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Ein ganz besonderer Moment

Die Bremer Fotografin Esther Horvath wurde mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet

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Das Siegerfoto: Eine Eisbärenmutter und ihr Junges erkunden die Forschungsstation. Foto: Esther Horvath

Der World Press Photo Award gilt als die höchste Auszeichnung für Fotografen – in etwa vergleichbar mit dem Oscar für Schauspieler. Am 16. April wurde Esther Horvath für ihr Foto, das eine Eisbärin und ihr Jungtier beim neugierigen Erkunden des MOSAiC-Forschungscamps im Scheinwerferlicht der Polarstern zeigt, mit dem Preis in der Kategorie Umwelt ausgezeichnet. Im Interview verriet die 41-jährige Wahlbremerin, wie sie zur Fotografie gekommen ist, wie das Foto entstand und inwieweit manchmal auch der umgekehrte Weg zum Ziel führen kann.

Herzlichen Glückwunsch zum World Press Foto Award. Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?
Vielen Dank. Der Preis hat eine sehr große Bedeutung für mich. Im Alter von 25 Jahren habe ich drei große Ziele gehabt: Für die New York Times zu arbeiten, für den National Geographic zu arbeiten und den World Press Foto Award zu gewinnen. Für mich ist damit jetzt ein Traum in Erfüllung gegangen.

Welches Gefühl hatten Sie, als Sie von der Auszeichnung erfuhren?
Vor allem Dankbarkeit. Ich bin dankbar ­dafür, dass ich das machen darf, was ich schon immer wollte.

Wie ist das Foto entstanden?
Ich hatte, schon bevor ich auf das Schiff gegangen bin, die Fotos beziehungsweise das Konzept dafür im Kopf. Ich installiere aber nichts, sondern suche nach den passenden Momenten. Mir war klar, dass wir bei der Expedition Eisbären sehen werden. Und ­jeder hat sicherlich schon mal ein Foto von einem Eisbären auf einer Eisscholle gesehen. Ich hatte aber das Ziel, die Tiere beim Forschungscamp zu fotografieren, wollte ihre Interaktion mit der Forschung im Bild festhalten. Es sollte herausgestellt werden, dass die Eisbären zu Hause sind und wir die Gäste.

 

Fotografin Esther Horvath. Foto: E. Horvath/H. Jager

War es dennoch Zufall, dass ein solches Foto gelang?
Ich war zu dem Zeitpunkt an dem Tag schon draußen auf dem Schiff, als ich merkte, dass die Eisbären, die sehr neugierig waren, zu Besuch kamen. Also bin ich zum Bug ­gelaufen, um möglichst dicht dran zu sein. Ich habe sofort gemerkt, dass das ein ganz besonderer Moment ist. Visuell hatte ich so etwas noch nie gesehen. Ein einzigartiger Moment, den man so vielleicht nie wieder erleben wird. Dass dann alles so gut klappte, war schon einzigartig.

Wie war die ewige Dunkelheit für Sie?
Ich begleite seit 2015 wissenschaftliche ­Expeditionen. Bisher hatte ich dabei immer Tageslicht – in der Regel sogar für 24 Stunden. Bei MOSAiC habe ich zum ersten Mal die komplette Dunkelheit erlebt, und ich war davon magisch fasziniert. Das einzige Licht, dass wir hatten, kam von der Polarstern oder den Stirnlampen der Wissenschaftler. Dadurch wirkte alles wie eine Kinoszene.

Sie haben Wirtschaftswissenschaften studiert. Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Ich wollte eigentlich immer etwas Kreatives machen und am liebsten visuell Geschichten erzählen. Ich bin in Ungarn geboren und habe mich damals aber nicht getraut, dort den künstlerischen Weg einzuschlagen. Also habe ich Wirtschaftswissenschaften studiert, in der Hoffnung, damit etwas Kreatives machen zu können – beispielsweise in einer Werbeagentur.

Sie haben ja auch in diesem Bereich gearbeitet. Und dann kam doch alles anders …
Nachdem ich mit meinem Studium fertig war, bin ich nach Wien gezogen und habe dort gearbeitet. Mein damaliger Freund schenkte mir dann eines Tages eine Kamera – und es war Liebe auf den ersten Blick. Ich merkte gleich, dass ich mir mit dieser Kamera meinen Kindheitstraum vom visuellen Geschichtenerzählen erfüllen kann.

Gab es einen konkreten Punkt, an dem Sie Ihr Gefühl erstmals mit der Kamera umsetzen konnten?
Es war während einer Ägyptenreise, unmittelbar nachdem ich die Kamera geschenkt bekam. Ich habe vor Ort eine Reportage über die Einheimischen gemacht, für die ich mit einem Sonderpreis in Ungarn ausgezeichnet wurde. Von dem Punkt an habe ich gespürt und gewusst, dass ich Fotografin werden wollte.

Sie sind dann zum International Center of Photography nach New York gegangen, um sich zur Dokumentarfotografin ausbilden zu lassen.
Genau, ich wollte unbedingt Fotogeschichten für die New York Times und National Geographic machen, da mich ihre Bildsprache begeisterte. Das war 2012, ich blieb für sechs Jahre und konnte auch für eben erwähnte Publikationen arbeiten und habe dabei wahnsinnig viel gelernt.

Früher wanderten die Menschen von Bremerhaven nach New York aus. Sie sind 2018 den umgekehrten Weg gegangen. ­Warum?
Ich hatte bereits 2016 erstmals mit dem AWI zusammen gearbeitet. Und als sich 2018 dann die Gelegenheit ergeben hat, bin ich nach Bremen gezogen um für das AWI in Bremerhaven zu arbeiten. Und es ist doch auch einmal ganz schön und kann sogar zum großen Ziel führen, wenn man die Route „Bremerhaven – New York“ einmal ­andersherum nimmt (lacht).

Das Interview führte Martin Märtens.

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