Start Bremen Was macht … Zwischen Lärmpegel, Alkohol und im Kreis fahren

Zwischen Lärmpegel, Alkohol und im Kreis fahren

Matthias Höllings war jahrelang der Pressesprecher der Sixdays und kommt irgendwie auch im Rentenalter nicht richtig davon los …

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Ähnliche Frisur, unterschiedliche Jobs: Pressesprecher Matthias Höllings (rechts) lässt Entertainer Micky Krause bei den Sixdays im Gästebuch unterschreiben. Foto: Lars Neumann

Von Matthias Höllings

Anruf aus der Redaktion: „Hast du deine Kolumne für die Januar-Ausgabe schon fertig? Wenn ja, wäre schade, weil du etwas anderes schreiben kannst. Wir haben uns gerade gefragt, was du eigentlich machst, wenn Sixdays sind. Du hast doch jetzt frei.“
Ja, danke schön – ganz toll – war mit meiner Kolumne gerade fertig, in der es um ein Konzert auf dem Dach der Kunsthalle Bremen ging. Und jetzt kommen die wieder mit den Sixdays um die Ecke.

Warum ich? Nimmt das denn nie ein Ende? Wahrscheinlich, weil ich bis vor zwei Jahren für die Presse zuständig war – sowohl für die Infos und Meldungen, als auch für die Kollegen vor Ort. Eigentlich war der Job als Pressesprecher der ÖVB-Arena ein interessanter und mehr oder weniger entspannter Job, allerdings mit oft unmöglichen Arbeitszeiten. Aber die Sixdays waren schlicht und ergreifend der Horror.

Und wie das mit Horrorgeschichten so ist, fangen sie meist ganz harmlos an und laufen dann völlig aus dem Ruder. So ähnlich war es zumindest für mich bei dieser Radsportveranstaltung. Warum sollte mir die fehlen? Mein Job bestand immer darin, aus altbekannten Zutaten ein paar möglichst brauchbare Infos zu schreiben und sie den Pressekollegen von Print, Hörfunk, Fernsehen und vermehrt auch den Redaktionen der neuen Medien zur Verfügung zu stellen. Die Zutaten sind: Eine Halle, eine Bahn, ein Haufen möglichst gesunder, ungedopter Fahrer, Fahrerinnen natürlich auch, zwei Hallensprecher, die alles erklären und kommentieren, ein DJ, ein Promi für den Startschuss und ein Typ zum Licht an- und ausmachen. Im Vorfeld, so ungefähr bis Weihnachten, eigentlich kein Ding. Mal eine Konferenz, mal Fotos oder Interviews mit Aktuellem im Vorfeld. Aber bei der Veranstaltung selbst wurde das Ding dann teilweise zum Horror. Ein kleines Team hat zwar den Vorteil der schnellen Entscheidungen und kurzen Wege, aber etliche Jobs hätten uhrzeitmäßig eigentlich doppelt besetzt sein müssen. Erste Achtstunden-Schicht im Büro am Telefon für die Pressekollegen, die Teams für abends verplanen. Danach die zweite Schicht im Pressezentrum der Sixdays, die dann oft bis ein oder zwei Uhr nachts dauerte. Letzte Telefonate und Frage-Antwort-Spiele mit der dpa in Hannover waren dann bis morgens um drei Uhr erledigt und man konnte an der Hotelbar noch mit etlichen aufgekratzten Fahrern und Teamkollegen plaudern. Wenn man zu lang plauderte, kamen einem die ersten Fahrer schon wieder zum Frühstück entgegen.

„Spätestens nach dem dritten oder vierten Tag steht man bei den Sixdays dermaßen unter Strom, dass man gar nicht mehr schlafen kann, selbst wenn man wollte.“

Gelegentlich sieht man im „Tatort“ den einen oder anderen Kollegen oder eine Kollegin ein improvisiertes Nachtlager im Büro aufschlagen. Das kommt mir dann sehr bekannt vor. Warum sollte mir das fehlen? Spätestens nach dem dritten oder vierten Tag steht man bei den Sixdays dermaßen unter Strom, dass man gar nicht mehr schlafen kann, selbst wenn man wollte. Alle fiebern bloß noch aus den unterschiedlichsten Gründen dem großen Finale entgegen. Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass die Sixdays komplett ungesund sind – und zwar für alle. Für die Besucher, was den Lärmpegel und den Alkoholkonsum angeht. Für die Fahrer, die bei diesem Lärm wie bekloppt ständig nur im Kreis fahren. Und für sämtliche Mitarbeiter, die irgendwann Tag und Nacht nicht mehr auseinanderhalten können. Also bitte, warum tut man sich das an? Weil es extrem Spaß macht, sich in ins Getümmel zu stürzen. Jede und jeder stellt sich dieser Herausforderung, will es sich selbst beweisen. Beweisen, dass man es schafft. Dass man durchhält. OK, es gibt nicht so viele Besucher, die das Spektakel sechs Tage hintereinander ertragen oder durchstehen. Aber sämtliche Mitarbeiter und Akteure, ob auf dem Rad, auf der Bühne, auf dem Oval oder in den Büros, schweißt das ungemein zusammen. Der Horror weicht einem Glücksgefühl. Kaum vorstellbar, aber wahr.

Mitte Januar habe ich nun neuerdings frei und muss nicht mehr an sechs Tagen für drei Wochen arbeiten. Vom 10. bis 15. Januar umkreisen dann wieder die Fahrer die Bahn wie die Motten das Licht. Vielleicht schaue ich mir den Startschuss von Howard Carpendale als Besucher an und sage ganz leise „Hello Again“. Aber ganz sicher werde ich am 30. Januar um 13 Uhr vor der Kunsthalle Bremen in den Himmel gucken und mir das Konzert der Band „The Fairies“ anhören, das sie anlässlich des letzten Auftritts der Beatles vor 50 Jahren da oben auf dem Dach zelebrieren. Denn darüber wollte ich eigentlich meine Kolumne schreiben. Aber dann kamen wieder die Sixdays dazwischen.