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Den Stress über der Wasseroberfläche lassen

Tauchen: Mediziner Tobias Steinmann über Voraussetzungen, Risiken und Vorzüge

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Dr. med. (MU Budapest) Tobias Steinmann ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, Schwerpunktbezeichnung spezielle Unfallchirurgie. Seit 2011 ist er Chefarzt der Abteilung Orthopädie im RehaZentrum Bremen und speziell auch in der SporThep-Praxis tätig. Er ist im Besitz des GTÜM-I-Zertifikats und führt regelmäßig Tauchtauglichkeitsuntersuchungen durch. Foto: Björn Hake

Bunte Fische, Korallenriffe und eine facettenreiche Unterwasserwelt: Meist im Zuge einer Urlaubsreise kommen Menschen bei der Suche nach einer spannenden Aktivität auf die Idee, das Gerätetauchen auszuprobieren. Was für die einen ein einmaliger Abstecher in die Tiefe bleibt, manifestiert sich für andere als echtes Hobby. Wir haben die Sportart gemeinsam mit Dr. med (MU Budapest) Tobias Steinmann vom RehaZentrum Bremen genauer unter die Lupe genommen.

Mit dem Thema Tauchen verbinden viele Menschen eine typische Urlaubsaktivität, allerdings ist es auch ein anerkannter Wassersport. Was macht das Tauchen zum Sport?
Beim Tauchen handelt es sich um eine Herz-Kreislauf-Belastung, die man nicht unterschätzen sollte. Wer bereits einmal getaucht ist oder den Sport regelmäßig betreibt, weiß, dass man nach einem Tauchgang durchaus erschöpft ist.

Welche Voraussetzungen sollten Interessierte erfüllen?
Im Rahmen einer sogenannten Tauchtauglichkeitsuntersuchung werden verschiedene Dinge überprüft und abgefragt. Dazu gehört unter anderem auch die Grundfitness. Man stelle sich etwa vor, dass man nach einem Bootstauchgang mehrere Meter neben dem Boot wieder auftaucht. Diese Distanz sollte man natürlich bewältigen können, auch bei ungünstigen Wetterbedingungen und Wellengang. Zudem sollte das Herz-Kreislauf-System intakt sein und die Tauchtauglichkeit medizinisch im Vorfeld abgeklärt werden.

Wie sieht eine solche Tauchtauglichkeitsuntersuchung aus?
Die GTÜM, die Gesellschaft für Tauch und Überdruckmedizin, hat zu diesem Zweck einige relevante medizinische Checks festgelegt. Wesentlich ist vor allem die Anamneseerhebung in Form eines ausführlichen Fragebogens, der potenzielle Risiken und Ausschlusskriterien umfasst. Dabei geht es beispielsweise um körperliche und psychische Vorerkrankungen, Medikamente, Operationen und Ähnliches. Diesen Fragebogen geht man ausführlich mit den Patienten durch und bespricht, inwieweit Zutreffendes mit dem Tauchen vereinbar oder eben unvereinbar ist. Außerdem erfolgt eine ausführliche körperliche Untersuchung und apparative Diagnostik wie ein Lungenfunktionstest und ein EKG beziehungsweise Belastungs-EKG.

Für wen ist das Tauchen nicht geeignet?
Bei der Einnahme von Medikamenten, die stark senkend auf Blutdruck und Puls wirken, empfiehlt sich der Sport nicht, da der Pulsschlag mit zunehmender Tiefe abnimmt, der Herzschlag langsamer wird und das Risiko einer Bewusstlosigkeit droht. Zudem gibt es Psychopharmaka, die müde und gleichgültig machen. Auch diese sind nicht mit dem Tauchen vereinbar. Lungenschäden sowie Trommelfellverletzungen sind ebenfalls Ausschlusskriterien.

Was passiert in und mit unserem Körper, wenn wir tauchen?
Beim Tauchen begeben wir uns in Situationen, für die der menschliche Körper eigentlich nicht gemacht ist. Aus diesem Grund sind wir auch auf technische Hilfsmittel angewiesen, zumindest beim Gerätetauchen. Besonders eindrucksvoll ist die Tatsache, dass nach den ersten zehn Metern, die getaucht werden, die doppelte Menge an Druck auf dem Körper lastet, als an der Oberfläche. Die Organe reagieren natürlich auf so eine Duckzunahme, da der ganze Körper zusammengedrückt wird. Vor allem die Lunge ist davon betroffen und würde ohne Hilfsmittel so zusammengepresst werden, dass sie nicht mehr funktionstüchtig wäre. Aus diesem Grund ist es wichtig, Luft über die Druckflasche zuzuführen, welche die Lunge wieder auf die Originalgröße aufbläst, sodass das Atmen weiter möglich ist. Allerdings lastet dieser Druck auch auf anderen Organen wie Augen und Ohren. Daher muss beim Tauchen regelmäßig der Druckausgleich durchgeführt werden.

Was würde ohne diesen Druckausgleich passieren?
Der Druck im Körper wäre anders als der von außen zunehmende, der dann unter anderem auf das Trommelfell drückt. Bei solch einem Ungleichgewicht drohen beispielsweise ein Trommelfellriss sowie Blutergüsse und andere Verletzungen im Augenbereich. Man kann also festhalten, dass es nicht naturgewollt ist, dass der Mensch tief taucht. Es trotzdem zu können und die Unterwasserwelt zu bewundern, macht allerdings den Reiz aus. Ist man sich der Risiken bewusst und gut geschult, passiert in der Regel auch nichts. Wenn wir die Unfallhäufigkeit betrachten, ist das Tauchen keine extrem gefährliche Sportart.

Können Kinder den Sport ausüben?
Letztendlich hängt es vom individuellen körperlichen und geistigen Entwicklungsstand des Kindes ab. Es gibt einen ersten Tauchschein, den man bereits mit zehn Jahren machen kann, und Programme, die an den Tauchsport heranführen. Ich sehe es allerdings nicht unproblematisch, weil nicht ganz klar ist, inwieweit noch nicht voll ausgewachsene Organe auf die Druckbelastung reagieren. Aus diesem Grund ist es bei Kindern besonders wichtig, Tauchzeiten und Tiefen zu begrenzen.

Zu guter Letzt: Was sind die Vorzüge des Tauchens und was zeichnet den Sport Ihrer Meinung nach aus?
Da es eine Konditionssportart ist, wird die Fitness gesteigert. Zudem hat es mentale Vorzüge und einen positiven Einfluss auf die Psyche. In der Stressbelastung der heutigen Gesellschaft kommen Abschalten und Entspannung oft zu kurz. Unter Wasser ist man quasi gezwungen, den Stress oberhalb der Wasseroberfläche zu lassen und zur Ruhe zukommen. Insofern ist das Tauchen zwar eine fordernde, aber zugleich auch entspannende Sportart.