Start Bremen Michaela Schaffrath Das „Klein St. Pauli“ in Bremen

Das „Klein St. Pauli“ in Bremen

Michaela Schaffrath ist Schauspielerin, Sprecherin und Moderatorin. In ihrer Kolumne entdeckt die Neubremerin für das STADTMAGAZIN Bremen die besonderen, verborgenen und weniger bekannten Orte der Hansestadt.

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Michaela Schaffrath (49), Schauspielerin. Foto: C. Anthonyo

Der Stadtteil St. Pauli in Hamburg ist weltbekannt. Aber wussten Sie, dass es in den 1950er und 1960er Jahren auch ein „Klein St. Pauli“ im Bremer Westen gab? Mir war das bis vor Kurzem nicht bekannt, aber jetzt bin ich fasziniert von der Geschichte rund um die „Küste“, wie das Vergnügungsviertel auch genannt wurde. Alles begann wenige Jahre nach Kriegsende 1945.

Das zerbombte Hafenquartier wurde schnell wiederaufgebaut. Rund 1000 Schiffe aus aller Welt machten dort monatlich fest und unternehmungslustige Seeleute besuchten die Stadt. Hafenlokale schossen wie Pilze aus dem Boden und das Wirtschaftswunder in Bremen begann. In der Nähe des Freihafens entstanden mehr als 30 Lokale und Rotlichtbars mit illustren Namen wie „Golden City““, „Arizona Bar“, „Blaue Maus“, „Elefant“, „Krokodil“ oder „Bruno Mosig“. Dort rollte der Rubel bis Ende der 60er Jahre, es wurde bis zum Umfallen gefeiert, gesoffen und zu Livemusik getanzt. Bis zu 50.000 zahlungskräftige Seeleute verbrachten dort ihren Landgang in Gesellschaft der Bardamen, Huren, Zuhälter, amerikanischer Besatzungssoldaten und Hafenarbeiter. Für viele von ihnen war diese Gemeinschaft wie eine große Familie. Einige Ehefrauen fingen ihre Männer bereits am Hafenausgang/Werkstor ab, damit diese nicht ihre vollen Lohntüten ins „Klein St. Pauli“ trugen, sondern noch etwas für die Haushaltskasse übrigblieb.
Durch die Einführung der Container 1966 änderten sich die Arbeitsbedingungen auf See und im Hafen. Die Liegezeiten verkürzten sich, die Besatzungszahlen schrumpften und das Konto ersetzte die Lohntüte. Die Umstände haben dazu geführt, dass in den 70er Jahren das wilde Treiben ein Ende nahm.

Heute befindet sich dort, wo der Fußgängertunnel – auch „Stinkbüdelmannsgang“ genannt – zwischen Wohnviertel und dem Hafen lag, der Waller Stieg. Aktuell entsteht auf dem Areal eine Berufsschule. Einige wenige Überbleibsel aus der damaligen Zeit sind auf der Nordstraße stehengeblieben, aber es ist deutlich ruhiger geworden.
Es gäbe viele Geschichten über das „berühmt-berüchtigte Quartier“ zu berichten, aber das würde den Rahmen meiner Kolumne sprengen. Für alle, die mehr erfahren möchten, kann ich das Buch „Die Taschen waren voller Geld“ von der Bremer Autorin Frauke Wilhelm empfehlen. Viel Vergnügen beim Lesen, Staunen und Stöbern!