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„Tri Top Kirsche“ und der Senf

Dirk Böhling, Jahrgang 1964, ist Schauspieler, Regisseur, Moderator und Autor. Im STADTMAGAZIN wirft er einen Blick auf seine Generation – und auf Bremen.

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Dirk Böhling
Dirk Böhling, Foto: FR

Wer in den 70ern Kind war, hat beim ersten Teil dieser Überschrift sicherlich sofort einen ganz bestimmten Geschmack im Mund. Den Geschmack nach Tri Top nämlich, welches in unserer Familie etwas anders hieß, weil mein kleiner Bruder es trotz ständiger Berichtigungen standhaft „Tri Trop“ nannte. Egal, wir wussten ja, was er meinte.
Unser Lieblingsgetränk war „Tri Top Kirsche“, aber es gab diesen ebenso süßen wie dickflüssigen Sirup auch in den Geschmacksrichtungen Pfirsich oder Himbeere. Den galt es dann so geschickt mit Leitungswasser (Snobs nahmen auch Sprudel) zu mischen, dass zwar der Geschmack erhalten blieb, es aber dennoch nicht zu süß und so noch erfrischend wurde.

Kein Kindergeburtstag ohne dieses „gesunde“ Mischverhältnis, kein Badeausflug, nach dem man die Thermoskanne tüchtig auswaschen musste, damit sie nicht von innen klebte, kein Familienfest, bei dem sich die Kinder nicht um den letzten Tropfen stritten. Apropos Familie. Besonders schön war es, als unsere Großmutter einmal die schmale Flasche entdeckte und ganz neugierig fragte, was denn das wohl Leckeres sei. „Das ist Fruchtsaft, Oma“, antworteten wir und verschwiegen dabei, dass man den köstlichen Inhalt mit Wasser mischen musste …

Wer nun aber wie wir voller Vorfreude dachte, dass sich die geliebte Verwandte gleich kräftig schütteln und dabei ein Gesicht wie Helga Feddersen machen würde, der irrte. Likörerprobt kostete Oma, schnalzte mit der Zunge, trank aus und schenkte sich gleich nochmal nach – ein fröhliches „das ist aber was Feines“ auf den Lippen. Wir haben die Flasche danach immer versteckt, wenn Oma zu Besuch kam …

Serviert wurden dieses und andere Getränke meiner Jugend übrigens gerne in kleinen, robust gekachelten Gläsern mit Henkel, die eigentlich zu einem ganz anderen Zweck erworben worden waren. Haben Sie eine Idee? Richtig! Auf diesen Gläsern klebten vorher Papieretiketten mit der Aufschrift „mittelscharf“ oder „scharf“. Sie hatten einen Plastikdeckel, den man einfach draufdrückte, und sie kamen vor der Nutzung als Trinkgefäß meistens bei Grillabenden zum Zug: Senfgläser.

An solchen Grillabenden oder Bockwurst-Events nahm ich mir immer extra viel Senf zur Wurst. Nicht etwa, weil ich so – pardon – scharf darauf war. Nein, ich konnte es einfach nicht erwarten, dass wieder ein Glas leer war und abgewaschen wurde, damit ich daraus trinken konnte. Das Abwaschen war übrigens wirklich wichtig – denn einmal war ich in der Glasreinigung etwas nachlässig! Danach wusste ich dann auch, warum bei dem Mischgetränk auf die Geschmacksrichtung „Senf“ verzichtet worden war. Senfgläser, die es später in den Küchenschrank schaffen, gibt es heute eher selten. Man findet sie höchstens noch in Büroküchenzeilen oder bei Dauercampern.

Neulich habe ich aber tatsächlich mal wieder ein solches Glas in der Hand gehabt und jetzt raten Sie mal, welchen Geschmack ich sofort wieder auf der Zunge spürte … na klar: „Tri Top Kirsche“. Ich hab’ dann gleich meinen Bruder angerufen und ihm von dem Henkelglas erzählt und natürlich hat er wie aus der Pistole geschossen „Tri Trop“ gesagt.