Start Bremen „Das Highlight der Woche“

„Das Highlight der Woche“

Eindrücke von einem Tag bei der Bremer Tafel in der Ausgabestelle in Hemelingen

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Ilse Stümpel freut sich jede Woche auf ihre Schicht bei der Bremer Tafel. Foto: Anja Höpfner

Klack, klack – Plastikboxen werden in rasantem Tempo aufeinandergestapelt und nach dem Ausräumen lig und platzsparend zusammengelegt. Hier und da ertönt ein lautes „Moin“. Bei der Tafel in Bremen Hemelingen herrscht jetzt um zwölf Uhr mittags ein reges Treiben, schnell muss es gehen, doch Hektik bricht nicht aus. Überall braucht es kräftige Hände und Arme zum Anpacken: Angelieferte Lebensmittel müssen einsortiert werden, Kühlketten dürfen nicht unterbrochen werden und alles gehört an einen bestimmten Platz. Die Freiwilligen wissen genau, welche Reihenfolge eingehalten werden muss. So ist der Raum ist in verschiedene Lebensmittelrubriken unterteilt: Obst und Gemüse, Backwaren, Frischetheke, manchmal gibt es eine Ecke für Pflanzen und Blumen. Viele der Freiwilligen kennen sich bereits untereinander. Die Stimmung ist heiter, der Umgang respektvoll. Das ist eine der wichtigsten Regeln bei ihnen. „Wir haben hier Langzeitarbeitslose im Ein-Euro-Job, Bundesfreiwilligendienstler, Leute, die nach dem Arbeitsleben mal was anderes machen wollen, Praktikanten, alle möglichen Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen, und da ist es wichtig, gut miteinander auszukommen“, sagt Uwe Schneider, Vorsitzender der Bremer Tafel, lächelnd.

200 Helferinnen und Helfer

Insgesamt arbeiten 200 Helferinnen und Helfer bei der Bremer Tafel, drei Viertel davon komplett ehrenamtlich, der Rest in Beschäftigungsmaßnahmen. Uwe Schneider selbst ist bereits seit sieben Jahren bei der Bremer Tafel. Im ersten Jahr begann er als Transportfahrer der Lebensmittel. Dass er in kürzester Zeit zum Vorsitzenden werden würde, hätte der heute 67-Jährige zu Beginn nicht gedacht. Sein Grund, zur Bremer Tafel zu kommen, war die altersbedingte Teilzeit. Er wollte wie so viele Freiwillige etwas von dem zurückgeben, was er mal gelernt hat. Vorher arbeitete in der Logistik und Unternehmensberatung. Dieses Wissen kommt ihm in seinem Ehrenamt zugute: Alle Abläufe sind genau geplant, von der Abholung und Transportierung der Lebensmittel bis zum Auspacken, Sortieren und zur Verteilung in den Ausgabestellen. Weißer Spargel, frische Vollmilch, ein Becher Joghurt, Schokoladensticks, Zwiebeln, Möhren und eine Packung Drillingskartoffeln: All das befindet sich unter anderem in einem der Körbe für die Kundinnen und Kunden. Bei einer Art Rundgang durch die Tafel passieren sie diese und können sich die Lebensmittel dort rausnehmen. „Bis zu vier Personen können aus so einem Korb auswählen was sie haben möchten. Über vier Personen können aus zwei Körben auswählen, das variiert je nach Stationen“, erklärt Schneider. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine große Menge an Lebensmitteln in dem Raum, doch der Eindruck täuscht. „Unsere Ausgeberinnen und Ausgeber stehen immer vor der Herausforderung zu gucken, was an dem jeweiligen Tag da ist und es so aufzuteilen, dass es für alle hinkommt“, erklärt Schneider. Schließlich kommen bis zu 200 Kundinnen und Kunden pro Tag.

