Start Bremen Was macht … „Ich kann viel mehr, als Popstar sein“

„Ich kann viel mehr, als Popstar sein“

Was macht eigentlich Judith Buthmann alias T-Seven?

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Foto: M. Meister

Mit zarten 17 Jahren stürmte Judith Buthmann alias T-Seven als Teil des Eurodance-Acts Mr. President die Charts, räumte mit den Kollegen Daniela Haak und Delroy Rennalls Gold und Platin für den internationalen Sommerhit „Coco Jamboo“ ab. 20 Jahre und 20 Millionen verkaufte Tonträger später schlägt ihr Herz noch immer für die Musik – jedoch im ruhigeren Beat. Mit dem Gitarristen Volkmar Dittmer spielt sie heute am liebsten jazzige Nummern. Welche Lieben und Leidenschaften ihr heutiges Leben außerdem bereichern, erzählt die Bremerin im Interview.

20 Jahre sind seit Ihrem Durchbruch mit Mr. President vergangen. Was halten Sie von 90er-Partys und Dance-Revival?
Die alten Hits abzufeiern, macht mir immer noch Spaß, da geht es mir so, wie allen anderen auch. Das war die Partymucke meiner Generation und ganz viele Erinnerungen sind verbunden mit Songs von Snap und anderen Acts, die damals erfolgreich waren.

Junge Leute haben diese persönlichen Erinnerungen nicht, feiern zur Dance-Musik aber trotzdem gern …
Ja, und das finde ich richtig gut. Vor allem, weil die jüngere Generation das Genre nicht als „Trash“ bewertet, sondern nur der Spaß zählt, den die Musik transportiert.

Haben Sie die Bewertung früher anders wahrgenommen?
In Deutschland war Dance in den Augen vieler minderwertige Musik. Anders war es in Amerika, dort wurden wir als Künstler wahrgenommen, die ihren Job machen. Das Genre spielte keine Rolle.

Sie waren sehr jung, als sie anfingen …
Mit 14 gab es erste Auftritte in kleinen Clubs, mit 17 folgten die großen Touren und die Goldene Schallplatte. Das war aufregend und wir dachten, das geht jetzt immer so weiter. Aber abgehoben sind wir trotzdem nicht.

Wie sah Ihr Alltag damals aus?
Als Star kriegst du jeden Tag einen Zettel in die Hand gedrückt: Frühstück, Flugzeit, Interview, Auftritt, Bett. Dein Leben ist komplett durchgetaktet und fremdbestimmt. Eigene Entscheidungen triffst du nicht, und das ist genau der Grund, warum so viele daran hängen bleiben. Wenn du jung anfängst und dann aussteigst, fehlt dir eine wichtige Phase in der Entwicklung, in der du dich fragst: Was will ich eigentlich selbst?

Haben Sie den frühen Erfolg zu irgendeinem Zeitpunkt bereut?
Nein, denn ohne die Erfahrungen wäre ich nicht der Mensch, der ich jetzt bin. Natürlich war es nach dem Ausstieg nicht einfach, meinen Weg zu finden. Aber ich habe meinen Frieden damit geschlossen und mag mein heutiges Leben mit all seinen Facetten sehr. Ich kann viel mehr, als nur Popstar sein.

Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, im Jahr 2000 endgültig auszusteigen?
Bei der Preisverleihung des Comet hatten die Bloodhound Gang und Die Fantastischen Vier coole Auftritte, und ich dachte nur: Wenn ich auf die Bühne gehe, kann ich einen Wischmopp fliegen lassen und „Simbaleo“ singen, wie im Video zu diesem Song (lacht). Da merkteich, dass ich andere Musik machen will. Wenige Monate später bin ich dann ausgestiegen – mit ganz viel Muffensausen.

Hatten Sie Pläne, wie es weitergeht?
Nein, und das Musikgeschäft ist tückisch. Ich wollte weg von der Dance-Musik, aber der Plattenfirma ging es nur ums Geschäft. Nach einem halben Jahr kriegte ich als Solo-Künstlerin wieder eine Dance-Nummer serviert und ich kam nicht aus dem Vertrag heraus. Erst, als sie mit mir kein Geld mehr verdient haben, ließen sie mich gehen.

In dieser Zeit kam unter anderem die Single „Passion“ heraus, im Video geizen Sie nicht mit nackter Haut. Wie sehen Sie Ihre Rolle heute?
Meine Mutter hat mich damals oft gefragt, ob das sein muss. Ich konnte gar nicht verstehen, was sie dagegen hat. In dem Geschäft geht es um die Show, du spielst eine Rolle auf der Bühne, Sex verkauft sich gut – das ist heute nicht anders. In dem Moment war das für mich in Ordnung und ich gehe heute mit meiner Vergangenheit versöhnlich um.

Was ist aktuell musikalisch los?
Ich arbeite mit dem Gitarristen Volkmar Dittmer als Unplugged-Duo zusammen. Aus Hits der 90er machen wir unsere eigenen Versionen und das macht mir wahnsinnig viel Spaß. Darüber hinaus haben wir Auftritte in Clubs, bei Ausstellungen und Festen mit poppig-jazzigen Nummern, auch das funktioniert hervorragend. Damit hebeln wir einerseits das Cliché aus, dass Dance-Songs per se schlechte Kompositionen sind. Andererseits singe ich einfach sehr gerne Jazz-Stücke, weil sie besonders intim und ausdrucksstark sind.

Neben der Musik moderieren Sie seit zehn Jahren beim Radiosender Energy Bremen, geben privates Vocal-Coaching und sind ausgebildete Pferdetrainerin. Sie scheinen noch immer umtriebig …
Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, sehe ich Rehe, ich miste täglich die Ställe meiner drei Pferde aus und bin heute viel bodenständiger. Meine Liebe zu meinem Mann und seinen drei Söhnen kann ich mit meiner Musik und der Leidenschaft für Pferde vereinbaren. Ich muss mich nicht mehr für eine Sache entscheiden, und das ist gut so.

Das Interview führte Kristina Wiede.