Start Bremen „Die Bremer haben uns lieben gelernt“

„Die Bremer haben uns lieben gelernt“

Sabine Postel und Oliver Mommsen verabschieden sich vom Bremer Tatort

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Foto: Radio Bremen / Stephan Pick

Als Ermittlerduo Lürsen und Stedefreund standen Sabine Postel und Oliver Mommsen 18 Jahre lang gemeinsam vor der Kamera. In insgesamt 34 Episoden lösten die fiktiven Kommissare verstrickte Mordfälle und sahen sich unter anderem mit Clan-Kriminalität, Lücken im Pflegesystem und scheinbar übersinnlichen Geschehnissen konfrontiert. Doch damit ist nun Schluss. Unter dem Titel „Wo ist nur mein Schatz geblieben?“ nehmen die beiden ein letztes Mal gemeinsam die TV-Ermittlungen auf. Bereits vor der Ausstrahlung am 22. April traf das STADTMAGAZIN Bremen Sabine Postel und Oliver Mommsen zum Interview. Unter anderem ließen die langjährigen Kollegen ihre Zeit beim Bremer Tatort Revue passieren und verrieten, wie es nun beruflich bei ihnen weitergeht.

Frau Postel, Herr Mommsen, das Kapitel Tatort ist nun offiziell für Sie beendet. Tut diese Realität weh?
Mommsen: Ja, vor allem nach den letzten beiden Filmen.
Postel: Mir geht es genauso. Es sind jetzt rund zwei Jahre seit unserer Entscheidung vergangen und es war die richtige, die im ebenso richtigen Moment fiel. Wir waren beide von der Idee des gemeinsamen Abgangs überzeugt und sind es immer noch. Wir hatten in dieser Zeit noch die Chance zwei großartige Filme zu machen.
Mommsen: Trotzdem war dieser Schritt für uns wichtig.

Inwiefern?
Mommsen: Wir hatten zuletzt kaum Freiräume für andere Filmprojekte und wurden immer mehr mit unseren Rollen identifiziert. Deswegen war irgendwann der Punkt erreicht, um …
Postel: … durchzuatmen, einfach mal durchzuatmen!
Mommsen: Richtig, und um zu zeigen, dass man uns als Schauspieler nicht in eine Schublade einordnen kann. Ich bin dankbar für die letzten Jahre und dass ich auf so hohem Niveau arbeiten durfte. Dennoch: Ich bin Schauspieler und nicht hauptberuflich bei der Mordkommission. Ich kriege seit meiner Entscheidung Anfragen, die mir zeigen, dass ich in der Branche auch anders wahrgenommen werde.

Dabei konnte man Sie bereits in den letzten Jahren vermehrt in anderen Rollen sehen.
Postel: Ja, aber es war schwierig einzupassen. Olli ist jetzt in einem Alter, wenn ich für ihn sprechen darf, in dem man sagen kann: Wenn er noch einmal durchstarten und in die künstlerische Bandbreite gehen will, dann jetzt.
Mommsen: Und wenn ich für Sabine sprechen darf: Wenn sie noch einmal durchstarten will, dann jetzt. (beide lachen)
Postel: Er ist so charming, das werde ich vermissen! Aber es stimmt. Ich habe zehn Jahre lang keinen Urlaub mehr gemacht, weil ich beruflich so dicht getaktet war. Ich konnte mir nicht einmal erlauben, krank zu werden, sonst hätte ich das zeitlich alles nicht geschafft. Ich hatte das Gefühl, eigentlich nur noch zu funktionieren. Das darf nicht sein, ich will auch noch etwas anderes erleben.

Haben die Rollen, die Sie so lange verkörpert haben, auf Sie abgefärbt?
Mommsen: Klar, ohne Waffe gehe ich nicht mehr aus dem Haus.
Postel: Ich habe auch immer den Schlagstock in der Handtasche. (beide lachen)
Mommsen: Sagen wir mal so, man kann durch Rollen lernen. Ob wir uns nun der Sicherung der EU-Grenzen, dem 11. September oder den Gesundheitsrisiken von Strahlen gewidmet haben: Wenn du Teil des Tatortes bist, arbeitest du dich voll und ganz in die Materie ein und denkst, du wirst die Welt verändern. Ich muss jedoch gestehen, dass ich diesen Gedanken nach Ende des jeweils letzten Drehtags immer wieder verworfen habe. Trotzdem beschäftigen die Erlebnisse der Rolle einen natürlich auch persönlich.
Postel: Richtig. Es ist nicht so, dass man abends nach Hause kommt, sich wie ein nasser Hund schüttelt, und alles ablegt. Natürlich ist das alles Handwerk, man stellt es dar und spielt es nur. Aber es ruft schon eine persönliche Identifikation hervor, die über das Maß anderer Berufe hinausgeht.

