Start Bremen Was macht … Chronist eines halben Jahrhunderts

Chronist eines halben Jahrhunderts

WESER-KURIER-Fotograf Jochen Stoss machte in seiner Berufslaufbahn knapp eine Million Fotos

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Foto: MÄR

Er fotografierte alle vier Meisterschaften von Werder Bremen, hatte die Rolling Stones, Tina Turner, Michael Jackson sowie Bruce Springsteen vor der Kamera und ging im Rathaus ein und aus. Jochen Stoss war in Bremen von 1958 bis 2011 als Pressefotograf tätig. Noch heute werden seine Fotos regelmäßig ausgestellt – aktuell noch bis zum 30. August in der Ausstellung „Sieben auf einen Streich“ in der Arbeitnehmerkammer Bremen. Im Gespräch erzählt der 77-Jährige, wie er zur Fotografie kam, welches sein Negativerlebnis war und warum er heute nicht mehr fotografiert.

Herr Stoss, wie geht es Ihnen?
Gut, ich bin zufrieden. Ich musste mich aber erst an die neue Situation gewöhnen. Wenn man 50 Jahre in einem Verlag gearbeitet hat, ist es natürlich schwierig, von einem auf den anderen Tag aufzuhören.

Fotografieren Sie denn noch?
Nein, so gut wie gar nicht mehr. Meine Frau hat mir vor einigen Jahren zwar eine aktuelle Kamera geschenkt, aber benutzt habe ich sie kaum. Ich hatte sie zwar öfter dabei, aber es fehlte der Druck. Ich bin ein Typ, der einen Auftrag braucht. Ohne ist es schwierig für mich. Dafür fotografiert meine Frau jetzt. Und meine Söhne und Schwiegertöchter auch.

Werden Sie von ihnen um Rat gebeten?
Ja, die entwickeln sich gerade, was das Fotografieren angeht und fragen natürlich viel nach. Das Interessante ist, dass jeder seinen eigenen Stil entwickelt hat und ich bei jedem Foto sofort erkennen kann, von wem es stammt.

Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Ein Freund von mit fotografierte bereits und das interessierte mich. Also habe ich mir zur Konfirmation eine Kamera gewünscht und ging dann gleich am nächsten Tag damit los und suchte in der Innenstadt nach interessanten Situationen. Rein zufällig kam ich an der Bischofsnadel vorbei, wo zwei neue Lampen gesetzt wurden. Das habe ich fotografiert und bin mit den Bildern gleich zum WESER-KURIER. Die Fotos wurden gleich am nächsten Tag veröffentlicht. Schließlich habe ich nach der Schule beim Schünemann Verlag gelernt. Anschließend bin ich zum WESER-KURIER gewechselt, und habe dort bis 2011 gearbeitet.

Erinnern Sie sich an besondere Momente in Ihrem Berufsleben?
Ja, wobei bei mir da vor allem etwas Negatives hängegenblieben ist, das Gladbecker Geiseldrama. Was wir damals gemacht haben, war nicht gut. Wir waren in Huckelriede vor Ort und einer der Gangster zeigte auf einige Fotografen und sagte, dass sie in den Bus dürften. Ich war dabei und habe damals auch Fotos gemacht. Keine gute Sache.

Haben Sie sich eher als Künstler oder als Pragmatiker verstanden?
Ich war eher Pragmatiker. Ich war zwar, wenn möglich, immer schon zehn Minuten vor dem eigentlichen Termin am Ort des Geschehens, um zu gucken, von wo und wie ich das Foto am besten mache. Aber für ein Foto wie das, als der Zirkuslöwe die damalige Senatorin und Bürgermeisterin Annemarie Mevissen im Rathaus erschreckt hat, als er seine Pranken auf ihren Schreibtischs setzte, da muss man einfach schnell sein.

Sie kannten viele wichtige Personen aus Politik, Sport, Kultur und Wirtschaft auch persönlich. Ein Vorteil?
Ganz sicher, wobei das damals andere Zeiten waren. Bei meinem ersten Termin im Rathaus kam ich noch im schwarzen Anzug, das musste ich später nicht mehr, als man mich kannte. Ich glaube, viele Personen waren früher etwas nahbarer, viele Werder-Spieler der ersten Meistermannschaft kenne ich noch heute privat gut.

Wissen Sie, wie viele Fotos Sie für den WESER-KURIER geschossen haben?
Ganz genau kann ich es nicht sagen, aber es müsste so etwa knapp eine Million gewesen sein.

Ein Moment, den Jochen Stoss fotografisch festhielt: Ex-Bürgermeisterin Annemarie Mevissen erhält im Rathaus Besuch von einem Zirkuslöwen. Foto: Jochen Stoss