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Wichtige Feiertage

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Ganz ehrlich? Im Alter zwischen acht und dreizehn Jahren gab es für mich eigentlich nur zwei wirklich bedeutende und wichtige Tage. Geburtstag und Weihnachten, werden Sie jetzt denken. Weit gefehlt! Auch mit Ostern, Silvester oder dem Sommerferienbeginn liegen Sie ganz falsch. Die beiden Tage, von denen ich schreibe, wurden von Stadtamt und Müllkalender vorgegeben. Und weil ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin, gab es den einen nur einmal und den anderen zweimal im Jahr. Diesen Ereignissen fieberte ich geradezu entgegen. Ich war schon Tage vorher aufgeregt, was meiner Mutter – in meine Richtung gesprochen – nicht selten den Begriff „Hippelmoors“ über die Lippen kommen ließ. Ein „Hippelmoors“ oder gerne auch „Wippsteert“ ist, für die nicht Plattdeutsch sprechende Leserschaft übersetzt, ein „Zappelphillip“.

Welchen Großereignissen meiner Kindheit ich da so entgegenfieberte? Na, den beiden Feiertagen Flohmarkt und Sperrmüll. Wir Babyboomer wissen, dass beides in den 70er Jahren noch ganz anders aussah als heute. Unser jährlicher Flohmarkt rund um die große Kirche im Stadtzentrum brachte große Teile der Bevölkerung auf die Beine. Jene, die Keller und Dachboden ausgemistet hatten und sich nun kurzfristig im Gemischtwarenhandel versuchten, und größere Zahl der anderen, die sich ganz hervorragend als Kundschaft machten. Ich gehörte zunächst zur zweiten, später aber auch einmal zur ersten Gruppe, wobei ich das verdiente Geld immer sofort wieder an den Nachbarständen ausgab. Die Versuchungen waren einfach zu groß. Der zweimal im Jahr stattfindende Sperrmüll bot noch mehr davon – also Versuchungen. Sie müssen wissen, wir wohnten damals in einem bevölkerungsreichen Viertel mit vielen größeren und kleineren Wohnblocks. Und natürlich wussten wir Kinder sehr genau, wo angehende Jugendliche wohnten, die sich nun langsam von ihrem Spielzeug trennen wollten …

Noch besser war es natürlich, wenn deren Mütter ihr altes Spielzeug ungefragt auf den Sperrmüll warfen – das war unsere Stunde. Bis heute darf ich nicht ohne Stolz einen ganzen Kinderkoffer voll mit Cowboys, Indianern, Dinosauriern, Disney-Figuren und einem kompletten Zoo mit Haus- und Wildtieren aus Hartgummi mein Eigen nennen. Dieser „Tierkoffer“, wie er in unserer Familie liebevoll genannt wird, hat seinen Weg übrigens ebenso in die Kinderzimmer meines Nachwuchses gefunden und wird ganz sicher niemals wieder einen Sperrmüllhaufen aus der Nähe sehen.

Die Fundsachen der Sperrmüllhaufen meiner Kindheit waren allerdings nicht in allen Fällen so erfreulich – zumindest nicht für meine Mutter. So erinnere ich mich an ein ganz besonderes Sperrmüll-Schnäppchen, von dem ich sicher war, dass meine Mutter sich darüber freuen würde. Ich lag falsch. Dabei war diese blau-weiße Toiletten-Ente mit Bürste und einer kleinen Extra-Schüssel für Klosteine wirklich völlig heil und sehr gut erhalten. Fand sie aber gar nicht toll – versteh mir einer, was in Müttern so vorgeht!