Start Bremen Was macht … „Ins Theater gehe ich immer noch“

„Ins Theater gehe ich immer noch“

Was macht eigentlich Klaus Pierwoß?

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Foto: Jörg Landsberg

13 Jahre lang (von 1994 bis 2007) leitete Klaus Pierwoß als Intendant die Geschicke des Bremer Theaters. Immer wieder setzte er sich energisch für den Erhalt des Vier-Sparten-Hauses ein und scheute auch größere Auseinandersetzungen mit der Kulturpolitik nicht. Mittlerweile lebt er in Berlin.

Hallo Herr Pierwoß, wie geht es Ihnen zurzeit?

Mit geht es gesundheitlich nicht so gut. Seit über einem Jahr sitze ich im Rollstuhl und fahre mit dem Rollator, weil ein Bündel von Rückenproblemen mir das Gehen erschwert. Seit dem erlebe ich die Welt aus der ambivalenten Sicht der Barriere(un)freiheit. Aber ich trainiere kräftig, um wieder ans Gehen zu kommen. Fortschritte sind unübersehbar, aber es ist ein langsamer und mühseliger Weg.

Haben Sie aus alter Verbundenheit mit Werder mitgezittert?

Ich habe alle Spiele genauestens verfolgt, meistens bei Rundfunkübertragungen. Das Spiel gegen Frankfurt war ja ein einziger Nervenkitzel. Ich hoffe, Werder schafft über den Klassenerhalt hinaus wieder den Sprung in die Qualität, die die Mannschaft während meiner Intendanz in der Glanzzeit von Thomas Schaaf ausgezeichnet hat.

Sind Sie viel in der Berliner Theaterlandschaft unterwegs?

Meine Bewegungsmöglichkeiten sind natürlich eingeschränkt, aber Berlin ist die Theaterhauptstadt der Welt. Ins Theater gehe ich immer noch, wenn auch nicht so oft wie früher. Ich bin stolz darauf, dass mit Dietmar Schwarz ein ehemaliger Dramaturg von mir die Deutsche Oper leitet, und das sehr erfolgreich. Viele ehemalige Schauspieler des Bremer Theaters sind auf ihren Karrierehöhepunkten hier in Berlin gelandet.

Macht es Ihnen noch Spaß, ins Theater zu gehen?

Das Vergnügen ist ein Gemischtes. Mir fehlt am heutigen Theater weitgehend der Biss, die Vehemenz und die Intensität. Vieles erlebe ich als zu beiläufig und genügsam. Die Spielpläne haben an Originalität verloren und reduzieren sich auf fragwürdige Adaptionen von Romanen und Filmen. Die heutigen Dramaturgen lesen nicht mehr und lassen die Schätze der reichen Theaterliteratur ungehoben. Dadurch werden die Programme der Bühnen in der Stückeauswahl und in den Inszenierungsstilen sehr uniform.

Sie waren 13 Jahre in Bremen Intendant. Haben Sie noch Bezüge zum Bremer Theater?

Seit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft war ich nicht mehr im Bremer Theater, auch nicht im Theatro, das ich für das schönste Theatercafé halte. Die Besuche sind in meiner derzeitigen Situation aber auch schwer herstellbar. Aber ich verfolge alles, was über das Bremer Theater publiziert wird. Ich verstehe es als Auszeichnung, dass ich eingeladen wurde, am 29. September im Haus der Bürgerschaft eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Kurt Hübner zu eröffnen – die alte Bremer Theaterlegende und mich haben eine hohe wechselseitige Wertschätzung miteinander verbunden.

In Ihrer Bremer Zeit setzten Sie sich immer wieder vehement für den Erhalt des Vier-Sparten-Hauses ein. Fehlt Ihnen der Kampf mit der Politik?

Das Bremer Theater war während meiner Intendanz das vitalste Stadttheater in der deutschsprachigen Landschaft. Es ist uns gelungen, alle vier Sparten gleichzeitig zum Blühen zu bringen. Ich halte die Stadttheaterstrukturen für perspektivreich, die Theatermenschen müssen mit diesen Strukturen nur produktiv umgehen und sie entfesseln. Das Theater muss das Fanal in einer Stadt sein. Immerhin war das Opernhaus des Jahres eine einmalige Auszeichnung für eine Bühne wie Bremen. Wir haben nicht weniger als 13 Musiktheater-Uraufführungen herausgebracht. Der Kampf gegen die desaströse Bremer Kulturpolitik (neun Senatoren habe ich überlebt) hat meine Gesundheit beschädigt. Aber ich vermisse das Kämpfertum bei vielen heutigen Intendantenkollegen, ebenso künstlerische Entschiedenheit und Risikobereitschaft. Viele Intendanten sind Erfolgsopportunisten.

Wo sehen Sie die Theaterlandschaft?

Die deutsche Theaterlandschaft ist führend in der Welt und nicht von ungefähr Bestandteil des Unesco-Weltkulturerbes. Sie kann nur erhalten werden durch unangepasstes, freches, attraktives, alle Sinne ansprechendes Theater, durch große Öffentlichkeitswirkung. Und durch das kulturpolitische Kämpfertum ihrer künstlerischen Leiter.

Die Fragen stellte Martin Märtens.