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Die letzte Meile per Lastenrad

Emissionsfreier Gütertransport: Wie Bremer dem drohenden Verkehrsinfarkt radelnd entgegenwirken

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Arne Kruse, Mitgründer von Rytle, mit dem Lastenfahrrad „MovR“.Foto: WFB / Focke Strangmann

Können Lastenräder die Lastkraftwagen auf unseren Straßen ablösen? Ja, sagen einige Bremer Unternehmer, die bereits auf das Zweirad setzen, um Waren zu transportieren. In Zeiten zunehmenden Güterverkehrs sind Lärm, Abgase und unzureichender Parkraum besonders im innerstädtischen Bereich problematisch. Politik und Wirtschaft suchen derzeit nach Alternativen, um den mit Kraftstoff betriebenen Verkehr zu reduzieren. Weniger Feinstaub, weniger knatternde Motoren, weniger zugeparkter öffentlicher Raum – das würde die Lebensqualität in den Metropolen aus Sicht vieler enorm steigern.

Transportmittel der Zukunft

Ein Lösungsansatz: umdenken und umschwenken auf das Lastenrad. Einer, der diese Idee schon länger zu denken wagt, ist Jens Joost-Krüger. Der begeisterte Zweiradfahrer leitet das Radverkehrsprojekt „BIKE IT“ der Wirtschaftsförderung Bremen und setzt sich für die Interessen von Radfahrern ein. „Politik und Stadtentwicklung sollten zur Kenntnis nehmen, dass die Infrastruktur, die wir für das Fahrrad haben, angepasst werden muss”, sagt Joost-Krüger. Eine Trendwende sei nötig, um die Straßen zu entlasten. Gefragt sind sowohl Privatpersonen, die ihr Auto zugunsten des Fahrrads stehen lassen, als auch Unternehmer, die ihre Güter an Händler und Endverbraucher ausliefern. Bremen gilt als fahrradfreundlich. Nirgends sonst in Deutschland werden so viele Kilometer pedaliert wie in der Stadt an der Weser. Bremen ist aber auch logistische Drehscheibe mit einem besonders hohen Aufkommen an Güterverkehr. Warum nicht beides zusammenführen?
Im Güterverkehrszentrum (GVZ) vor Container-Kulisse leitet Ralph Sandstedt die Geschäftsstelle der GVZ Entwicklungsgesellschaft Bremen mbH und entwickelt derzeit mit der Deutsche GVZ-Gesellschaft mbH, Hellmann Worldwide Logistics und dem Bremer E-Bike-Spezialisten RYTLE das Pilotprojekt UrbanBRE, gefördert vom Wirtschaftssenator.

Pilotprojekt aus Bremen: Die Vision

Sandstedt beobachtet die Veränderungen der vergangenen Jahre kritisch und sieht Handlungsbedarf bei den Transportunternehmen. Die Dichte an Paket-Dienstleistern habe stark zugenommen. „Heute fahren im Schnitt sechs Versender in die gleiche Straße“, sagt Sandstedt. Eine mögliche Lösung: außerhalb der Stadt die Waren abladen und die letzte Meile hinein gemeinsam koordinieren. Denn dort läge das größte Einsparpotenzial, um die Belastungen der Luft, durch Lärm und gestörtem Verkehrsfluss zu reduzieren. Das könnte so aussehen: An einem externen Ort wie dem GVZ kommt die Ware an und wird anschließend zu einem zentralen Umweltladepunkt in der City gefahren. Nun kommen spezielle E-Lastenbikes zum Einsatz, um alle ­Waren an ihre jeweiligen Bestimmungsorte zu fahren. Die letzte Meile übernimmt in dem Pilotprojekt der Bremer E-Bike-Spezialist RYTLE. Seine E-Lastenfahrräder mit ihrem speziellen Transportsystem sind schon jetzt in 20 europäischen Städten im Einsatz, unter anderem in Hamburg, Berlin, München, Rotterdam und Paris. Was Radkurierunternehmen schon lange praktizieren, wird nun also auf eine größere Skala übertragen. Im Kleinen hält Bremen ebenfalls einige Beispiele für den Einsatz von Lastenrädern bereit.