Eine Atmosphäre wie beim Einkaufen

Die Bremer Tafel in Hemelingen wirkt nicht wie eine triste Halle voller Lebensmitteln. Hier wurde Mühe in eine marktähnliche Atmosphäre gesteckt: Von den Decken hängen grün-weiß gestreifte Marktstandmarkisen. Geflochtene Brotkörbe, grüne Pflanzen und alte Milchkannen auf Regalen dienen als Dekoration. Viele der Freiwilligen tragen dunkelrote Schürzen mit der gelben Aufschrift „Bremer Tafel“. So wissen die Kund:innen direkt, wer zum Team gehört. Der Rundgang startet im Kleiderraum mit der Registrierung einer Kundenkarte. In diesem ersten Raum befinden sich helle Kleiderständer mit Kleidung und Schuhen. An der hintersten Wand steht ein mit Kosmetik befülltes Regal: Bodylotions, Nagellacke und Duschgele sind fein säuberlich nebeneinander aufgestellt. Von der Decke hängt ein glitzernder Kronleuchter, es wirkt fast wie ein kleines Geschäft. „Nagellack ist sehr beliebt“, erzählt Schneider.

Vorbei am Kosmetikregal geht es in den nächsten Raum, wo die Lebensmittelausgabe startet. Vor silbernen Metallregalen sind lange Tische aufgereiht, sie wirken wie Theken in einer Markthalle. Auf den Tischen stehen die Körbe mit den Lebensmitteln, bereit von der Kundschaft gelehrt zu werden. Jede Person nimmt sich nur das, was sie braucht und mag, Tüten und Taschen für den Transport müssen selbst mitgebracht werden. Dahinter stehen die Freiwilligen, welche die Lebensmittelkörbe wieder auffüllen.

„Keine Bittsteller“

Sechs Paletten Naturjoghurt stehen noch an der Frischetheke aufeinandergestapelt und warten darauf, ins Kühlregal einsortiert zu werden. „Kundinnen und Kunden sind hier bei uns keine Bittsteller“, erklärt Schneider und fährt fort: „Bei der Tafel erreichen wir, dass der Mensch, der bei uns bezieht, etwas Geld von dem wenigen, was er hat, sich auch mal soziale Teilhabe leisten oder etwas neu kaufen kann.“ Das bestätigt auch seine Kollegin Ilse Stümpel. Die ehemalige Bankkauffrau wollte nach dem Renteneintritt nicht nur – wie sie es formuliert – „aus dem Fenster starren“, sondern stattdessen etwas Sinnvolles tun. „Viele suchen hier auch ein Gegenüber zum Unterhalten, das ist ein Highlight der Woche für alle Beteiligten“, erzählt die 72-Jährige freudig.

Weitere Unterstützung gesucht

Momentan haben die Mitarbeitenden der Tafel es nicht leicht, da sie zum einen wie viele andere auch mit den steigenden Preisen durch die Inflation kämpfen. Das macht sich bei den erhöhten Spritkosten der Transportwagen bemerkbar. . Zum anderen haben sie einen starken Kundenzuwachs von 30 bis 50 Kund:innen pro Tag. Gerade kommen überwiegend Geflüchtete aus der Ukraine. Doch allein 25 Prozent der Kundschaft seien Menschen im Rentenalter – „und es werden seit einiger Zeit immer mehr, weil die Menschen merken, dass ihr Geld knapp wird“, erläutert Schneider. Die steigenden Preise führen ihm zufolge auch dazu, dass der Handel vorsichtiger mit Lebensmittelmengen umgeht, und durch die Hamsterkäufe bleibt ebenfalls weniger für die Tafel über. Auch wenn die Lebensmittel noch reichen, kommt die Tafel an ihre Grenzen, und zwar bei den Kapazitäten der Ehrenamtlichen. Immerhin umfasst der Kundenstamm von 2300 bis 2500 Menschen plus zahlreiche Neuzugänge, da braucht es auch im Team Verstärkung. „Wer also gerne der Tafel Bremen in den Ausgabestellen oder als Fahrer:in helfen möchte, kann sich jederzeit bei uns melden, sagt Schneider und ergänzt noch einen Appell an Bremens Unternehmen: „Ich vermute, dass es im Handel noch Geschäfte in Bremen gibt, die zu viele Lebensmittel vernichten. Stattdessen könnten sie sich einen Ruck geben und die Ware, die übriggeblieben ist an uns weitergeben.“

Weitere Informationen der Bremer Tafel und Kontaktdaten für Interessierte sowie Unterstützer:innen gibt es unter www.bremertafel.de.

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