusammenzutragen. Es geht dabei darum, ein Forum zu bieten und alle ­Beteiligten auf einen Stand zu bringen. Darüber hinaus geht es darum, die Planungen für den kommenden Tag zu managen und dabei Prioritäten zu setzen“, so der Polarforscher vom Alfred-Wegener-Institut.

    Vor 125 Jahren brach der Norweger Fridtjof Nansen mit seinem Segelschiff „Fram“ zur ersten Drift-Expedition dieser Art auf. Doch ein Vorhaben wie das jetzt geplante hat es noch nie gegeben: ­MOSAiC bringt erstmals einen modernen Forschungseisbrecher beladen mit wissenschaftlichen Instrumenten im Winter in die Nähe des Nordpols. Vier weitere Eisbrecher werden zur logistischen Unterstützung eingesetzt. Für Versorgungsflüge und zwei Forschungsflugzeuge wird eigens eine Landebahn eingerichtet. Darüber hinaus kommen Helikopter, Raupenfahrzeuge und Schneemobile zum Einsatz. Diese aufwändige Polarmission ist nötig, um in der im Winter nahezu unerreichbaren Region dringend benötigte Daten für die Klimaforschung zu erheben. Diese erlauben der Menschheit neue Einblicke in die Austauschprozesse zwischen Ozean, Eis und Atmosphäre. Der Einfluss der arktischen Regionen auf das Klima ist gewaltig und wird derzeit unzureichend verstanden. „Die Erkenntnisse, die aus der MOSAiC-Expedition resultieren, werden unser Wissen über die Arktis auf ein neues Niveau heben. Wir brauchen diese Daten dringend, um die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels genauer zu verstehen und unsere Prognosen zu verbessern“, sagt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek. Deutschland habe mit dem Alfred-Wegener-Institut ein weltweit führendes Zentrum der Polarforschung mit langjährigen, internationalen Kontakten. „Dem AWI ist es gelungen, führende Arktisforschungseinrichtungen der Welt zu diesem einmaligen Vorhaben zusammenzubringen“, so die Ministerin weiter.

    Thomas Krumpen. Foto: Alfred-Wegner-Institut

    Thomas Krumpen ist gleich drei Mal zu verschiedenen Zeiten vor Ort. Von September bis Ende Oktober auf dem russischen Eisbrecher, von April bis Ende Juni 2020 auf der „Polarstern“. Den gesamten August 2020 über wird er mit dem Flugzeug von Grönland aus Messungen rund um das Forschungsschiff ausführen. „Die Änderungen in der Arktis entstehen derzeit schneller, als es prognostiziert war. Deshalb sind Beobachtungen wichtig, um Prozesse, die unzureichend wiedergegeben werden, besser in Modellen berücksichtigen zu können und so genauere Aussagen für die Zukunft formulieren zu können“, so der Forscher.Bei der MOSAiC-Expedition bestimmt allein die Naturgewalt des driftenden Meereises die Route, auf der das Forschungsschiff Polarstern jenseits des Polarkreises unterwegs ist. Eisbrecher aus Russland, China und Schweden laufen die Scholle an, um die Expedition mit Treibstoff zu versorgen und Personal auszutauschen. „Ein solches Vorhaben gelingt nur durch internationale Zusammenarbeit“, erläutert Professorin Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts.

    Foto: Marcel Nicolaus

    Neben der Polarstern entsteht auf der mindestens anderthalb Meter dicken Eisscholle ein Netzwerk verschiedener Forschungscamps. Dort richten die Teams Messstellen ein, um Ozean, Eis und Atmosphäre sowie das arktische Leben im Winter zu erforschen. „Was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis. Die Klimaentwicklung in unseren Breiten hängt entscheidend vom Geschehen in der Wetterküche der Arktis ab. Wir müssen jetzt hinsehen und die Wechselwirkung zwischen Atmosphäre, Eis und Ozean dort erforschen“, sagt Expeditionsleiter und Koordinator des MOSAiC-Projekts Professor Markus Rex, Leiter der Atmosphärenforschung am Alfred-Wegener-Institut. „Die arktische Polarnacht spielt eine Schlüsselrolle für die Anpassung des Lebens, wir erwarten also auch für die Biologie ganz neue Erkenntnisse“, ordnet Boetius das Großprojekt ein. Die Expedition hat folgende Forschungsschwerpunkte: die Physik des Meereises und der Schneeauflage, die ­Prozesse in der Atmosphäre sowie im Ozean, die biogeochemischen Kreisläufe und das Ökosystem der Arktis.

    Doch was passiert mit den gewonnenen Daten? Krumpen: „Ein Teil der Daten, zum Beispiel die gemessenen Temperaturen sowie die Eisdicke, wird sofort für die Öffentlichkeit einsehbar sein. Mit den kompletten Auswertungen werden wir die kommenden Jahre beschäftigt sein.“