Slokoffie: Per Cargobike zum Endabnehmer

Ein Lastenrad mit speziellem Anhänger ermöglicht es Maik Hembluck (links) und Thomas Riedel-Fricke bis zu 250 Kilogramm ihres gesegelten Slokoffie emissionsfrei zu transportieren. Unter anderem wird er zweimal pro Woche an Hemblucks Foodtruck „Biten“ auf dem Domshof ausgeschenkt. Fotos: KW

Zwei Unternehmer, die den emissionsfreien Warentransport sehr konsequent durchziehen,sind die Bremer Thomas Riedel-Fricke und Maik Hembluck.
Ihre Kaffeemarke Slokoffie verbindet biologischen Anbau unter fairen Arbeitsbedingungen mit nachhaltigem Transport per Segelschiff – vom Anbaugebiet Honduras bis nach Bremen. Hier werden die Bohnen in der Lilienthaler Kaffeerösterei De Koffiemann geröstet. Die erste Frachtsegeltour der „Avontuur“ dauerte 56 Tage. Entladen wurde in der Überseestadt, wo die Kaffeesäcke auf Lastenräder umgeladen wurden. Insgesamt 12.000 Kilometer konnten so zwar langsam, aber emissionsfrei zurückgelegt werden. Der Markenname ist also Programm: ­Slokoffie setzt sich aus dem englischen Wort „slow“ (langsam) und dem niederländischen „Koffie“ (Kaffee) zusammen. „Wir bedienen eine Nische. Unsere Kunden sind interessiert an Umweltschutz und schätzen unsere Konsequenz“, sagt der gelernte Schiffskaufmann Riedel-Fricke. Nachdem er 2013 seine Karriere bei einer Reederei beendet hatte, war er frei für ­etwas Neues. Als er von Kapitän Cornelius Bockermanns Plänen hörte, einen abgetakelten Schoner mithilfe von freiwilligen Helfern zum Segelschiff zurückzubauen und damit Waren über den Atlantik zu bringen, nahm er Kontakt zu Bockermann auf. „Ich war dann unter anderem mitverantwortlich für die Kundenakquise – keine leichte Aufgabe, da es in Deutschland bis dato kein vergleichbares Unternehmen gibt“, so Rieder-Fricke.

Löschen der Fracht der„Avontuur“ im Europahafen. Foto: Daniela Buchholz

Einer, der zu den ersten überzeugten Kunden gehörte, war Hembluck. Dort lernten die beiden Partner sich kennen und beschlossen, gemeinsame Sache zu machen. Mittlerweile vertreiben sie davon wöchentlich rund 120 Kilogramm. Und die beiden liefern weit über die letzte Meile hinaus per Lastenrad aus. Ihren Kaffee haben sie sogar schon bis nach Freiburg und Berlin geradelt. In Bremen beliefern sie die Unverpackt-Läden „Füllkorn“, „Selfair“ und „L’Épicerie Bio“, frisch aufgebrüht ist der Kaffee zweimal pro Woche an Hemblucks Foodtruck „Biten“ auf dem Wochenmarkt Domshof zu haben. Bald kommt ihre zweite gesegelte Fracht in Bremen an.

Bringdienst per Lastenrad

Auf dem Findorffer Wochenmarkt ist im Juni das Pilotprojekt „Statt schwer tragen, Bringdienst fragen“ gestartet. Bis Ende September können Marktbesucher mit Wohnsitz in Findorff immer samstags zwischen 9 und 15 Uhr ihre Einkäufe kostenfrei mit dem Lastenfahrrad nach Hause liefern lassen. Das Angebot ist eine Initiative des
Nachbarschaftsprojekts Klimazone Bremen-Findorff, des Großmarkts Bremen und des Nachhaltigkeitsnetzwerks RENN.nord.

Lasten-e-Bikes vom Fachhändler

Mittlerweile sind Lastenräder auch für Privatpersonen eine echte Alternative zum Auto. Beliebt sind sie mitunter, um Babys und Kleinkinder mitzunehmen, oder Einkäufe und andere Güter zu transportieren. Der Fahrradhändler E-motion Bike hat sich auf E-Bikes, Pedelecs und Speed-Pedelecs spezialisiert. Auch Lasten E-Bikes zählen zum Sortiment. Diese gibt es als einspurige Variante oder als Modell mit drei Rädern. Mithilfe zahlreicher Zubehöroptionen, wie Babyschalen oder Kindersitze können ­Eltern auch Babys oder Kleinkinder mitnehmen. Auch Lasten-E-Bikes funktionieren nach dem Pedelec-Prinzip. Beratungen und Probefahrten sind in der E-motion E-Bike Welt Bremen am Arsterdamm möglich.