Ist Ihr Abschied vom Bremer Tatort aus dieser Perspektive auch eine Befreiung?
Mommsen: Ja.
Postel: Für mich würde ich das so nicht sagen. Ich gebe momentan viele Interviews und bin dadurch eher etwas melancholisch gestimmt.
Mommsen: Und ich merke in den vielen Interviews immer wieder, wie ernst der Tatort genommen wird und wieviel Druck auf dem Format lastet. Jedes Mal wird die Frage aufgeworfen, wie realistisch die jeweilige Handlung des Films sei. Jeder versteht sich als Tatort-Profi.
Postel: Man muss sich auch immer wieder rechtfertigen und wird als Aushängeschild des Tatorts angesehen.
Mommsen: Ja, und das nicht nur für die Filme aus Bremen.

Wie meinen Sie das?
Mommsen: Also ich wurde schon öfter mal für Tatorte angeraunzt, die wir gar nicht gemacht haben. Aber genauso lief mir mal eine Frau im Berliner KaDeWe hinterher, um mir ganz herzlich zu dem gelungenen Tatort zu gratulieren, der aber aus Köln kam …

Die Bremer gucken sehr genau auf „ihren“ Tatort. Können Sie sich dennoch frei in der Stadt bewegen?
Postel: Ja, absolut. Uns wurde immer sehr viel Warmherzigkeit entgegengebracht, die wir sehr genossen haben. Die Leute haben sich einfach immer gefreut, wenn wir da waren. In vielen Großstädten sorgen Dreharbeiten bei den Menschen vor Ort für Frust, da natürlich viel Platz in Anspruch genommen wird. Hier wurde von beiden Seiten immer ein freundlicher und fröhlicher Umgang gepflegt. Das ist schon etwas ganz Besonderes. Die Bremer haben uns lieben gelernt.
Mommsen: Wenn man Menschen auf der Straße begegnete, kamen meist recht euphorisch die Fragen: Drehen Sie wieder? Wann sehen wir Sie denn?

Die Folge „Brüder“, in der es um Bremer Clan-Kriminalität geht, ist vielen besonders im Gedächtnis geblieben. Gab es aufgrund der Beschäftigung mit diesem Thema Probleme?
Postel: Sagen wir mal so, wir waren sehr vorsichtig. Wir hatten zum Beispiel gefakte Pläne mit falschen Namen und haben viele Informationen, anders als sonst, nicht transparent gemacht. Ab und an haben wir auch einen weißen Mercedes mit getönten Scheiben wahrgenommen. Das war schon ein seltsames Gefühl.
Mommsen: Wir wissen, dass wir beobachtet wurden. Es waren immer Leute da, die sich für das interessiert haben, was wir da tun.

Welcher Tatort-Film war rückblickend für Sie am emotionalsten?
Postel: Der Pflege-Tatort „Im toten Winkel“ ging mir schon sehr an die Nieren. Als ich das Drehbuch gelesen habe, kam er mir erst etwas didaktisch und belehrend vor. Allerdings hatten wir einfach unheimlich tolle ältere Schauspieler.
Mommsen: Wir sind uns auch wie gesagt einig, dass „Brüder“ sehr gefetzt hat.
Postel: Es gab einfach viele tolle Filme, die oft Themen aufgegriffen haben, bevor Sie überhaupt öffentlich diskutiert wurden.

Wie geht es für Sie jetzt weiter, was machen Sie zukünftig in der Zeit, in der sie sonst immer in Bremen gedreht haben?
Postel: Wir grillen.
Mommsen: Genau, an der Weser! (beide lachen).
Postel: Spaß beiseite. Ich drehe weiterhin „Die Kanzlei“ und bin damit erstmal zeitlich gut durchgeplant.
Mommsen: Ich gehe erstmal mit einer Produktion der Komödie am Kurfürstendamm auf Tournee und darf direkt im Anschluss mit Anja Kling einen Film für Sat. 1 drehen. Danach kommt dann die Lücke, die normalerweise der Tatort füllt. Jetzt wird’s spannend.

Der letzte Tatort mit dem Ermittlerteam Lürsen und Stedefreund wird unter dem Titel „Wo ist nur mein Schatz geblieben“ am Ostermontag, 22. April ab 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

Haben Bremen ins Herz geschlossen: Oliver Mommsen und Sabine Postel. Foto: Marco Meister